»Aber sie wird dich später sehen.«
Nein.
»Sie ist verheiratet. Sie hat vier Kinder.«
Das bedeutet mir jetzt nichts mehr.
»Sie hat seit Jahren nicht mehr deinen Namen im Schlaf gerufen.«
Ich dachte, du wärest meine Freundin.
»Das bin ich auch. Ich kann deine Gedanken lesen.«
Du bist eine alte Hexe, die sich in alles einmischt, und du kannst gar nichts lesen.
»Sie wird dich morgen früh besuchen. Im Haus deiner Mutter.«
Ich werde nicht dort sein.
»Du glaubst, du kannst vor ihr davonlaufen?«
Während seines Gesprächs mit Jane hatte Miro nichts von dem gehört, was die anderen um ihn herum sagten, doch das spielte keine Rolle. Valentines Mann und Kinder waren aus dem Schiff gekommen, und sie stellte sie allen vor. Besonders ihrem Onkel natürlich. Es überraschte Miro, wie ehrfürchtig sie mit ihm sprachen. Aber andererseits wußten sie natürlich, wer er wirklich war. Ender der Xenozide, ja, aber auch der Sprecher für die Toten, der Autor der Schwärmkönigin und des Hegemon. Miro wußte das jetzt natürlich auch, doch als er Wiggin kennenlernte, hatte Feindseligkeit zwischen ihnen geherrscht – er war nur ein umherziehender Sprecher für die Toten, der Priester einer humanistischen Religion, der es darauf abgesehen zu haben schien, Miros Familie von innen nach außen zu kehren. Was er auch getan hatte. Ich glaube, ich hatte mehr Glück als sie, dachte Miro. Ich lernte ihn als Mensch kennen, bevor ich erfuhr, daß er eine große Gestalt der Menschheitsgeschichte ist. Sie werden ihn wahrscheinlich niemals so kennen wie ich.
Und ich kenne ihn eigentlich überhaupt nicht. Ich kenne niemanden, und niemand kennt mich. Wir verbringen unser Leben damit, unentwegt zu vermuten, was in einem anderen vorgeht, und wenn wir Glück haben und richtig geraten haben, glauben wir, jemanden zu ›verstehen‹. So ein Unsinn. Selbst ein Affe an einem Computer wird dann und wann ein richtiges Wort eingeben.
Ihr kennt mich nicht, keiner von euch, sagte er stumm. Am wenigsten die alte Hexe, die sich in alles einmischt und in meinem Ohr wohnt. Hast du das gehört?
»Wie könnte ich dieses jämmerliche Wimmern überhören?«
Andrew legte das Gepäck auf den Wagen. Es war nur Platz für ein paar Passagiere. »Miro – willst du mit mir und Novinha fahren?«
Bevor er antworten konnte, hatte Valentine seinen Arm ergriffen. »Oh, tu das nicht«, sagte sie. »Gehe mit mir und Jakt. Wir haben so lange beengt auf dem Schiff gelebt.«
»Richtig so«, sagte Andrew. »Seine Mutter hat ihn fünfundzwanzig Jahre lang nicht gesehen, aber ihr wollt ihn auf einem Spaziergang mitnehmen. Ihr seid mir ja von der rücksichtsvollen Sorte.«
Andrew und Valentine behielten den hänselnden Tonfall bei, den sie von Anfang an zwischen sich begründet hatten, so daß sie seine Entscheidung, ganz gleich, wie sie ausfiel, lachend als eine Wahl zwischen den beiden Wiggins darstellen würden. Er mußte nicht sagen: Ich möchte fahren, weil ich ein Krüppel bin. Und er hatte keine Entschuldigung dafür, beleidigt zu sein, weil ihm jemand eine besondere Behandlung zukommen lassen wollte. Es geschah so feinfühlig, daß sich Miro fragte, ob Valentine und Andrew vorab darüber gesprochen hatten. Vielleicht mußten sie aber auch gar nicht über solche Dinge sprechen. Vielleicht hatten sie so viele Jahre gemeinsam verbracht, daß sie wußten, wie sie zusammenwirken mußten, um die Dinge für andere Menschen zu glätten, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Wie Schauspieler, die schon so oft gemeinsam die gleichen Rollen gespielt hatten, daß sie ohne die geringste Verwirrung improvisieren konnten.
»Ich gehe zu Fuß«, sagte Miro. »Ich nehme den langen Weg. Geht ihr anderen schon vor.«
Novinha und Ela wollten protestieren, doch Miro sah, daß Andrew die Hand auf Novinhas Arm legte. Was Ela betraf, so ließ Quims Arm um ihre Schulter sie verstummen.
»Komm direkt nach Hause«, sagte Ela. »Wie lange du auch brauchst, du kommst nach Hause.«
»Wohin sonst?« fragte Miro.
Valentine wußte nicht, was sie von Ender halten sollte. Es war erst ihr zweiter Tag auf Lusitania, doch sie hatte schon ohne jeden Zweifel mitbekommen, daß etwas nicht in Ordnung war. Nicht, daß Ender keinen Grund zur Besorgnis gehabt hätte. Er hatte ihr erklärt, welche Probleme die Xenobiologen mit der Descolada hatten, welche Spannungen es zwischen Grego und Quara gab, und natürlich war da immer die Flotte des Kongresses, der Tod, der über ihnen im Himmel schwebte. Doch Ender hatte sich oft mit Problemen und Spannungen auseinandersetzen müssen, viele Male in seinen Jahren als Sprecher für die Toten. Er hatte sich in die Probleme von Nationen und Familien gestürzt, von Gemeinden und einzelnen Menschen, hatte darum gekämpft, sie zu verstehen und die Krankheiten des Herzens dann zu heilen und zu läutern. Nie hatte er sich so benommen, wie er sich jetzt benahm.
Oder vielleicht doch, einmal.
Als sie Kinder waren und Ender darauf vorbereitet wurde, die Flotten zu kommandieren, die gegen alle Krabbler-Welten ausgeschickt wurden, hatten sie Ender für eine gewisse Zeit zur Erde zurückgebracht – die Ruhe vor dem Sturm, wie sich herausstellen sollte. Ender und Valentine waren seit seinem fünften Lebensjahr voneinander getrennt, und es durfte nicht einmal ein unzensierter Briefwechsel zwischen ihnen stattfinden. Dann änderten sie ihre Politik plötzlich und brachten Valentine zu ihm. Er wurde auf einem großen Privatsitz in der Nähe ihrer Heimatstadt gefangengehalten und verbrachte seine Tage damit, zu schwimmen und sich völlig untätig auf einem kleinen See treiben zu lassen.
Zuerst hatte Valentine gedacht, es sei alles in Ordnung, und sie war lediglich froh, ihn endlich wiederzusehen. Doch bald begriff sie, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Doch in jenen Tagen hatte sie Ender nicht so gut gekannt – sie war schließlich über sein halbes Leben lang von ihm getrennt gewesen. Doch sie wußte, daß es ihm gar nicht ähnlich sah, so bedrückt zu wirken. Nein, das war es eigentlich gar nicht. Er war nicht bedrückt, er war untätig. Er hatte sich von der Welt gelöst. Und ihre Aufgabe war es, ihn wieder mit ihr zu verbinden. Ihn zurückzuholen und ihm seinen Platz im Netzwerk der Menschheit zu zeigen.
Weil sie Erfolg hatte, konnte er schließlich wieder ins All gehen und die Flotten kommandieren, die die Krabbler völlig vernichteten. Seit dieser Zeit schien seine Verbindung mit der Menschheit ungefährdet.
Doch nun war sie wieder fast ein halbes Leben von ihm getrennt gewesen. Fünfundzwanzig Jahre für sie, dreißig für ihn. Und wieder wirkte er losgelöst. Sie musterte ihn, während er sie und Miro und Plikt mit dem Wagen ausführte, hinweg über die endlosen Capimebenen.
»Wir sind wie ein kleines Boot auf dem Ozean«, sagte Ender.
»Eigentlich nicht«, sagte sie und erinnerte sich an die Zeit, da Jakt sie auf einem der kleinen Boote mitgenommen hatte, mit denen die Netze ausgelegt wurden. Die drei Meter hohen Wellen hatten sie hochgehoben und dann wieder in den Graben stürzen lassen – auf dem großen Fischerboot hatten diese Wellen sie kaum geschaukelt, während sie bequem auf dem Meer lagen, doch in dem winzigen Beiboot waren sie überwältigend. Buchstäblich atemberaubend – sie hatte von ihrem Sitz auf Deck hinabgleiten und sich mit beiden Armen an der Bretterbank festhalten müssen, bevor sie wieder zu Atem kam. Es gab keinen Vergleich zwischen dem schweren, rollenden Ozean und dieser üppigen Grasebene.
Andererseits… für Ender vielleicht doch. Wenn er die Capimebene sah, sah er in ihr vielleicht den Descolada-Virus, der sich unentwegt anpaßte, um die Menschheit und alle anderen Spezies ihrer Welt zu vernichten. Vielleicht rollte und wogte diese Ebene für ihn genauso brutal wie der Ozean.
Die Seemänner hatten sie ausgelacht, nicht spöttisch, sondern zärtlich, wie Eltern, die über die Ängste eines Kindes lachen. »Dieser Seegang ist noch gar nichts«, sagten sie. »Sie müßten das mal in zwölf Meter hohen Wellen machen.«