Den gesamten Rückweg zur Oberfläche versuchte Valentine, dem Geschehen einen Sinn zu entnehmen. Sie hatte immer angenommen, wenn die Menschen von Geist zu Geist kommunizieren und die Vieldeutigkeit der Sprache eliminieren könnten, wäre das Verständnis perfekt, und es gäbe keine unnötigen Konflikte mehr. Statt dessen hatte sie herausgefunden, daß die Sprache die Differenzen zwischen Menschen nicht vergrößerte, sondern sie verkleinerte, die Dinge glättete, so daß die Menschen miteinander zurechtkommen konnten, obwohl sie einander gar nicht wirklich verstanden. Die Illusion des Verstehens ermöglichte den Menschen die Annahme, sie seien einander ähnlicher, als es in Wirklichkeit der Fall war. Vielleicht war die Sprache doch die bessere Möglichkeit.
Sie krochen aus dem Gebäude ins Sonnenlicht, blinzelten und lachten erleichtert. »Kein Spaß«, sagte Ender. »Aber du hast darauf bestanden, Val. Du mußtest sie sofort sehen.«
»Also bin ich töricht«, sagte Valentine. »Ist das neu für dich?«
»Es war wunderschön«, sagte Plikt.
Miro legte sich lediglich im Capim auf den Rücken und bedeckte die Augen mit dem Arm.
Valentine betrachtete ihn, wie er dort lag, und erhaschte einen Blick auf den Mann, der er einmal war, den Körper, den er einmal gehabt hatte. Wie er dort lag, schwankte er nicht; da er schwieg, kamen seine Silben nicht verzögert. Kein Wunder, daß seine Xenologiekollegin sich in ihn verliebt hatte. Ouanda. So tragisch die Entdeckung, daß ihr Vater auch sein Vater war. Das war das schlimmste, was enthüllt wurde, als Ender vor dreißig Jahren auf Lusitania für die Toten sprach. Das war der Mann, den Ouanda verloren hatte; und auch Miro hatte diesen Mann verloren, der er einmal war. Kein Wunder, daß er sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Nachdem er seine Geliebte verloren hatte, hielt er es für wertlos. Er bedauerte lediglich, daß er schließlich doch nicht gestorben war. Er hatte weitergelebt, äußerlich genauso gebrochen wie innerlich.
Warum dachte sie an diese Dinge, wenn sie ihn betrachtete? Warum kam es ihr plötzlich so wirklich vor?
Etwa, weil er im Augenblick selbst daran dachte? Erfaßte sie das Bild, das er sich von sich selbst machte? Gab es irgendeine schlummernde Verbindung zwischen ihren Gehirnen?
»Ender«, sagte sie, »was ist dort unten geschehen?«
»Besser, als ich es erhoffte«, sagte Ender.
»Wie bitte?«
»Die Verbindung zwischen uns.«
»Du hast damit gerechnet?«
»Ich habe sie gewollt.« Ender setzte sich auf die Seite des Wagens; seine Füße baumelten in das hohe Gras hinab. »Sie war heiß heute, nicht wahr?«
»Ach ja? Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit.«
»Manchmal ist sie so intellektuell – wenn ich nur mit ihr spreche, habe ich den Eindruck, ich würde höhere Mathematik betreiben. Diesmal – wie ein Kind. Natürlich war ich noch nie bei ihr, als sie Königin-Eier legte. Ich glaube, sie hat uns mehr gesagt, als sie eigentlich wollte.«
»Du meinst, sie hat ihr Versprechen nicht ernst gemeint?«
»Nein, Val, sie meint ihre Versprechen immer ernst. Sie weiß nicht, was Lügen sind.«
»Was hast du dann gemeint?«
»Ich sprach von der Verbindung zwischen ihr und mir. Wie sie versuchte, mich zu zähmen. Das war doch wirklich etwas, oder? Sie war einen Augenblick lang richtig wütend, als sie dachte, du wärest vielleicht das Bindeglied gewesen, das sie brauchte. Du weißt, was das für sie bedeutet hätte – sie wären nicht vernichtet worden. Sie hätte mich vielleicht sogar benutzt, um mit der Regierung der Menschen zu kommunizieren. Die Galaxis mit uns zu teilen. Was für eine verlorene Gelegenheit.«
»Du wärest wie… wie ein Krabbler gewesen. Ihr Sklave.«
»Klar. Mir hätte es nicht gefallen. Aber all die Leben, die gerettet worden wären… ich war Soldat, nicht wahr? Wenn ein Soldat durch seinen Tod das Leben von Milliarden retten kann…«
»Aber es hätte nicht funktioniert«, sagte Valentine. »Du hast einen unabhängigen Willen.«
»Sicher«, sagte Ender. »Oder zumindest einen unabhängigeren, als die Schwarmkönigin bewältigen kann. Du übrigens auch. Tröstlich, nicht wahr?«
»Ich fühle mich im Augenblick nicht sehr getröstet«, sagte Valentine. »Du warst da unten in meinem Kopf. Und die Schwarmkönigin… ich komme mir vor, als hätte man mir Gewalt angetan.«
Ender schaute überrascht drein. »Bei mir fühlt es sich nie so an.«
»Nun, es ist nicht nur das«, sagte Valentine. »Es war auch anregend. Und erschreckend. Sie ist so… groß in meinem Kopf. Als versuchte ich, jemanden aufzunehmen, der größer ist als ich.«
»Das ist wohl auch der Fall«, sagte Ender. Er wandte sich an Plikt. »War es für dich auch so?«
Zum ersten Mal bemerkte Valentine, wie Plikt Ender ansah, mit zitterndem Blick. Doch Plikt sagte nichts.
»So stark, was?« sagte Ender. Er kicherte und drehte sich zu Miro um.
Erkannte er es nicht? Plikt war von Ender schon besessen gewesen. Nachdem sie ihn nun in ihrem Verstand gehabt hatte, war es vielleicht zuviel für sie. Die Schwarmkönigin hatte davon gesprochen, Einzelgänger zu zähmen. War Plikt vielleicht von Ender ›gezähmt‹ worden? War es möglich, daß sie ihre Seele in der seinen verloren hatte?
Absurd. Unmöglich. Ich hoffe bei Gott, daß dem nicht so ist.
»Komm hoch, Miro«, sagte Ender.
Miro gestattete Ender, ihm auf die Füße zu helfen. Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren nach Hause.
Miro hatte ihnen gesagt, daß er nicht zur Messe gehen wollte. Ender und Novinha gingen ohne ihn. Doch kaum waren sie fort, kam es ihm unmöglich vor, im Haus zu bleiben. Er hatte noch immer das Gefühl, daß sich jemand irgendwie im Schatten aufhielt; eine kleine Gestalt, die ihn beobachtete. Umschlossen von einer glatten, harten Rüstung, mit nur zwei klauenähnlichen Fingern an den schlanken Armen, Arme, die abgebissen und fallen gelassen werden konnten wie trockenes Brennholz. Der gestrige Besuch bei der Schwarmkönigin hatte ihn mehr mitgenommen, als er es für möglich gehalten hatte.
Ich bin Xenologe, rief er sich in Erinnerung zurück. Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, mich mit Außerirdischen zu befassen. Ich stand dabei und sah zu, wie Ender Menschs Säugetierkörper die Haut abzog, und habe nicht einmal gezuckt, weil ich ein leidenschaftsloser Wissenschaftler bin. Manchmal identifiziere ich mich vielleicht zu sehr mit meinen Studienobjekten. Aber sie bescheren mir keine Alpträume, und ich fange nicht an, sie in den Schatten zu sehen.
Und doch stand er hier vor der Tür des Hauses seiner Mutter, weil es in den Grasfeldern im hellen Sonnenschein eines Sonntag morgens keine Schatten gab, aus denen ein Krabbler ihn anspringen konnte.
Bin ich der einzige, der so empfindet?
Die Schwarmkönigin ist kein Insekt. Sie und ihr Volk sind Warmblütler, genau wie die Pequeninos. Sie atmen und schwitzen wie Säugetiere. Sie tragen vielleicht noch die Widerklänge ihrer evolutionsmäßigen Verbindung mit Insekten in sich, genau wie wir unsere Ähnlichkeit mit Lemuren und Spitzmäusen und Ratten haben, doch sie haben eine helle und wunderschöne Zivilisation geschaffen. Oder zumindest eine dunkle und wunderschöne. Ich sollte sie sehen, wie Ender sie sieht, mit Respekt, Ehrfurcht und Zuneigung.
Und es gelang mir gerade eben, sie zu ertragen.
Es besteht kein Zweifel, daß die Schwarmkönigin ramännisch ist, imstande, uns zu verstehen und zu tolerieren. Die Frage ist, ob ich imstande bin, sie zu verstehen und zu tolerieren. Und ich kann nicht der einzige sein. Ender hat recht damit getan, den meisten Menschen auf Lusitania die Existenz der Schwarmkönigin zu verschweigen. Wenn sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, oder auch nur einen Blick auf einen einzigen Krabbler erhaschten, würde sich die Furcht ausbreiten, und das Entsetzen eines jeden würde den Schrecken eines jeden nähren, bis… bis irgend etwas geschieht. Etwas Schlimmes.