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Doch für Wang-mu war die Gottberührte nicht unnahbar gewesen – sie hatte mit Qing-jao gesprochen. Also entschloß sich Qing-jao, das zu sagen, was sie tief im Herzen empfand. »Si Wang-mu, ich wäre gern für den Rest meines Lebens blind, könnte ich nur von den Stimmen der Götter frei sein.«

Wang-mu riß entsetzt den Mund und die Augen auf.

Es war ein Fehler gewesen, so zu sprechen. Qing-jao bedauerte es augenblicklich. »Es war nur ein Scherz«, sagte sie.

»Nein«, sagte Wang-mu. »Jetzt lügt Ihr. Dann habt Ihr also die Wahrheit gesagt.« Sie kam näher, stampfte achtlos durch den Schlamm und zertrampelte dabei Reispflanzen. »Mein ganzes Leben lang habe ich gesehen, wie die Gottberührten in ihren Sänften zum Tempel getragen werden, wie sie bunte Seide tragen, wie sich alle Menschen vor ihnen verbeugen, wie ihnen alle Computer offenstehen. Wenn sie sprechen, sind ihre Worte Musik. Wer wäre nicht gern so eine?«

Qing-jao konnte nicht offen antworten, konnte nicht sagen: Die Götter erniedrigen mich jeden Tag, zwingen mich, dumme, bedeutungslose Dinge zu tun, um mich zu reinigen, und am nächsten Tag fängt alles von vorn an. »Du wirst mir nicht glauben, Wang-mu, doch dieses Leben hier in den Feldern ist besser.«

»Nein!« rief Wang-mu. »Euch wurde alles beigebracht. Ihr wißt alles, was es zu wissen gibt! Ihr sprecht viele Sprachen, Ihr könnt alle Worte lesen, Ihr könnt Gedanken denken, die so weit über den meinen stehen, wie meine über denen einer Schnecke.«

»Du sprichst sehr klar und gut«, sagte Qing-jao. »Du mußt eine Schule besucht haben.«

»Eine Schule!« sagte Wang-mu verächtlich. »Was kümmern sie schon Schulen für Kinder wie mich? Wir lernen zu lesen, aber nur so viel, um später Gebete und Straßenschilder lesen zu können. Wir lernen zu zählen, aber nur genug, um später einkaufen gehen zu können. Wir prägen uns die Sprüche der Weisen an, aber nur diejenigen, die uns lehren, mit unserem Platz im Leben zufrieden zu sein und jenen zu gehorchen, die klüger sind als wir.«

Qing-jao hatte nicht gewußt, daß Schulen so sein konnten. Sie dachte, die Kinder lernten in den Schulen dasselbe, was sie von ihren Privatlehrern lernte. Doch sie sah sofort ein, daß Si Wang-mu die Wahrheit sagen mußte – ein Lehrer mit dreißig Schülern konnte nicht all die Dinge lehren, die Qing-jao als eine Schülerin bei vielen Lehrern gelernt hatte.

»Meine Eltern sind sehr niedrig«, sagte Wang-mu. »Warum sollten sie ihre Zeit damit verschwenden, mich mehr zu lehren, als eine Dienerin wissen muß? Dann das ist meine höchste Hoffnung im Leben, sehr sauber herausgeputzt und Dienerin im Haus eines reichen Mannes zu werden. Sie haben sehr sorgsam darauf geachtet, mir beizubringen, wie man einen Fußboden schrubbt.«

Qing-jao dachte an die Stunden, die sie auf den Fußböden ihres Hauses verbracht hatte, um Holzmaserungen von einer Wand zur anderen nachzuspüren. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, wieviel Arbeit es für die Bediensteten bedeutete, die Böden so sauber und poliert zu halten, daß Qing-jaos Gewänder trotz all ihrer Kriecherei niemals schmutzig wurden.

»Ich weiß auch etwas über Böden«, sagte Qing-jao.

»Ihr wißt etwas von allem«, sagte Wang-mu verbittert. »Also sagt mir nicht, wie hart es ist, daß die Götter zu einem sprechen. Die Götter haben mir nie auch nur einen Gedanken gewidmet, und ich sage Euch, das ist schlimmer!«

»Warum hattest du keine Angst, mit mir zu sprechen?« fragte Qing-jao.

»Ich habe den Entschluß gefaßt, vor nichts Angst zu haben. Was könntet Ihr mir antun, das schlimmer ist als das Leben, das ich jetzt schon führe?«

Ich könnte dich zwingen, dir jeden Tag deines Lebens die Hände zu waschen, bis sie bluten.

Doch dann drehte sich etwas in Qing-jaos Verstand, und sie begriff, daß dieses Mädchen solch eine Strafe vielleicht nicht für schlimmer hielt. Vielleicht würde Wang-mu ihre Hände bereitwillig waschen, bis nur noch blutige Haut an den Stümpfen der Gelenke von ihnen übrig war, wenn sie nur alles lernen konnte, was Qing-jao wußte. Qing-jao hatte sich so bedrückt gefühlt, weil die Aufgabe, die ihr Vater ihr gestellt hatte, einfach unmöglich war – und doch war es eine Aufgabe, deren Erfüllung oder Scheitern die Geschichte verändern würde. Wang-mu würde ihr ganzes Leben leben und niemals eine einzige Aufgabe gestellt bekommen, die am nächsten Tag nicht erneut erledigt werden mußte; Wang-mus gesamtes Leben würde nur daraus bestehen, eine Arbeit zu tun, die man nur bemerkte, wenn sie sie schlecht erledigte. War die Arbeit eines Dienstboten letztendlich nicht so fruchtlos wie die Rituale der Reinigung?

»Das Leben einer Dienerin muß hart sein«, sagte Qing-jao. »Ich bin um deinetwillen froh, daß du noch nicht eingestellt wurdest.«

»Meine Eltern warten in der Hoffnung, daß ich hübsch sein werde, wenn ich eine Frau werde. Dann bekommen sie einen besseren Einstellungsbonus, wenn sie mich zum Dienst freigeben. Vielleicht will mich der Diener eines reichen Mannes zur Frau; vielleicht will mich eine reiche Dame als ihre geheime Magd.«

»Du bist bereits hübsch«, sagte Qing-jao.

Wang-mu zuckte die Achseln. »Meine Freundin Fan-liu steht schon in Diensten, und sie sagt, daß die Häßlichen schwerer arbeiten, aber von den Männern des Hauses in Ruhe gelassen werden. Die Häßlichen sind frei, ihre eigenen Gedanken zu denken. Sie müssen keine netten Sachen zu ihren Damen sagen.«

Qing-jao dachte an die Dienstboten im Haus ihres Vaters. Sie wußte, daß ihr Vater niemals eine Dienstmagd belästigen würde. Und zu ihr mußte niemand nette Sachen sagen. »In meinem Haus ist es anders«, sagte sie.

»Aber ich diene nicht in Eurem Haus.«

Nun wurde ihr plötzlich alles klar. Wang-mu hatte sie nicht aus einer Laune heraus angesprochen, sondern in der Hoffnung, man würde ihr eine Stelle als Dienstmagd im Haus einer Gottberührten anbieten. Nach allem, was sie wußte, galt der Klatsch in der Stadt zur Zeit fast ausschließlich der jungen Dame Han Qing-jao, zu der die Götter sprachen und die mit ihren Lehrern fertig war und ihre erste Aufgabe als Erwachsene bekommen hatte – und daß sie noch immer weder einen Gatten noch eine geheime Magd hatte. Si Wang-mu hatte wahrscheinlich durch irgendwelche Tricks erreicht, derselben Gruppe rechtschaffener Arbeiter zugeteilt zu werden wie Qing-jao, um genau dieses Gespräch führen zu können.

Einen Augenblick lang war Qing-jao wütend. Dann dachte sie: Warum sollte Wang-mu nicht genau das tun, was sie getan hat? Das schlimmste, was ihr passieren könnte, wäre, daß ich dahinterkäme, was sie vorhat, wütend werde und sie nicht einstelle. Dann wäre sie nicht schlechter dran als zuvor. Und wenn ich nicht dahinterkäme, was sie vorhat, und sie tatsächlich mag und sie einstellte, wäre sie die geheime Magd einer gottberührten Dame. Hätte ich nicht dasselbe getan, wäre ich an ihrer Stelle?

»Glaubst du, du kannst mich hereinlegen?« fragte Qing-jao. »Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du mich dazu bringen willst, dich als meine Dienerin einzustellen?«

Wang-mu schaute verwirrt, wütend, verängstigt drein. Klugerweise schwieg sie jedoch.

»Warum gibst du mir keine wütende Antwort?« fragte Qing-jao. »Warum streitest du nicht ab, nur mit mir gesprochen zu haben, damit ich dich einstelle?«

»Weil es stimmt«, sagte Wang-mu. »Ich lasse Euch jetzt allein.«

Das hatte Qing-jao zu hören gehofft – eine ehrliche Antwort. Sie hatte nicht die Absicht, Wang-mu gehen zu lassen. »Wieviel von dem, was du mir erzählt hast, ist wahr? Daß du eine gute Ausbildung willst? Daß du etwas besseres in deinem Leben tun willst als Dienstbotenarbeit?«

»Alles«, sagte Wang-mu, und es lag nachdrückliche Leidenschaft in ihrer Stimme. »Aber was bedeutet Euch das? Ihr tragt die schreckliche Last der Stimmen der Götter.«

Wang-mu sprach den letzten Satz mit solch verächtlichem Sarkasmus, daß Qing-jao fast laut aufgelacht hätte; doch sie hielt sich zurück. Es bestand kein Grund, Wang-mu noch wütender zu machen, als sie es schon war. »Si Wang-mu, Tochter-im-Herzen der Königlichen Mutter des Westens, ich werde dich als meine geheime Magd einstellen, aber nur, wenn du mit den folgenden Bedingungen einverstanden bist. Erstens, ich werde deine Lehrerin sein, und du wirst alle Lektionen lernen, die ich dir stelle. Zweitens, du wirst mich als Gleichberechtigte ansprechen und dich nie vor mir verbeugen oder mich ›Heilige‹ nennen. Und drittens…«