Ender mußte eingestehen, daß sie recht hatte. Quara und Grego, Miro und Quim und Olhado dazu zu bringen, ihm so weit zu vertrauen, daß sie mit ihm sprachen – das war nicht einfach gewesen, als Ender gerade auf Lusitania eingetroffen war. Doch Ela hatte von Anfang an mit ihm gesprochen, und Novinhas andere Kinder und Novinha selbst schließlich auch. Die Familie war sehr loyal, doch sie waren auch willensstark und hatten alle eine eigene Meinung, und es gab nicht einen unter ihnen, der sein eigenes Urteil nicht über das aller anderen setzte. Beide, Grego und Quara, konnten durchaus zum Schluß kommen, es geschähe nur zu Lusitanias Bestem oder zu dem der Menschheit oder der Wissenschaft, sich einem anderen anzuvertrauen, und das Geheimhaltungsgebot war dahin. Genau wie die Regel, keinen Kontakt zu den Schweinchen aufzunehmen, gebrochen worden war, noch bevor Ender hier eingetroffen war.
Wie nett, dachte Ender. Eine weitere mögliche Quelle für eine Katastrophe, die völlig außerhalb meiner Kontrolle steht.
Als Ender das Labor verließ, wünschte er sich, wie schon so oft zuvor, Valentine sei hier. Sie vermochte es, ein ethisches Dilemma aufzulösen. Sie würde bald hier sein – aber noch rechtzeitig? Ender verstand die Standpunkte, die sowohl Quara als auch Grego vertraten, und stimmte größtenteils mit beiden überein. Am meisten störte ihn die Notwendigkeit, das Problem geheimzuhalten; das verhinderte, mit den Pequeninos, nicht einmal mit Mensch selbst, über eine Entscheidung sprechen zu können, die sie genauso betraf wie jeden Kolonisten von der Erde. Und doch hatte Novinha recht. Die Sache jetzt öffentlich zu besprechen, bevor sie überhaupt wußten, was möglich war – das würde bestenfalls zu Verwirrung führen, schlimmstenfalls zu Anarchie und Blutvergießen. Die Pequeninos waren jetzt friedlich, doch die Geschichte der Spezies war blutig.
Als Ender aus dem Tor trat, um auf die Experimentalfelder zurückzukehren, sah er, daß Quara neben dem Vaterbaum Mensch stand, die Stöcke in der Hand und in ein Gespräch vertieft. Sie hatte nicht gegen den Stamm geschlagen, oder Ender hätte es gehört. Also wollte sie sich ungestört unterhalten. Das war in Ordnung. Ender würde einen Umweg machen, damit er ihr nicht so nahe kam, daß er mithören konnte.
Doch als sie sah, daß Ender in ihre Richtung schaute, beendete Quara augenblicklich ihr Gespräch mit Mensch und ging schnellen Schrittes den Pfad zum Tor entlang. Natürlich kam sie dabei direkt an Ender vorbei.
»Verrätst du Geheimnisse?« fragte Ender. Er hatte seine Bemerkung als bloße Hänselei gemeint. Erst als die Worte über seine Lippen gekommen waren und Quara solch einen verstohlenen Gesichtsausdruck aufsetzte, begriff Ender, was für ein Geheimnis Quara vielleicht verraten hatte. Und ihre Worte bestätigten seinen Verdacht.
»Mutters Vorstellung von Fairneß ist nicht immer die meine«, sagte Quara. »Und deine übrigens auch nicht.«
Er hatte gewußt, daß sie es vielleicht tun würde, aber niemals geglaubt, daß sie es so schnell tun würde, nachdem sie versprochen hatte, es nicht zu tun. »Aber ist Fairneß nicht immer die wichtigste Erwägung?« fragte Ender.
»Für mich ja«, sagte Quara.
Sie versuchte, sich umzudrehen und durch das Tor zu gehen, doch Ender hielt sie am Arm fest.
»Laß mich los.«
»Es Mensch zu verraten ist eine Sache«, sagte Ender. »Er ist sehr weise. Doch verrate es keinem sonst. Einige Pequeninos, einige Männchen, können ziemlich aggressiv werden, wenn sie glauben, sie hätten einen Grund dazu.«
»Sie sind nicht einfach Männchen«, sagte Quara. »Sie nennen sich Gatten. Vielleicht sollten wir sie Männer nennen.« Sie bedachte Ender mit einem triumphierenden Lächeln. »Du bist nicht halb so aufgeschlossen, wie du gern glaubst.« Dann stürmte sie an ihm vorbei und ging durch das Tor in die Stadt.
Ender ging zu Mensch weiter und blieb vor ihm stehen. »Was hat sie dir gesagt, Mensch? Hat sie dir gesagt, daß ich eher sterben würde, bevor ich zuließe, daß jemand die Descolada ausmerzt, wenn dadurch dir und deinem Volk Schaden zugefügt würde?«
Natürlich hatte Mensch keine umgehende Antwort für ihn, denn Ender hatte nicht die Absicht, mit den Sprechstöcken auf seinen Stamm zu schlagen; in diesem Fall würden die männlichen Pequeninos es hören und angelaufen kommen. Es gab kein privates Gespräch zwischen Pequeninos und Vaterbäumen. Wenn ein Vaterbaum Zurückgezogenheit wünschte, konnte er immer stumm mit den anderen Vaterbäumen sprechen – sie kommunizierten miteinander von Geist zu Geist, wie die Schwarmkönigin mit den Krabblern sprach, die ihr als Ohren, Augen, Hände und Füße dienten. Wäre ich doch nur Teil dieses Kommunikationsnetzwerks, dachte Ender. Augenblickliche Sprache, die aus reinen Gedanken bestand und überall ins Universum ausgestrahlt wurde.
Doch er mußte etwas sagen, um dem entgegenzuwirken, was Quara wahrscheinlich gesagt hatte. »Mensch, wir tun alles, was wir können, um sowohl die Menschen als auch die Pequeninos zu retten. Wir versuchen sogar, den Descolada-Virus zu retten, falls es möglich ist. Ela und Novinha sind auf ihren Fachgebieten sehr gut. Grego und Quara übrigens auch. Aber bitte, vertraue uns für den Augenblick und sage den anderen nichts. Bitte. Wenn Menschen und Pequeninos begreifen sollten, in welcher Gefahr wir uns befinden, bevor wir bereit sind, Schritte zu unternehmen, zu sie bannen, wären die Auswirkungen gewalttätig und schrecklich.«
Sonst gab es nichts zu sagen. Ender kehrte zu den Experimentalfeldern zurück. Vor Anbruch der Nacht waren er und Pflanzer mit den Messungen fertig; danach brannten sie das ganze Feld ab. Innerhalb der Auflösungsbarriere konnte kein größeres Molekül überleben. Sie hatten alles getan, was in ihrer Macht stand, um sicherzustellen, daß die Descolada vergessen würde, was auch immer sie von diesem Feld gelernt hatte.
Doch weder die Menschen noch die Pequeninos waren jemals imstande, die Viren loszuwerden, die sie in ihren eigenen Zellen trugen. Was, wenn Quara recht hatte? Was, wenn die Descolada innerhalb der Barriere vor ihrem Tod den Viren, die Pflanzer und Ender in sich trugen, ›verraten‹ konnte, was sie von dieser neuen Kartoffelzüchtung gelernt hatte? Wenn sie Mitteilungen über die Verteidigungsmaßnahmen machen konnte, die Ela und Novinha einzubauen versucht hatten? Über die Methoden, die dieser Virus entdeckt hatte, um ihre Taktik zunichte zu machen?
Wie konnte Ender, wie konnte irgendeiner von ihnen hoffen, am Ende den Sieg davonzutragen, falls die Descolada wirklich intelligent war und eine Sprache hatte, um Informationen und Verhaltensmaßregeln von einem Individuum an viele andere weiterzugeben? Auf lange Sicht war es durchaus möglich, daß es sich bei der Descolada um die anpassungsfähigste Spezies überhaupt handelte, um diejenige, die am besten geeignet war, Welten zu unterwerfen und Rivalen auszuschalten, die stärker war als die Menschen oder Schweinchen oder Krabbler oder irgendein anderes lebendes Geschöpf auf irgendeiner besiedelten Welt. Mit diesem Gedanken ging Ender an diesem Abend zu Bett, und dieser Gedanke beschäftigte ihn noch, während er mit Novinha schlief, so daß sie den Drang verspürte, ihn zu trösten, als sei er es und nicht sie, auf dessen Schultern die Last einer ganzen Welt lag. Er wollte sich entschuldigen, sah aber schnell ein, daß es vergeblich war. Warum sollte er ihre Sorgen vergrößern, indem er ihr von seinen eigenen berichtete?
Mensch lauschte Enders Worten, doch er konnte mit dem, was Ender von ihm erbat, nicht einverstanden sein. Schweigen? Nicht, wenn die Menschen neue Viren erschufen, die den Lebenszyklus der Pequeninos vielleicht veränderten. Oh, Mensch würde den unreifen Männchen und Weibchen nichts sagen. Doch er konnte – und würde – es allen anderen Vaterbäumen auf ganz Lusitania verraten. Sie hatten das Recht zu wissen, was vor sich ging, und konnten dann gemeinsam beschließen, was zu unternehmen war.