»Wir haben uns überlegt, ob wir ein großes Familienessen abhalten«, sagte Ela. »Mutter wollte es, aber ich dachte, wir sollten noch damit warten und dir etwas Zeit lassen.«
»Hoffentlich habt ihr nicht die ganze Zeit mit dem Essen auf mich gewartet«, sagte Miro.
Nur Ela und Valentine schienen zu begreifen, daß er scherzte; sie waren die einzigen, die mit einem leisen Kichern darauf reagierten, mit einem leisen Kichern. Die anderen hatten seine Worte nicht einmal akustisch verstanden.
Sie standen im hohen Gras neben dem Landefeld, seine gesamte Familie: Mutter, nun über sechzig Jahre alt, das Haar stahlgrau, das Gesicht grimmig vor Konzentration, wie es immer gewesen war. Doch jetzt hatte sich dieser Ausdruck tief in die Linien auf ihrer Stirn und die Falten neben ihrem Mund gegraben. Er begriff plötzlich, daß sie eines Tages sterben würde. Wahrscheinlich nicht in den nächsten dreißig oder vierzig Jahren, aber eines Tages. Hatte er jemals erkannt, wie schön sie vorher gewesen war? Irgendwie hatte er geglaubt, die Ehe mit dem Sprecher für die Toten würde sie irgendwie weicher machen, wieder jung. Und vielleicht hatte sie das auch, vielleicht hatte Andrew Wiggin sie in ihrem Herzen jung gemacht. Aber der Körper war noch das, wozu die Zeit ihn gemacht hatte. Sie war alt.
Ela war in den Vierzigern. Sie hatte offenbar keinen Mann, doch vielleicht war sie verheiratet, und er war einfach nicht mitgekommen. Aber wahrscheinlich nicht. War sie mit ihrer Arbeit verheiratet? Sie schien ehrlich erfreut zu sein, ihn zu sehen, doch selbst sie konnte den Ausdruck von Mitleid und Besorgnis nicht verbergen. Hatte sie erwartet, daß ein Monat lichtschnellen Fluges ihn irgendwie heilen würde? Hatte sie geglaubt, er würde so stark und kühn wie ein raumfahrender Gott aus irgendeinem Liebesroman aus dem Shuttle treten?
Quim, nun im Priestergewand. Jane hatte Miro erzählt, daß sein nächstjüngerer Bruder ein großer Missionar war. Er hatte über ein Dutzend Pequeninowälder bekehrt, hatte sie getauft und mit Befugnis von Bischof Peregrino Priester unter ihnen geweiht, damit sie ihrem eigenen Volk die Sakramente geben konnten. Sie tauften alle Pequeninos, die aus den Mütterbäumen hervorgingen, alle Mütter, bevor sie starben, alle sterilen Gattinnen, die sich um die kleinen Mütter und ihren Nachwuchs kümmerten, alle Brüder, die einen ruhmreichen Tod suchten, und alle Bäume. Doch nur die Gattinnen und Brüder konnten die Kommunion empfangen, und was die Ehe betraf, war noch niemand auf eine sinnvolle Möglichkeit gekommen, wie man solch einen Ritus zwischen einem Vaterbaum und den blinden, geistlosen Larven, die sich mit ihnen paarten, vollziehen konnte. Doch Miro sah in Quims Augen eine gewisse Begeisterung. Er setzte seine Macht zum Guten ein; als einziger von der Familie Ribeira hatte Quim sein ganzes Leben lang gewußt, was er einmal werden wollte. Nun war er es geworden. Was interessierten ihn die theologischen Schwierigkeiten – er war der Paulus der Schweinchen, und es erfüllte ihn mit immerwährender Freude. Du hast Gott gedient, kleiner Bruder, und Gott hat dich zu seinem Jünger gemacht.
Auch Olhado stand da, die silbernen Augen strahlend, den Arm um eine wunderschöne Frau gelegt, umgeben von sechs Kindern. Obwohl alle Kinder ganz natürlich dreinblickten, hatten sie alle den losgelösten Ausdruck ihres Vaters angenommen. Sie beobachteten nicht, sie schauten einfach. Bei Olhado war das ganz natürlich gewesen; Miro kam der störende Gedanke, daß Olhado vielleicht eine Familie von Gaffern gezeugt hatte, wandelnden Aufnahmegeräten, die alles Geschehen aufzeichneten, um es später wieder abzuspielen, sich aber niemals in etwas verwickeln ließen. Aber nein, das mußte eine Täuschung sein. Miro war nie mit Olhado ausgekommen, und so bewirkte die Ähnlichkeit seiner Kinder mit ihm, daß Miro sich auch in deren Nähe unbehaglich fühlte. Die Mutter war dafür um so hübscher. Noch keine vierzig Jahre alt. Wie alt war sie gewesen, als Olhado sie geheiratet hatte? Was für eine Frau war sie, daß sie einen Mann mit künstlichen Augen akzeptierte? Zeichnete Olhado ihre Liebesspiele auf und spielte sie später wieder ab, damit sie wußte, wie sie in seinen Augen aussah?
Augenblicklich schämte sich Miro dieses Gedankens. Ist das alles, was mir einfällt, wenn ich Olhado sehe – seine Behinderung? Nach all den Jahren, die ich ihn kenne? Wie kann ich dann erwarten, daß sie bei mir etwas anderes sehen als meine Behinderungen, wenn sie mich betrachten?
Es war eine gute Idee gewesen, diesen Ort zu verlassen. Ich bin froh, daß Andrew Wiggin es vorgeschlagen hat. Der einzige Teil, der keinen Sinn ergibt, ist meine Rückkehr. Warum bin ich hier?
Fast gegen seinen Willen drehte sich Miro zu Valentine um. Sie lächelte ihm zu, legte den Arm und ihn und drückte ihn. »Es ist gar nicht so schlecht«, sagte sie.
Nicht so schlecht wie was?
»Ich habe nur noch den einen Bruder, der mich begrüßen kann«, sagte sie. »Zu deiner Begrüßung ist deine ganze Familie gekommen.«
»Genau«, sagte Miro.
Erst dann meldete sich Jane; er vernahm ihre Stimme im Ohr. »Nicht die ganze.«
Halt die Klappe, sagte Miro stumm.
»Nur einen Bruder?« sagte Andrew Wiggin. »Nur mich?« Der Sprecher für die Toten trat vor und umarmte seine Schwester. Doch entdeckte Miro in dieser Geste etwa Unbeholfenheit? War es möglich, daß Valentine und Andrew Wiggin verklemmt miteinander umgingen? Lachhaft. Die kühne, ungestüme Valentine und Wiggin, der Mann, der in ihr Leben eingedrungen war und ohne die geringste dá licença ihre Familie neu gebildet hatte. Konnten sie furchtsam sein? Konnten sie sich entfremdet haben?
»Du bist elend gealtert«, sagte Andrew. »Dünn wie ein Lattenzaun. Sorgt Jakt nicht anständig für dich?«
»Kocht Novinha nicht?« fragte Valentine. »Und du siehst dümmer denn je aus. Ich bin gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um Zeuge deiner kompletten geistigen Umwandlung in eine Pflanze zu werden.«
»Und ich dachte, du seiest gekommen, um die Welt zu retten.«
»Das Universum. Aber dich zuerst.«
Sie legte erneut einen Arm um Miro und den anderen um Andrew. »So viele von euch«, sagte sie dann zu den anderen, »doch ich habe das Gefühl, euch alle zu kennen. Ich hoffe, daß ihr bei mir und meiner Familie bald ebenso empfinden werdet.«
So freundlich. Und ihre Fähigkeit, irgendwie zu bewirken, daß sich andere Menschen in ihrer Gegenwart wohl fühlen. Sogar ich, dachte Miro. Sie hat die Menschen einfach im Griff. Genau wie Andrew Wiggin. Hat sie es von ihm gelernt, oder er von ihr? Oder war diese Eigenschaft ihrer Familie angeboren? Schließlich war Peter der höchste Manipulator aller Zeiten gewesen, der ursprüngliche Hegemon. Was für eine Familie. So ungewöhnlich wie meine. Nur, daß die ihre wegen ihres Genies ungewöhnlich ist und die meine wegen der Schmerzen, die wir so viele Jahre miteinander geteilt haben, wegen der Entstellung unserer Seelen. Und ich bin der seltsamste, der, dem der größte Schaden zugefügt wurde. Andrew Wiggin kam, um die Wunden zwischen uns zu heilen, und hat seine Sache gut gemacht. Doch die inneren Entstellungen – können die jemals geheilt werden?
»Wie wäre es mit einem Picknick?« fragte Miro.
Diesmal lachten alle. Wie war das, Andrew, Valentine? Kann ich auch mit ihnen umgehen? Trage ich dazu bei, daß alles glatt verläuft? Habe ich allen geholfen, so zu tun, als wären sie froh, mich zu sehen, als hätten sie irgendeine Ahnung, wer ich wirklich bin?
»Sie wollte kommen«, sagte Jane in Miros Ohr.
Halt die Klappe, sagte Miro erneut. Ich hätte sowieso nicht gewollt, daß sie kommt.