»Dann wird eines Tages geschrieben stehen und in einer Geschichte erzählt werden, daß Wang-mu während der Reinigungen niemals von Han Qing-jaos Seite wich.«
Plötzlich zeigte sich ein Lächeln auf Wang-mus Gesicht, und ihre Augen öffneten sich zu dem Blinzeln eines Lächelns, obwohl die Tränen noch auf ihren Wangen glänzten. »Hast du den Witz nicht verstanden?« sagte Wang-mu. »Mein Name – Si Wang-mu. Wenn man sich diese Geschichte erzählt, wird man nicht wissen, daß deine geheime Magd bei dir war. Man wird glauben, es sei die Königliche Mutter des Westens gewesen.«
Qing-jao lachte jetzt auch. Aber ihr kam auch eine Idee in den Sinn – vielleicht war die Königliche Mutter eine wahre Vorfahrin-des-Herzens von Wang-mu, und indem sie Wang-mu als ihre Freundin an ihrer Seite hatte, hatte sie auch eine neue Nähe zu dieser Göttin gefunden, die fast die älteste von ihnen allen war.
Wang-mu wollte die Schlafmatten auslegen, doch Qing-jao mußte ihr zeigen, wie es ging; die Vorbereitung des Nachtlagers war Wang-mus Pflicht, und Qing-jao mußte ihr diese Aufgabe Abend für Abend überlassen, obwohl sie nie etwas dagegen gehabt hatte, es selbst zu tun. Als sie sich niederlegten – ihre Matten berührten sich an den Seiten, so daß keine Linien der Holzmaserung zwischen ihnen zu sehen war –, bemerkte Qing-jao, daß graues Licht durch die Jalousien der Fenster fiel. Sie waren gemeinsam den ganzen Tag über wach geblieben und nun auch die ganze Nacht. Wang-mus Opfer war edel. Sie würde eine wahre Freundin sein.
Ein paar Minuten später jedoch, als Wang-mu schlief und Qing-jao gerade eindöste, kam ihr der Gedanke, wie es Wang-mu, einem Mädchen ohne Geld, gelungen war, den Vorarbeiter ihrer Abteilung der rechtschaffenen Arbeit zu bestechen, damit er sie heute ohne Störung mit ihr sprechen ließ. Konnte irgendein Spion das Bestechungsgeld für sie bezahlt haben, damit sie das Haus des Han Fei-tzu infiltrieren konnte? Nein – Ju Kung-mei, der Hüter des Hauses Han, hätte von solch einer Spionin erfahren, und Wang-mu wäre niemals eingestellt worden. Wang-mu hatte den Vorarbeiter nicht mit Geld bestochen. Sie war erst vierzehn, aber schon ein sehr hübsches Mädchen. Qing-jao hatte genug Geschichtsbücher und Biographien gelesen, um zu wissen, wie Frauen normalerweise solche Bestechungen bezahlen mußten.
Grimmig kam Qing-jao zum Schluß, daß der Sache diskret nachgegangen werden und der Vorarbeiter in namenloser Schande entlassen werden mußte, sollte sich ihr Verdacht bestätigen. Bei dieser Ermittlung würde Wang-mus Name niemals in der Öffentlichkeit erwähnt werden, so daß ihr kein Schaden entstehen würde. Qing-jao mußte nur Ju Kung-mei darum bitten, und er würde dafür sorgen, daß es erledigt wurde.
Qing-jao betrachtete das schöne Gesicht ihrer schlafenden Dienerin, ihrer würdigen neuen Freundin, und wurde von Traurigkeit überwältigt. Am traurigsten machte Qing-jao jedoch nicht der Preis, den Wang-mu an den Vormann entrichtet hatte, sondern die Tatsache, daß sie ihn für so eine würdelose, schmerzhafte, schreckliche Anstellung entrichtet hatte, wie der Dienst als Han Qing-jaos geheime Magd es nun einmal war. Wenn eine Frau die Pforte zu ihrem Leib verkaufen mußte, und so viele Frauen waren im Verlauf der menschlichen Geschichte dazu gezwungen gewesen, mußten die Götter sie angemessener dafür entlohnen.
Deshalb schlief Qing-jao an diesem Morgen mit noch festerer Entschlossenheit ein, sich Si Wang-mus Ausbildung zu widmen. Sie konnte nicht zulassen, daß Wang-mus Ausbildung ihren Kampf mit dem Rätsel der Lusitania-Flotte störte, doch sie würde jeden freien Augenblick abzweigen und Wang-mu eine angemessene Segnung zu Ehren ihres Opfers geben. Sicherlich erwarteten die Götter nicht weniger von ihr, nachdem sie ihr so eine perfekte geheime Magd geschickt hatten.
Kapitel 8
Wunder
›Ender hat sich in letzter Zeit oft an uns gewandt. Er besteht darauf, daß wir uns eine Möglichkeit ausdenken, schneller als das Licht zu reisen.‹
›Du hast gesagt, das sei unmöglich.‹
›Davon gehen wir aus. Davon gehen die menschlichen Wissenschaftler aus. Doch Ender besteht darauf, daß, wenn Verkürzer Informationen senden, es möglich sein sollte, Materie mit derselben Schnelligkeit zu übertragen. Das ist natürlich Unsinn – Information und physische Realität lassen sich nicht vergleichen.‹
›Warum will er unbedingt schneller als das Licht fliegen?‹
›Es ist eine lächerliche Idee, nicht wahr – vor seinem eigenen Bild irgendwo anzukommen. Als träte man durch einen Spiegel, um sich selbst auf der anderen Seite zu treffen.‹
›Ender und Wühler haben oft darüber gesprochen – ich habe sie gehört. Ender glaubt, daß Materie und Energie vielleicht nur aus Information bestehen. Daß die physische Wirklichkeit nichts anderes ist als die Nachricht, die die Philoten untereinander übertragen.‹
›Was sagt Wühler?‹
›Er sagt, Ender habe zur Hälfte recht. Wühler sagt, daß die psychische Wirklichkeit eine Nachricht ist – und diese Nachricht sei eine Frage, die die Philoten ständig Gott stellen.‹
›Wie lautet die Frage?‹
›Ein Wort: Warum?‹
›Und wie beantwortet Gott die Frage?‹
›Mit Leben. Wühler sagt, durch Leben gäbe Gott dem Universum Sinn.‹
Miros ganze Familie fand sich zu seiner Begrüßung ein, als er nach Lusitania zurückkehrte. Schließlich liebten sie ihn. Und er liebte sie, und nach einem Monat im Weltraum freute er sich auf ihre Gesellschaft. Er wußte, daß sein Monat im All für sie ein Vierteljahrhundert gewesen war. Er hatte sich auf die Falten in Mutters Gesicht vorbereitet und sogar darauf, daß Grego und Quara Erwachsene von über dreißig Jahren sein würden. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, daß sie Fremde sein würden. Nein, schlimmer als Fremde. Sie waren Fremde, die Mitleid mit ihm hatten und ihn zu kennen glaubten und wie zu einem Kind auf ihn hinabsahen. Sie alle waren älter als er. Und gleichzeitig jünger, denn der Schmerz und Verlust hatten sie nicht so stark berührt wie ihn.
Ela war, wie üblich, die beste von ihnen. Sie umarmte ihn, küßte ihn und sagte: »Du läßt mich so sterblich fühlen. Doch ich bin froh, dich so jung zu sehen.« Wenigstens hatte sie den Mut für das Eingeständnis, daß es eine Barriere zwischen ihnen gab, wenngleich sie auch so tat, diese Barriere sei seine Jugend. Fürwahr, Miro war genauso, wie sie sich an ihn erinnerten – zumindest sein Gesicht. Der lange verlorene Bruder kehrte von den Toten zurück; der Geist, der kommt, um als ewig Junger die Familie zu verfolgen. Doch die wirkliche Barriere war die Art und Weise, wie er sich bewegte. Wie er sprach.
Sie hatten offensichtlich vergessen, wie stark behindert er war, wie schlecht sein Körper dem beschädigten Gehirn gehorchte. Der schlurfende Gang, die verzerrte, schwer zu verstehende Sprache – ihre Gedächtnisse hatten all diese unangenehmen Dinge ausgelöscht, und sie erinnerten sich so an ihn, wie er vor dem Unfall gewesen war. Schließlich war er nur ein paar Monate behindert gewesen, bevor er auf seine Zeitdilations-Reise gegangen war. Es war nicht schwer, diese Zeit zu vergessen und sich statt dessen an den Miro zu erinnern, den sie so viele Jahre vor dem Unfall gekannt hatten. Stark, gesund, der einzige, der dem Mann die Stirn bieten konnte, den sie Vater genannt hatten. Sie konnten ihre Betroffenheit nicht verbergen. Er erkannte sie an ihrem Zögern, den ausweichenden Blicken, dem Versuch, einfach zu ignorieren, daß seine Worte so schwer zu verstehen waren, daß er so langsam ging.
Er spürte ihre Ungeduld. Nach ein paar Minuten konnte er feststellen, daß zumindest einige versuchten, von ihm wegzukommen. Noch so viel zu tun bis heute nachmittag. Wir sehen uns beim Abendessen. Diese ganze Sache war ihnen so unangenehm, daß sie fliehen mußten, Zeit benötigten, um sich an diesen Miro zu gewöhnen, der gerade zu ihnen zurückgekehrt war. Grego und Quara waren am meisten darauf bedacht, von ihm fortzukommen, und das traf ihn – sie hatten ihn einmal geradezu angebetet. Natürlich verstand er, daß es genau aus diesem Grund für sie so schwer war, sich mit dem gebrochenen Miro zu befassen, der vor ihnen stand.