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Ich bin Demosthenes, rief sie sich in Erinnerung. Ich bin die Theoretikerin, die darauf bestanden hat, daß die Krabbler Ramänner sind, Außerirdische, die man verstehen und akzeptieren kann. Ich muß einfach mein Bestes geben, um die Vorurteile meiner Kindheit zu überwinden. Zu gegebener Zeit wird die gesamte Menschheit von der Wiederauferstehung der Schwarmkönigin erfahren; es wäre schändlich, wenn Demosthenes die einzige wäre, die die Schwarmkönigin nicht als Ramann begrüßen könnte.

Ender führte den Wagen in einem Kreis um ein kleineres Gebäude. »Das ist die richtige Stelle«, sagte er. Er hielt den Wagen an, ließ den Ventilator langsamer laufen und richtete ihn auf das Capim neben der einzigen Tür des Hauses. Die Tür war sehr niedrig – ein Erwachsener konnte sie nur auf Händen und Knien passieren.

»Woher weißt du das?« fragte Miro.

»Weil sie es sagt«, erwiderte Ender.

»Jane?« Er schaute verblüfft drein, denn zu ihm hatte Jane natürlich noch nie etwas in dieser Art gesagt.

»Die Schwarmkönigin«, erklärte Valentine. »Sie spricht direkt in Enders Verstand.«

»Schöner Trick«, sagte Miro. »Kann ich den auch lernen?«

»Wir werden sehen«, sagte Ender. »Wenn du sie kennenlernst.«

Als sie aus dem Wagen stiegen und sich in das hohe Gras fallen ließen, wurde Valentine bewußt, daß Miro und Ender Plikt unentwegt musterten. Natürlich störte es sie, daß Plikt so still war. Oder besser, so still wirkte. Valentine hielt Plikt für eine redselige, eloquente Frau. Doch sie hatte sich auch daran gewöhnt, daß Plikt zu bestimmten Zeiten einfach die Taubstumme spielte. Ender und Miro sahen sich natürlich zum ersten Mal mit ihrem sonderbaren Schweigen konfrontiert, und es störte sie. Was einer der wichtigsten Gründe war, weshalb Plikt schwieg. Sie war der Ansicht, daß die Menschen sich am ehesten offenbarten, wenn sie eine gewisse Angst oder Besorgnis verspürten, und nur wenige Dinge sind so gut imstande, eine nicht spezifische Besorgnis auszulösen wie die Gegenwart einer Person, die niemals spricht.

Valentine hielt nicht viel von dieser Technik, wenn es darum ging, sich mit Fremden zu befassen, doch sie hatte beobachtet, wie Plikts Schweigen als Lehrerin ihre Schüler – Valentines Kinder – zwang, sich mit ihren eigenen Ideen zu befassen. Wenn Valentine und Ender unterrichteten, forderten sie ihre Schüler mit Dialogen, Fragen, Streitpunkten heraus. Doch Plikt zwang ihre Schüler, beide Seiten eines Streitpunkts durchzuspielen, eigenen Ideen hervorzubringen und sie dann anzugreifen, um ihre eigenen Einwände zu widerlegen. Diese Methode würde bei den meisten Menschen wahrscheinlich nicht funktionieren. Valentine war zum Schluß gekommen, daß sie bei Plikt so gut funktionierte, weil es sich bei ihrer Wortlosigkeit nicht um vollständige Nonkommunikation handelte. Ihr ruhiger, durchdringender Blick war in sich selbst ein beredsamer Ausdruck der Skepsis. Wenn ein Schüler mit diesem steten, starren Blick konfrontiert wurde, ergab er sich bald seiner eigenen Unsicherheit. Jeder Zweifel, den der Schüler erfolgreich zur Seite geschoben und ignoriert hatte, drängte sich nun an die Oberfläche, und der Schüler mußte daraufhin in sich selbst die Gründe für Plikts anscheinenden Zweifel entdecken.

Valentines Älteste, Syfte, hatte diese einseitigen Konfrontationen ›in die Sonne starren‹ genannt. Und nun waren Ender und Miro an der Reihe, sich im Wettstreit mit diesem alles sehenden Auge und dem nichts sagenden Mund zu blenden. Valentine wollte über ihr Unbehagen lachen, sie beruhigen. Und sie wollte Plikt einen sanften Klaps geben und ihr sagen, nicht zu schwierig zu sein.

Doch statt dessen ging Valentine zur Tür des Gebäudes und zog sie auf. Es gab keinen Riegel, nur einen Griff, und die Tür ließ sich problemlos öffnen. Sie hielt sie auf, während Ender auf die Knie fiel und hindurchkroch. Plikt folgte ihm augenblicklich. Dann seufzte Miro und sank langsam auf die Knie. Sein Kriechen wirkte unbeholfener als sein Gehen – er vollzog jede Arm- oder Beinbewegung einzeln, als müsse er jeweils eine Sekunde darüber nachdenken, was er zu tun habe. Endlich war er hindurch, und Valentine bückte sich und watschelte im Entengang durch die Tür. Sie war die kleinste und mußte nicht kriechen.

Innen kam das einzige Licht von der Türöffnung. Der Raum war unmöbliert, der Boden schmutzig. Erst als sich Valentines Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie ausmachen, daß der dunkelste Schatten ein Tunnel war, der tiefer in die Erde führte.

»Die Tunnel sind nicht beleuchtet«, sagte Ender. »Sie wird mich führen. Ihr müßt einander an den Händen festhalten. Valentine, du gehst als letzte, einverstanden?«

»Können wir aufrecht hinabgehen?« fragte Miro. Die Frage war eindeutig wichtig für ihn.

»Ja«, sagte Ender. »Deshalb hat sie diesen Eingang gewählt.«

Sie gaben sich die Hände; Plikt nahm Enders Hand, Miro ging zwischen den beiden Frauen. Ender führte sie ein paar Schritte den Tunnel hinab. Er war steil, und die tiefe Dunkelheit war entmutigend. Doch Ender blieb stehen, bevor die Dunkelheit absolut wurde.

»Worauf warten wir?« fragte Valentine.

»Auf unseren Führer«, entgegnete Ender.

In diesem Augenblick traf der Führer ein. In der Dunkelheit konnte Valentine kaum den schwarzen Arm mit nur einem Finger und Daumen ausmachen, der an Enders Hand zerrte. Ender schloß augenblicklich die linke Hand um den Finger; der schwarze Daumen schloß sich wie eine Zange über seiner Hand. Valentine versuchte, den Krabbler zu sehen, zu dem der Arm gehörte, doch sie konnte nur einen kindgroßen Schatten ausmachen und vielleicht den leichten Schimmer von Licht, das von einem Rückenschild reflektiert wurde.

Ihre Vorstellungskraft lieferte alles, was fehlte, und gegen ihren Willen erschauderte sie.

Miro murmelte etwas auf Portugiesisch. Also zeigte auch bei ihm die Anwesenheit des Krabblers Wirkung. Plikt jedoch blieb stumm, und Valentine konnte nicht sagen, ob sie zitterte oder völlig unbeeindruckt war. Dann machte Miro einen schlurfenden Schritt nach vorn, zerrte an Valentines Hand und führte sie in die Dunkelheit.

Ender wußte, wie schwer den anderen dieser Weg fallen würde. Bislang hatten nur er, Novinha und Ela jemals die Schwarmkönigin besucht, und Novinha war nie zu ihr zurückgekehrt. Die Dunkelheit war zu entnervend; sie mußten sich endlos ohne die Hilfe der Augen hinabbewegen und wußten nur aufgrund leiser Geräusche, daß Leben und Bewegung um sie herum war.

»Dürfen wir sprechen?« fragte Valentine. Ihre Stimme klang sehr schrill.

»Das ist eine gute Idee«, sagte Ender. »Sie werdet ihr nicht stören. Sie bemerken Geräusche kaum.«

Miro sagte etwas. Ender stellte fest, daß man ihn noch schwerer verstehen konnte, wenn man nicht von seinen Lippen ablesen konnte.

»Was?« fragte Ender.

»Wir beide wollen wissen, wie weit es noch ist«, sagte Valentine.

»Keine Ahnung«, sagte Ender. »Von hier aus jedenfalls nicht. Und sie könnte fast überall dort unten sein. Es gibt Dutzende von Kinderstuben. Aber keine Angst. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich den Rückweg finden werde.«

»Ich auch«, sagte Valentine. »Mit einer Taschenlampe jedenfalls.«

»Kein Licht«, sagte Ender. »Für die Ablage des Eies ist Sonnenlicht nötig, doch danach verzögert Licht die Entwicklung der Eier nur. Und in einem bestimmten Stadium kann es die Larven töten.«

»Aber du könntest in der Dunkelheit den Weg aus diesem Alptraum finden?« fragte Valentine.

»Wahrscheinlich«, sagte Ender. »Es gibt Muster. Wie Spinnennetze – wenn man die allgemeine Struktur begriffen hat, ergibt jeder Tunnelabschnitt mehr Sinn.«