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»Wang-mu ist unverschämt und ehrgeizig«, sagte Vater, »doch sie ist auch ehrlich und viel intelligenter, als ich es erwartet habe. Wegen ihres scharfen Verstands und scharfen Ehrgeizes schließe ich, daß du sie sowohl als Schülerin wie auch als geheime Magd haben willst.«

Wang-mu atmete erschrocken ein, und als Qing-jao zu ihr hinüber sah, erkannte sie, wie entsetzt das Mädchen war. Oh, ja – sie muß glauben, daß ich glaube, sie habe Vater von unserem geheimen Plan erzählt. »Keine Angst, Wang-mu«, sagte Qing-jao. »Vater errät fast immer Geheimnisse. Ich weiß, daß du ihm nichts gesagt hast.«

»Ich wünschte, mehr Geheimnisse wären so einfach wie dieses«, sagte Vater. »Meine Tochter, ich gratuliere dir zu deiner würdigen Großzügigkeit. Die Götter werden dich dafür ehren, wie auch ich.«

Das Lob kam wie Salbe auf eine stechende Wunde. Vielleicht hatte ihre Aufsässigkeit sie deshalb nicht vernichtet, hatte irgendein Gott ihr Gnade erwiesen und gezeigt, wie sie ihr Zimmer verlassen konnte. Weil sie Wang-mu mit Gnade und Weisheit beurteilt, dem Mädchen seine Unverschämtheit verziehen hatte, wurde ihr selbst nun ebenfalls ihr ungeheuerlicher Wagemut verziehen.

Wang-mu bereut ihren Ehrgeiz nicht, dachte Qing-jao. Noch werde ich meine Entscheidung bereuen. Ich darf nicht zulassen, daß Vater vernichtet wird, nur weil ich keine nichtgöttliche Erklärung für das Verschwinden der Lusitania-Flotte finden – oder erfinden – kann. Und doch – wie kann ich den Absichten der Götter trotzen? Sie haben die Flotte verborgen oder vernichtet. Und die Werke der Götter müssen von ihren gehorsamen Dienern erkannt werden, selbst wenn sie vor ungläubigen auf anderen Welten verborgen bleiben müssen.

»Vater«, sagte Qing-jao, »ich muß mit dir über meine Aufgabe sprechen.«

Vater verstand ihr Zögern falsch. »Wir können vor Wang-mu sprechen. Sie wurde als deine geheime Magd eingestellt. Ihr Vater hat den Einstellungsbonus bekommen, die ersten Barrieren der Geheimhaltung wurden in ihren Verstand eingefügt. Wir können darauf vertrauen, daß sie nichts von dem sagt, was sie hört.«

»Ja, Vater«, sagte Qing-jao. In Wahrheit hatte sie schon wieder vergessen, daß Wang-mu überhaupt anwesend war. »Vater, ich weiß, wer die Lusitania-Flotte verborgen hat. Aber du mußt mir versprechen, daß du es dem Sternenwege-Kongreß niemals sagen wirst.«

Vater, der ungewöhnlich gelassen war, schaute leicht überrascht drein. »So etwas kann ich nicht versprechen«, sagte er. »Es wäre meiner unwürdig, solch ein untreuer Diener zu sein.«

Was konnte sie jetzt tun? Wie konnte sie sprechen? Und wie konnte sie andererseits nichts sagen? »Wer ist dein Herr?« schrie sie. »Der Kongreß oder die Götter?«

»Zuerst die Götter«, sagte Vater. »Sie kommen immer zuerst.«

»Dann muß ich dir sagen, daß ich herausgefunden habe, daß die Götter die Flotte vor uns verborgen haben, Vater. Doch wenn du das dem Kongreß sagst, werden sie dich verspotten, und du wirst vernichtet sein.« Dann kam ihr ein anderer Gedanke in den Sinn. »Wenn die Götter die Flotte aufgehalten haben, Vater, dann muß die Flotte doch gegen den Willen der Götter losgeschickt worden sein. Und wenn der Sternenwege-Kongreß die Flotte gegen den Willen der Götter losgeschickt…«

Vater hob die Hand, damit sie schwieg. Sie hörte augenblicklich zu sprechen auf, neigte den Kopf und wartete.

»Natürlich sind es die Götter«, sagte Vater.

Seine Worte waren gleichzeitig eine Erleichterung wie auch eine Erniedrigung. Natürlich, hatte er gesagt. Hatte er es von Anfang an gewußt?

»Die Götter tun alles, was im Universum geschieht. Aber glaube nicht, den Grund dafür zu kennen. Du sagt, sie müssen die Flotte gestoppt haben, weil sie sich ihrer Mission widersetzen. Doch ich sage, daß der Kongreß die Flotte gar nicht hätte ausschicken können, hätten die Götter es nicht gewollt. Warum könnte es also nicht sein, daß die Götter die Flotte aufgehalten haben, weil ihre Mission so groß und edel war, daß die Menschheit ihrer nicht würdig ist? Oder was, wenn sie die Flotte verborgen haben, um dir eine schwierige Aufgabe zu stellen? Eins ist sicher: Die Götter haben dem Sternenwege-Kongreß erlaubt, den größten Teil der Menschheit zu beherrschen. Solange der Kongreß das Mandat des Himmels hat, werden wir von Weg seine Edikte ohne Widerspruch befolgen.«

»Ich wollte nicht widersprechen…« Sie konnte eine so offensichtlich falsche Aussage nicht beenden.

Vater verstand sie natürlich genau. »Ich höre, wie deine Stimme schwächer wird und deine Worte im Nichts verhallen. Das kommt daher, weil du weißt, daß deine Worte nicht stimmen. Trotz allem, was ich dich gelehrt habe, willst du dich dem Sternenwege-Kongreß widersetzen.« Dann wurde seine Stimme sanfter. »Du willst dich um meinetwegen widersetzen.«

»Du bist mein Vorfahre. Ich schulde dir eine höhere Pflichterfüllung als ihnen.«

»Ich bin dein Vater. Ich werde erst dein Vorfahre sein, wenn ich tot bin.«

»Dann Mutter zuliebe. Sollten sie je das Mandat des Himmels verlieren, werde ich ihr schrecklichster Feind sein, denn ich werde den Göttern dienen.« Doch noch während sie dies sagte, wußte sie, daß ihre Worte eine gefährliche Halbwahrheit darstellten. Bis vor ein paar Augenblicken – bis sie auf der Türschwelle aufgehalten worden war – war sie bereit gewesen, ihrem Vater zuliebe den Göttern zu trotzen. Ich bin die unwürdigste, schrecklichste Tochter, dachte sie.

»Ich sage dir jetzt, meine strahlend helle Tochter, der Widerstand gegen den Kongreß wäre niemals zu meinem Besten. Oder zu deinem. Doch ich vergebe dir, daß du mich im Übermaß liebst. Das ist die sanfteste und freundlichste aller Untugenden.«

Er lächelte. Es beruhigte sie, ihn lächeln zu sehen, obwohl sie wußte, daß sie seine Billigung nicht verdiente. Qing-jao war jetzt imstande, wieder klar zu denken, sich wieder dem Rätsel zuzuwenden. »Du hast gewußt, daß dies das Werk der Götter war, und hast mich doch nach der Antwort suchen lassen.«

»Aber hast du die richtige Frage gestellt?« sagte Vater. »Die Frage, die wir beantworten müssen, lautet: Wie haben die Götter es gemacht?«

»Woher soll ich das wissen?« antwortete Qing-jao. »Vielleicht haben sie die Flotte vernichtet oder verborgen, oder an irgendeinen geheimen Ort im Westen gebracht…«

»Qing-jao! Sieh mich an! Hör mir gut zu.«

Sie sah ihn an. Sein strenger Befehl half ihr, sich zu beruhigen, zu konzentrieren.

»Ich habe versucht, dies dich dein ganzes Leben zu lehren, doch nun mußt du es lernen, Qing-jao. Die Götter sind die Ursache von allem, was geschieht, doch sie handeln niemals offen. Hast du mich verstanden?«

Sie nickte. Sie hatte diese Worte schon hundert Mal gehört.

»Du hörst mich, und doch verstehst du mich nicht, selbst jetzt nicht«, sagte Vater. »Die Götter haben das Volk von Weg erwählt, Qing-jao. Nur wir haben das Privileg, ihre Stimme zu hören. Nur wir dürfen sehen, daß sie die Ursachen sind von allem, was ist und war und sein wird. Allen anderen Menschen bleiben ihre Werke verborgen, ein Geheimnis. Deine Aufgabe ist es nicht, die wahre Ursache des Verschwindens der Lusitania-Flotte herauszufinden – ganz Weg wüßte sofort, die wahre Ursache ist die, daß die Götter es so wollten. Deine Aufgabe ist es, herauszufinden, welche Verschleierung die Götter für dieses Ereignis geschaffen haben.«

Qing-jao fühlte sich schwindlig und benommen. Sie war so sicher gewesen, die Antwort herausgefunden, ihre Aufgabe gelöst zu haben. Nun entglitt ihr alles. Die Antwort traf zwar noch zu, aber sie hatte jetzt eine andere Aufgabe bekommen.

»Weil wir keine natürliche Erklärung finden können, stehen die Götter im Augenblick entblößt da, und jeder kann sie sehen, die Ungläubigen wie die Gläubigen. Die Götter sind nackt, und wir müssen sie kleiden. Wir müssen herausfinden, was für eine Abfolge von Ereignissen die Götter geschaffen haben, um das Verschwinden der Flotte erklären, um es den Ungläubigen als natürlich darstellen zu können. Ich dachte, du hättest dies verstanden. Wir dienen dem Sternenwege-Kongreß, doch nur, weil wir dadurch auch den Göttern dienen. Die Götter wünschen, daß wir den Kongreß täuschen, und der Kongreß will getäuscht werden.«