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Vielleicht sind wir die Varelse. Vielleicht ist der Xenozid in die menschliche Psyche eingebaut wie in die keiner anderen Spezies. Vielleicht wäre es zum Besten des Universums, wenn die Descolada entfesselt werden, sich im ganzen menschlichen Universum ausbreiten und uns einfach auslöschen würde. Vielleicht ist die Descolada Gottes Antwort auf unsere Unwürdigkeit.

Miro fand sich an der Tür der Kirche wieder. In der kühlen Morgenluft stand sie auf. In der Kathedrale hatten sie noch nicht mit dem Sakrament des Abendmahls begonnen. Er schlurfte hinein und suchte sich irgendwo hinten einen Platz. Er hatte nicht den Wunsch, heute mit Christus zu sprechen. Er brauchte einfach den Anblick anderer Menschen. Er mußte von Menschen umgeben sein. Er kniete nieder, bekreuzigte sich und blieb dann mit gesenktem Kopf hocken. Er hätte gebetet, aber im Pai Nosso war nichts, was seine Furcht eindämmen könnte. Gib uns unser täglich Brot? Vergib uns unsere Sünden? Dein Reich komme, wie im Himmel, so auf Erden? Das wäre gut. Gottes Reich, in dem der Löwe neben dem Lamm liegen könnte.

Dann kam ihm ein Bild des heiligen Stephan in den Sinn: Christus, der zur rechten Hand Gottes sitzt. Aber zu seiner linken war die Königin des Himmels. Nicht die heilige Jungfrau, sondern die Schwarmkönigin. An der Spitze ihres Leibes bebte weißer Schleim. Miro krallte die Hände in das Holz der Bank vor ihm. Gott nehme mir diese Vision. Weiche zurück, Feind.

Jemand kam und kniete neben ihm nieder. Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er lauschte auf ein Geräusch, aus dem hervorging, daß es sich bei seiner Gesellschaft um einen Menschen handelte. Doch das Rascheln von Stoff konnten genausogut Schwingenhüllen sein, die über einen gehärteten Thorax glitten.

Er mußte dieses Bild verdrängen. Er öffnete die Augen. Aus den Winkeln sah er, daß der Neuankömmling kniete. Dem schlanken Arm und der Farbe des Ärmels nach zu urteilen handelte es sich um eine Frau.

»Du kannst dich nicht auf ewig vor mir verstecken«, flüsterte sie.

Mit der Stimme stimmte etwas nicht. Zu heiser. Eine Stimme, die hunderttausendmal gesprochen hatte, seit er sie zuletzt gehört hatte. Eine Stimme, die Babys Schlaflieder sang, Liebesschreie ausstieß, Kinder anschrie, sie sollten nach Hause kommen. Eine Stimme, die ihm einmal, als sie jung war, von einer Liebe erzählt hatte, die ewig währen würde.

»Miro, wenn ich dein Kreuz hätte auf mich nehmen können, ich hätte es getan.«

Mein Kreuz? Ist es das, was ich mit mir herumgetragen habe, schwer und unförmig, was mich niederdrückte? Und ich dachte, es sei mein Körper.

»Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, Miro. Ich habe getrauert – eine lange Zeit. Manchmal trauere ich wohl noch' immer. Dich zu verlieren – unsere Hoffnung für die Zukunft, meine ich – es war ohnehin besser… das habe ich begriffen. Ich habe eine gute Familie gehabt, ein gutes Leben, und dir wird es genauso gehen. Doch dich als meinen Freund zu verlieren, als meinen Bruder, das war am schwersten. Ich war so einsam, ich weiß nicht, ob ich jemals darüber hinweggekommen bin.«

Dich als meine Schwester zu verlieren, war am einfachsten. Ich brauchte nicht noch eine Schwester.

»Du brichst mir das Herz, Miro. Du bist so jung. Du hast dich nicht verändert, das ist am schwersten, du hast dich in dreißig Jahren nicht verändert.«

Es war mehr, als Miro schweigend ertragen konnte. Er hob nicht den Kopf, aber die Stimme. Viel zu laut, als es mitten während der Messe angemessen war, antwortete er: »Ach nein?«

Er erhob sich, wurde sich undeutlich bewußt, daß die Leute sich umdrehten, um ihn anzusehen.

»Ach nein?« Seine Stimme war schwer zu verstehen, und er versuchte nicht, sie deutlicher klingen zu lassen. Er machte einen zögernden Schritt in den Gang und drehte sich dann endlich zu ihr um. »So hast du mich in Erinnerung?«

Sie sah zu ihm auf, entsetzt – worüber? Über Miros Sprache, seine unbeholfenen Bewegungen? Oder einfach, weil es ihr peinlich war, weil sich nicht die tragische, romantische Szene ergab, die sie sich seit dreißig Jahren vorgestellt hatte?

Ihr Gesicht war nicht alt, aber es war auch nicht Ouandas Gesicht. Im mittleren Alter, dicker, mit Falten um den Augen. Wie alt war sie? Fünfzig? Fast. Was hatte diese fünfzigjährige Frau mit ihm zu schaffen?

»Ich kenne dich nicht einmal«, sagte Miro. Dann schwankte er zur Tür hinaus und schritt in den Morgen.

Irgendwann später fand er sich im Schatten eines Baumes wieder. Welcher war es, Wühler oder Mensch? Miro versuchte sich zu erinnern – es war schließlich erst ein paar Wochen her, daß er aufgebrochen war –, doch damals war Mensch' Baum nur ein Schößling gewesen, und nun schienen beide Bäume gleich groß zu sein, und er wußte nicht mehr genau, ob Mensch hügelauf- oder abwärts von Wühler getötet worden war. Es spielte auch keine Rolle – Miro hatte nichts zu einem Baum zu sagen, und sie hatten nichts zu ihm zu sagen.

Außerdem hatte Miro die Baumsprache nie gelernt; sie hatten nicht einmal gewußt, daß dieses Schlagen mit Stöcken wirklich eine Sprache war, bis es für Miro zu spät war. Ender beherrschte es, und Ouanda und wahrscheinlich noch ein halbes Dutzend andere, aber Miro würde es niemals lernen, weil Miros Hände die Stöcke ganz einfach nicht halten und den Rhythmus schlagen konnten. Noch eine Sprache, die nutzlos für ihn war.

»Que dia chato, meu filho.«

Das war eine Stimme, die sich nie ändern würde. Und die Einstellung hatte sich auch nicht geändert: Was für ein blöder Tag, mein Sohn. Fromm und verschlagen zugleich – und voller Spott über beide Gesichtspunkte.

»Hallo, Quim.«

»Jetzt heißt es Vater Estevão, fürchte ich.« Quim hatte bereits die vollen Regalien eines Priesters erhalten, mit Robe und allem; nun raffte er sie hoch und setzte sich vor Miro in das niedergetretene Gras.

»Du siehst auch dementsprechend aus«, sagte Miro. Quim war ebenfalls älter geworden. Als Kind hatte er hager und fromm ausgesehen. Die Auseinandersetzung mit der wirklichen Welt anstelle von theologischen Theorien hatte ihm Falten und Runzeln eingebracht, doch das Gesicht, das aus dieser Veränderung resultierte, zeigte Leidenschaft. Und Stärke. »Tut mir leid, daß ich bei der Messe eine Szene gemacht habe.«

»Hast du das?« fragte Miro. »Ich war nicht da. Oder besser, ich war bei der Messe – ich war nur nicht in der Kathedrale.«

»Kommunion für die Ramänner.«

»Für die Kinder Gottes. Die Kirche hat schon ein Vokabular, um sich mit Fremden zu befassen. Wir mußten nicht auf Demosthenes warten.«

»Du mußt deshalb nicht so zynisch sein, Quim. Du hast die Begriffe nicht erfunden.«

»Streiten wir uns nicht.«

»Dann lassen wir uns auch nicht in die Meditationen anderer Leute einmischen.«

»Eine edle Einstellung. Bis auf die Tatsache, daß du dich ausgerechnet im Schatten eines meiner Freunde ausruhst, mit dem ich mich unterhalten muß. Ich dachte, es sei höflicher, zuerst mit dir zu sprechen, bevor ich mit Stöcken auf Wühler schlage.«

»Das ist Wühler?«

»Sag hallo. Ich weiß, daß er sich auf deine Rückkehr gefreut hat.«

»Ich habe ihn nie gekannt.«

»Aber er weiß alles über dich. Ich glaube, du begreifst gar nicht, Miro, was für ein Held du unter den Pequeninos bist. Sie wissen, was du für sie getan hast und was es dich gekostet hat.«