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Ender war nach außen hin so ruhig wie damals die Seemänner. Ruhig, losgelöst. Er unterhielt sich mit ihr und Miro und der stillen Plikt, hielt aber noch immer etwas zurück. Stimmt etwas nicht zwischen Ender und Novinha? Valentine hatte sie nicht lange genug zusammen gesehen, um zu wissen, was natürlich zwischen ihnen war – auch wenn es keine offensichtlichen Streitigkeiten gab. Also war Enders Problem vielleicht eine wachsende Barriere zwischen ihm und der Gemeinde von Lusitania. Das war eine Möglichkeit. Valentine erinnerte sich genau, wie schwer es für sie gewesen war, von den Trondheimern akzeptiert zu werden, und sie war mit einem Mann von gewaltigem Ansehen unter ihnen verheiratet gewesen. Wie war es für Ender, der mit einer Frau verheiratet war, deren gesamte Familie sich schon vom Rest Lusitanias entfremdet hatte? Konnte es sein, daß er diesen Ort nicht so grundlegend geheilt hatte, wie alle annahmen?

Unmöglich. Als sich Valentine heute morgen mit Kovano Zeljezo, dem Bürgermeister, und dem alten Bischof Peregrino getroffen hatte, hatten sie echte Zuneigung für Ender gezeigt. Valentine hatte an zu vielen Konferenzen teilgenommen, um nicht den Unterschied zwischen formeller Höflichkeit, politischer Scheinheiligkeit und echter Freundschaft zu kennen. Wenn sich Ender diesen Leuten fremd fühlte, lag es nicht an ihnen.

Ich deute zuviel in die Sache hinein, dachte Valentine. Wenn Ender mir so seltsam und fremd vorkommt, liegt es daran, daß wir so lange getrennt waren. Oder vielleicht daran, daß er sich neben Miro, diesem zornigen jungen Mann, gehemmt vorkommt; oder vielleicht ist es Plikt mit ihrer stummen, berechnenden Hingabe an Ender Wiggin, die dafür sorgt, daß er sich von uns fernhält. Oder es ist vielleicht nur mein Beharren, daß ich heute die Schwarmkönigin sehen will, noch bevor wir uns mit einem Führer der Schweinchen treffen. Es besteht kein Grund, außerhalb unserer gegenwärtigen Begleiter nach Ursachen für seine Losgelöstheit zu suchen.

Sie machten die Stadt der Schwarmkönigin zuerst aufgrund der Rauchsäule ausfindig. »Fossile Treibstoffe«, sagte Ender. »Sie verbrennt sie mit abscheulicher Geschwindigkeit. Normalerweise würde sie das niemals tun – die Schwarmköniginnen behandeln ihre Welten immer mit großer Sorgfalt und würden normalerweise niemals solch eine Verschwendung und solch einen Gestank erzeugen. Aber sie ist in großer Eile, und Mensch sagt, sie hätten ihr aus Notwendigkeit die Erlaubnis gegeben, solch eine Umweltverschmutzung hervorzurufen.«

»Aus welcher Notwendigkeit?« fragte Valentine.

»Mensch will es nicht sagen, und die Schwarmkönigin auch nicht, doch ich habe meine Vermutungen, und ihr werdet euch wohl auch euern Teil denken.«

»Hoffen die Schweinchen etwa, in einer einzigen Generation auf den Zug einer voll technisierten Gesellschaft zu springen, und verlassen sich dabei auf die Arbeit der Schwarmkönigin?«

»Wohl kaum«, sagte Ender. »Dafür sind sie viel zu konservativ. Sie wollen alles wissen, was es zu wissen gibt – aber sie sind nicht schrecklich bedacht darauf, sich mit Maschinen zu umgeben. Vergiß nicht, die Bäume der Wälder geben ihnen kostenlos und sanftmütig jedes nützliche Werkzeug. Was wir Industrie nennen, ist für sie immer noch die reinste Brutalität.«

»Was dann? Warum all dieser Rauch?«

»Frag sie doch«, sagte Ender. »Vielleicht ist sie zu dir ehrlich.«

»Werden wir sie wirklich sehen?« fragte Miro.

»O ja«, sagte Ender. »Oder besser gesagt – wir werden zumindest in ihrer Anwesenheit sein. Vielleicht berührt sie uns sogar. Aber vielleicht ist es um so besser, je weniger wir sehen. Sie lebt normalerweise in der Dunkelheit, wenn sie nicht kurz vor der Ablage eines Eies steht. Dann muß sie sehen können, und die Arbeiter öffnen Tunnel, damit das Tageslicht hineinfallen kann.«

»Sie haben kein künstliches Licht?« fragte Miro.

»Sie haben nie welches benutzt«, sagte Ender, »nicht einmal auf den Sternenschiffen, die damals während der Krabblerkriege ins Sonnensystem kamen. Sie hassen die Art, wie wir Licht sehen. Für sie ist jede Wärmequelle deutlich sichtbar. Ich glaube, sie arrangieren ihre Wärmequellen sogar in Mustern, die man nur als ästhetisch bezeichnen kann. Thermalmalerei.«

»Warum benutzt sie dann Licht zur Ablage eines Eies?« fragte Valentine.

»Ich würde es nicht unbedingt ein Ritual nennen – die Schwarmkönigin blickt fürchterlich verächtlich auf die menschliche Religion herab. Sagen wir einfach, es ist Teil ihrer genetischen Abstammung. Ohne Sonnenlicht legt sie kein Ei ab.«

Dann waren sie in der Krabblerstadt.

Valentine war nicht überrascht über das, was sie vorfanden – schließlich waren sie und Ender in ihrer Jugend in der ersten Kolonie auf einer ehemaligen Krabblerwelt gewesen. Doch sie wußte, daß das Erlebnis für Miro und Plikt überraschend und fremdartig sein würde, und in der Tat überkam auch sie ein Teil der alten Orientierungslosigkeit. Nicht, daß die Stadt offenkundig seltsam wirkte. Sie bestand aus Gebäuden, die meisten davon niedrig, aber nach denselben Prinzipien wie jedes menschliche Haus errichtet. Seltsam war die Art und Weise, wie sie angelegt waren. Es gab keine Wege und Straßen, keinen Versuch, die Gebäude in eine Richtung anzuordnen. Auch erhoben sie sich nicht gleich hoch aus dem Boden. Einige bestanden nur aus auf der Erde ruhenden Dächern, andere waren sehr hoch. Farbe schien nur zur Konservierung zu dienen – es gab keine Verzierungen. Ender hatte angedeutet, die Schwarmkönigin würde Wärme ästhetisch einsetzen – eine andere Ästhetik gab es ganz bestimmt nicht.

»Es ergibt keinen Sinn«, sagte Miro.

»Nicht von der Oberfläche aus«, sagte Valentine. »Doch wenn du die Tunnels begehen könntest, würdest du feststellen, daß unterirdisch alles Sinn ergibt. Sie folgen den natürlichen Gesteinsschichten und -strukturen. Die Geologie hat einen gewissen Rhythmus, und die Krabbler können ihn wahrnehmen.«

»Was ist mit den hohen Gebäuden?« fragte Miro.

»Der Grundwasserspiegel ist ihre Grenze nach unten. Wenn sie größere Höhe brauchen, müssen sie nach oben gehen.«

»Was bauen sie denn, das so hoch sein muß?« fragte Miro.

»Keine Ahnung«, sagte Valentine. Sie gingen um ein Gebäude, das wenigstens dreihundert Meter hoch war; in unmittelbarer Nähe konnten sie über ein Dutzend weitere ausmachen.

Zum ersten Mal auf diesem Ausflug ergriff Plikt das Wort. »Raketen«, sagte sie.

Valentine bemerkte, daß Ender lächelte und leicht nickte. Also hatte Plikt seinen eigenen Verdacht bestätigt.

»Wofür?« fragte Miro.

Natürlich, um in den Weltraum zu gehen! hätte Valentine fast gesagt. Doch das war nicht fair – Miro hatte nie auf einer Welt gelebt, die um den ersten Schritt ins All kämpfte. Für ihn war das Verlassen des Planeten gleichbedeutend damit, den Shuttle zu einer Orbitstation zu nehmen. Doch der einzige Shuttle, der den Menschen Lusitanias zur Verfügung stand, würde kaum ausreichen, das erforderliche Material für den Bau eines größeren raumtauglichen Fahrzeugs in die Umlaufbahn zu bringen. Und selbst, wenn der Shuttle dazu imstande gewesen wäre, hätte die Schwarmkönigin wohl kaum die Menschen um Hilfe gebeten.

»Baut sie eine Raumstation?« fragte Valentine.

»Ich glaube schon«, sagte Ender. »Aber so viele Raketen, und so große – ich glaube, sie will sie in einem Rutsch bauen. Sie will wahrscheinlich die Raketen selbst ausschlachten. Was glaubt ihr, was sie vorhat?«

Valentine hätte fast mit einem überraschten Ausruf geantwortet – woher soll ich das wissen? Dann begriff sie, daß er sie gar nicht gefragt hatte. Denn fast sofort gab er selbst die Antwort. Was bedeutete, daß er den Computer in seinem Ohr gefragt haben mußte. Nein, nicht den ›Computer‹. Jane. Er fragte Jane. Valentine konnte sich noch immer kaum an die Vorstellung gewöhnen, daß sich zwar nur vier Personen in dem Wagen befanden, aber eine fünfte anwesend war, die durch die Juwele, die sowohl Ender als auch Miro trugen, sah und mithörte.