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Dann stieß die Schwarmkönigin den Arbeiter mit dem Kopf zuerst in das nächste Loch. Erst dann richtete sie ihren Ovipositor auf das Loch. Während Valentine zusah, schien sich die Flüssigkeit an der Spitze des Ovipositors zu einem Ball zu verdicken. Aber es war keine Flüssigkeit mehr; in dem großen Tropfen befand sich ein weiches, geleeartiges Ei. Die Schwarmkönigin richtete ihren Körper so aus, daß sich das Gesicht direkt im Sonnenlicht befand; ihre Facettenaugen leuchteten wie Hunderte von smaragdgrünen Sternen. Dann sackte der Ovipositor hinab. Als er sich wieder hob, klebte das Ei noch an seinem Ende, doch im nächsten Augenblick war es verschwunden. Mehrere Male senkte sich ihr Leib nach unten, und jedesmal hob er sich mit neuen, klebrigen Flüssigkeitssträngen, die von oben nach unten flossen.

»Nossa Senhora«, sagte Miro. Valentine erkannte den Begriff aufgrund seiner spanischen Entsprechung – Nuestra Señora, Unsere Dame. Es war normalerweise ein fast bedeutungsloser Ausdruck, doch nun nahm er eine widerwärtige Ironie an. Nicht die heilige Jungfrau, hier in dieser tiefen Höhle. Die Schwarmkönigin war ›Unsere Dame der Dunkelheit‹. Sie legte Eier auf die Leichen toter Arbeiter, damit die Larven zu fressen hatten, wenn sie geschlüpft waren.

»So kann es nicht immer sein«, sagte Plikt.

Einen Augenblick lang war Valentine einfach überrascht, Plikts Stimme zu hören. Dann begriff sie, was Plikt sagte, und sie hatte recht. Wenn für jeden schlüpfenden Krabbler eine lebende Arbeiterin geopfert werden mußte, konnte die Population unmöglich zunehmen. In der Tat wäre es sogar unmöglich gewesen, daß dieser Schwarm überhaupt existierte, denn die Schwarmkönigin hatte die ersten Eier legen müssen, ohne daß sie sich an beinlosen Arbeiterinnen nähren konnten.

›Nur bei einer neuen Königin.‹

Es kam Valentine in den Sinn, als sei es ihre eigene Idee gewesen. Nur wenn das Ei zu einer neuen Schwarmkönigin heranwachsen sollte, mußte die alte den lebenden Körper eines Arbeiters hinzufügen. Doch das war nicht Valentines Idee; dafür war sie sich dieser Tatsache einfach zu sicher. Sie konnte das unmöglich wissen, und doch war ihr die Idee ganz plötzlich klar und ohne Raum für den geringsten Zweifel gekommen. Valentine hatte sich immer vorgestellt, daß es so ähnlich gewesen sein mußte, als die Propheten und Mystiker alter Zeiten die Stimme Gottes gehört hatten.

»Habt ihr sie gehört?« fragte Ender. »Irgendwer von euch?«

»Ja«, sagte Plikt.

»Ich glaube schon«, sagte Valentine.

»Was gehört?« fragte Miro.

»Die Schwarmkönigin«, sagte Ender. »Sie hat erklärt, daß sie nur einen Arbeiter zum Ei legen muß, wenn eine neue Schwarmkönigin entstehen soll. Sie legt insgesamt fünf neue – zwei sind schon an Ort und Stelle. Sie hat uns eingeladen, damit wir es beobachten können. Das ist ihre Art, uns zu sagen, daß sie ein Kolonieschiff ausschickt. Sie legt fünf Königin-Eier und wartet ab, welches das stärkste ist. Das schickt sie dann los.«

»Was ist mit den anderen?« fragte Valentine.

»Wenn eins davon etwas taugt, umgibt sie die Larve mit einem Kokon. So ist es auch ihr geschehen. Die anderen tötet und ißt sie. Sie muß es – wenn der Körper einer rivalisierenden Königin eine Drohne berühren sollte, die sich noch nicht mit dieser Schwarmkönigin gepaart hat, würde sie verrückt werden und versuchen, die Königin zu töten. Drohnen sind sehr loyale Gefährten.«

»Hat das sonst noch jemand gehört?« fragte Miro. Er klang enttäuscht. Die Schwarmkönigin konnte nicht zu ihm sprechen.

»Ja«, sagte Plikt.

»Nur ein bißchen davon«, sagte Valentine.

»Leert euern Geist, so gut ihr könnt«, sagte Ender. »Versucht, euch im Kopf darauf einzustimmen. Das hilft.«

Mittlerweile hatte die Schwarmkönigin schon die nächste Arbeiterin amputiert. Valentine stellte sich vor, auf den wachsenden Haufen von Beinen um die Schwarmkönigin zu treten; in ihrer Phantasie brachen sie wie Äste, mit schrecklichen, knackenden Geräuschen.

›Sehr weich. Beine brechen nicht. Verbiegen.‹

Die Königin beantwortete ihre Gedanken.

›Ihr seid Teil von Ender. Ihr könnt mich hören.‹

Die Gedanken in ihrem Geist wurden klarer, waren nicht mehr so aufdringlich, kontrollierter. Valentine konnte den Unterschied zwischen den Kommunikationsübermittlungen der Schwarmkönigin und ihren eigenen Gedanken spüren.

»Ouvi«, flüsterte Miro. Er hatte endlich etwas gehört. »Fala mais, escuto. Sage mehr, ich höre zu.«

›Philotische Verbindungen. Ihr seid an Ender gebunden. Wenn ich über philotische Verbindung mit ihm spreche, hört ihr mit. Echos. Reflektionen.‹

Valentine versuchte zu ergründen, wieso die Schwarmkönigin in ihrem Geist auf Stark sprach. Dann begriff sie, daß die Schwarmkönigin nichts dergleichen tat – Miro hörte sie in seiner Muttersprache, Portugiesisch, und Valentine hörte in Wirklichkeit gar kein Stark, sie hörte das Englisch, auf dem die Sprache basierte, das amerikanische Englisch, mit dem sie aufgewachsen war. Die Schwarmkönigin schickte keine Sprache zu ihnen aus, sondern Gedanken, und ihre Gehirne entnahmen ihnen in jeweils der Sprache Sinn, die am tiefsten in ihnen verankert war. Als Valentine das Wort Echos gehört hatte, gefolgt von Reflektionen, hatte nicht die Schwarmkönigin um das richtige Wort gerungen, sondern Valentines Verstand hatte nach Worten gesucht, die der Bedeutung entsprachen.

›Gebunden an ihn. Wie mein Volk. Nur daß ihr freien Willen habt. Unabhängige Philoten. Einzelgänger, ihr alle.‹

»Sie macht einen Scherz«, flüsterte Ender. »Das war keine Beurteilung.«

Valentine war für seine Interpretation dankbar. Das Bild, das mit der Phrase Einzelgänger kam, war das eines Elefanten, der einen Mann zu Tode trampelte. Es war ein Bild aus ihrer Kindheit, aus der Geschichte, in der sie das Wort Einzelgänger zum ersten Mal gehört hatte. Es erschreckte sie, dieses Bild, genau, wie es sie als Kind schon erschreckt hatte. Und schon haßte sie die Anwesenheit der Schwarmkönigin in ihrem Verstand. Sie haßte die Art und Weise, wie sie vergessene Alpträume heraufbeschwören konnte. Alles an der Schwarmkönigin war ein Alptraum. Wie konnte sich Valentine jemals vorgestellt haben, dieses Wesen sei ramännisch? Ja, es gab Kommunikation, aber zuviel davon. Kommunikation wie eine Geisteskrankheit.

Und was sie da sagte – daß sie sie so gut verstanden, weil sie philotisch mit Ender verbunden seien. Valentine erinnerte sich daran, was Miro und Jane während des Fluges gesagt hatten – war es möglich, daß ihr philotischer Strang mit dem Enders verknüpft war und durch ihn mit dem der Schwarmkönigin? Aber wie konnte so etwas geschehen sein? Wie konnte Ender überhaupt philotisch mit der Schwarmkönigin verbunden sein?

›Wir haben nach ihm gegriffen. Er war unser Feind. Versuchte, uns zu vernichten. Wir wollten ihn zähmen. Wie einen Einzelgänger.‹

Das Verständnis kam ganz plötzlich, wie eine Tür, die sich öffnete. Die Krabbler waren nicht alle lenksam geboren. Sie konnten eine eigene Identität haben. Oder zumindest einen Kontrollverlust erleben. Und so hatte die Schwarmkönigin eine Möglichkeit entwickelt, sie im Griff zu halten; sie hatte sie philotisch an sich gebunden, um sie unter ihre Kontrolle zu bekommen.

›Ihn gefunden. Konnte ihn nicht binden. Zu stark.‹

Und niemand hatte geahnt, in welcher Gefahr sich Ender befunden hatte. Daß die Schwarmkönigin erwartete, ihn an sich binden, ihn zu einem genauso geistlosen Werkzeug wie einen jeden Krabbler machen zu können.

›Ein Netz für ihn errichtet. Fand das, wonach er sich sehnte. Dachten wir. Kamen hinein. Gaben ihm einen philotischen Kern. Verbanden uns mit ihm. Aber es war nicht genug. Jetzt ihr. Du.‹