Wieso habe ich ihr so große Angst gemacht? Ich war von Freude erfüllt, weil die Götter so deutlich zu mir sprachen; doch meine Freude war so selbstsüchtig, daß ich eine Miene des Hasses aufsetzte, als sie mich unschuldig unterbrach. Antworte ich etwa so den Göttern? Sie zeigen mir ein Gesicht der Liebe, und ich wandle es um in Haß auf die Menschen, besonders auf jene, die meiner Macht ausgeliefert sind? Erneut haben die Götter einen Weg gefunden, mir meine Unwürdigkeit zu zeigen.
»Wang-mu, du darfst mich nicht unterbrechen, wenn du mich so auf dem Boden kauernd vorfindest.« Und sie erklärte Wang-mu, daß die Götter von ihr das Ritual der Reinigung verlangten.
»Muß ich das auch tun?« fragte Wang-mu.
»Nicht, wenn die Götter es dir nicht sagen.«
»Wie werde ich es wissen?«
»Wenn es in deinem Alter noch nicht passiert ist, Wang-mu, wird es wahrscheinlich auch nicht mehr passieren. Doch wenn es passiert wäre, wüßtest du es, denn du hättest nicht die Macht, der Stimme der Götter in deinem Kopf zu widerstehen.«
Wang-mu nickte ernst. »Wie kann ich dir helfen… Qing-jao?« Sie sprach den Namen ihrer Herrin ehrfürchtig und mit Bedacht aus. Zum ersten Mal begriff Qing-jao, daß ihr Name, der so süß und zärtlich klang, wenn ihr Vater ihn aussprach, übertrieben klang, wenn er mit solcher Ehrfurcht gesprochen wurde. Es war fast schmerzhaft, in einem Augenblick, da sich Qing-jao ihres Mangels an Glanz scharf bewußt war, ›Strahlend Helle‹ genannt zu werden. Doch sie würde Wang-mu nicht verbieten, ihren Namen zu benutzen – das Mädchen mußte sie ja irgendwie ansprechen, und die Ironie von Wang-mus ehrfürchtigem Tonfall würde Qing-jao ständig daran erinnern, wie wenig sie diese Ehrfurcht verdiente.
»Du kannst mir helfen, indem du mich nicht unterbrichst«, sagte Qing-jao.
»Dann soll ich also gehen?«
Qing-jao hätte fast zugestimmt, doch dann begriff sie, die Götter wollten aus irgendeinem Grund, daß Wang-mu Teil dieser Buße war. Woher sie das wußte? Weil der Gedanke, Wang-mu könne gehen, fast so unerträglich war wie das Wissen um das noch nicht vollbrachte Nachspüren der Linien. »Bitte bleib«, sagte Qing-jao. »Kannst du schweigend warten? Mich beobachten?«
»Ja… Qing-jao.«
»Wenn es so lange dauert, daß du es nicht mehr aushältst, darfst du gehen«, sagte Qing-jao. »Aber nur, wenn du siehst, daß ich mich von Westen nach Osten bewege. Das bedeutet, daß ich gerade mit einem Brett fertig bin und es mich nicht stören wird, wenn du gehst. Aber du darfst mich nicht ansprechen.«
Wang-mus Augen wurden größer. »Du willst das mit jeder Holzmaserung eines jeden Dielenbretts tun?«
»Nein«, sagte Qing-jao. So grausam wären die Götter niemals! Doch noch während sie dies dachte, wußte Qing-jao, daß vielleicht einmal ein Tag kommen würde, an dem die Götter genau diese Buße von ihr verlangten. Ihr wurde vor Entsetzen schlecht. »Nur eine Linie auf jedem Brett im Zimmer. Beobachte sie mit mir, ja?«
Sie sah, wie Wang-mu einen Blick auf die Zeitangabe warf, die über ihrem Terminal in der Luft schwebte. Es war fast schon Schlafenszeit, und beide hatten sie ihren Nachmittagsschlaf verpaßt. Es war nicht natürlich für Menschen, so lange ohne Schlaf auszuharren. Die Tage auf Weg waren anderthalbmal so lang wie die auf der Erde, so daß sie niemals ganz mit dem inneren Zyklus des menschlichen Körpers im Einklang lebten. Es war nicht einfach, den Mittagsschlaf zu verpassen und dann noch spät zu Bett zu gehen.
Doch Qing-jao hatte keine Wahl. Und wenn Wang-mu nicht wachbleiben konnte, mußte sie nun gehen, wie wenig die Götter auch von dieser Vorstellung angetan sein mochten. »Du mußt wach bleiben«, sagte Qing-jao. »Wenn du einschläfst, muß ich mit dir sprechen, damit du dich bewegst und mir einige Linien zeigst, denen ich nachspüren muß. Und wenn ich mit dir spreche, muß ich von vorn beginnen. Kannst du wach bleiben und reglos still?«
Wang-mu nickte. Qing-jao glaubte ihr, daß sie es ernst meinte; doch sie glaubte nicht, daß das Mädchen es schaffte. Doch die Götter beharrten darauf, daß sie ihre neue geheime Magd bleiben ließ – und wer war Qing-jao, etwas zu verweigern, das die Götter von ihr verlangten?
Qing-jao kehrte zum ersten Brett zurück und verfolgte die Linie erneut. Zu ihrer Erleichterung waren die Götter noch bei ihr. Brett um Brett durfte sie die deutlichste, einfachste Linie verfolgen, und wenn sie gelegentlich eine schwerere bekam, dann nur, weil die leichtere Linie ausgelaufen war oder den Rand des jeweiligen Bretts erreicht hatte. Die Götter behüteten sie.
Was Wang-mu betraf, so kämpfte das Mädchen erbittert. Zweimal, auf dem Weg zurück vom Westen, um im Osten erneut zu beginnen, warf Qing-jao einen Blick auf Wang-mu und sah, daß sie schlief. Doch als Qing-jao an der Stelle vorbeikam, an der Wang-mu kniete, stellte sie beide Male fest, daß ihre geheime Magd erwacht war und sich so still zu einer Stelle bewegt hatte, an der Qing-jao die Linien bereits verfolgt hatte, daß Qing-jao sie nicht einmal gehört hatte. Ein braves Mädchen. Eine würdige Wahl zu einer geheimen Magd.
Endlich erreichte Qing-jao den Anfang des letzten Bretts, eines kurzen direkt in der Ecke. Sie hätte vor Freude fast laut gesprochen, besann sich aber rechtzeitig. Der Klang ihrer eigenen Stimme und Wang-mus unvermeidliche Antwort hätten sie sicher wieder an den Anfang zurückgeschickt – es wäre eine unglaubliche Torheit gewesen. Kaum noch einen Meter von der nordwestlichen Ecke des Zimmers entfernt, beugte sich Qing-jao über den Anfang des Bretts und verfolgte die breiteste Linie. Sie führte sie direkt zur Wand. Es war vollbracht.
Qing-jao sackte gegen die Wand und lachte vor Erleichterung auf. Doch sie war so schwach und müde, daß Wang-mu ihr Lachen für Weinen gehalten haben mußte. Augenblicklich war das Mädchen bei ihr und berührte ihre Schulter. »Qing-jao«, sagte es, »hast du Schmerzen?«
Qing-jao nahm die Hand des Mädchens und hielt sie. »Keine Schmerzen. Zumindest keine, die der Schlaf nicht kurieren kann. Ich bin fertig. Ich bin sauber.«
In der Tat sogar so sauber, daß sie nicht zögerte, Wang-mus Hand zu umklammern, Haut an Haut; sie empfand nicht die geringste Unreinheit dabei. Es war ein Geschenk der Götter, daß sie jemandes Hand halten konnte, nachdem sie ihr Ritual bewältigt hatte. »Das hast du sehr gut gemacht«, sagte Qing-jao. »Ich konnte mich leichter auf die Linien konzentrieren, weil du bei mir warst.«
»Ich glaube, ich bin einmal eingeschlafen, Qing-jao.«
»Vielleicht auch zweimal. Aber du bist erwacht, als es darauf ankam, und es ist kein Schaden entstanden.«
Wang-mu begann zu weinen. Sie schloß die Augen, nahm aber nicht die Hand aus Qing-jaos, um ihr Gesicht zu bedecken. Sie ließ die Tränen einfach die Wangen hinabfließen.
»Warum weinst du, Wang-mu?«
»Ich habe es nicht gewußt«, sagte sie. »Es ist wirklich schwer, eine Gottberührte zu sein. Das habe ich nicht gewußt.«
»Und es ist auch schwer, einer Gottberührten eine wahre Freundin zu sein«, sagte Qing-jao. »Deshalb wollte ich nicht, daß du mir eine Dienerin bist, die mich ›Heilige‹ nennt und den Klang meiner Stimme fürchtet. So eine Dienerin hätte ich aus meinem Zimmer schicken müssen, wenn die Götter zu mir sprechen.«
Wang-mus Tränen flossen nun noch heftiger.
»Si Wang-mu, ist es zu schwer für dich, bei mir zu sein?« fragte Qing-jao.
Wang-mu schüttelte heftig den Kopf.
»Ich würde es verstehen, sollte es jemals zu schwer für dich werden. Du kannst mich dann verlassen. Ich war zuvor auch allein. Ich fürchte mich nicht davor, erneut allein zu sein.«
Wang-mu schüttelte erneut den Kopf, heftig diesmal. »Wie könnte ich dich verlassen, nun, da ich weiß, wie schwer es für dich ist?«