»Mutter Erde.«
»Du verstehst, Miro, daß ein Missionar wie ich manchmal eine große Bedeutung in der Welt erlangt. Irgendwie muß ich diese armen Ketzer davon überzeugen, daß sie sich auf dem falschen Weg befinden und die Lehren Christus annehmen müssen.«
»Und warum sprichst du jetzt mit Wühler?«
»Um die eine Information zu bekommen, die die Pequeninos niemals herausrücken.«
»Und das wäre?«
»Es gibt Tausende von Pequeninowäldern auf Lusitania. Welcher ist der ketzerische? Ihr Sternenschiff wird schon lange gestartet sein, bevor ich ihn gefunden habe, wenn ich aufs Geratewohl durch die Wälder ziehe.«
»Du gehst allein?«
»Wie immer. Ich kann keine kleinen Brüder mitnehmen, Miro. Bis ein Wald bekehrt wurde, neigt er dazu, fremde Pequeninos zu töten. In diesem Fall ist es besser, ein Ramann als ein Utlänning zu sein.«
»Weiß Mutter, daß du gehst?«
»Sei doch nicht weltfremd, Miro. Den Teufel fürchte ich nicht, aber Mutter…«
»Weiß Andrew es?«
»Natürlich. Er besteht darauf, mich zu begleiten. Der Sprecher für die Toten genießt ein großes Ansehen, und er glaubt, er könne mir helfen.«
»Also wirst du nicht allein sein.«
»Natürlich werde ich das. Wann hat ein Mensch, der in den Panzer Gottes gekleidet ist, jemals die Hilfe eines Humanisten benötigt?«
»Andrew ist katholisch.«
»Er geht zur Messe, er nimmt das Abendmahl, er beichtet regelmäßig, aber er ist noch immer ein Sprecher für die Toten, und ich glaube nicht, daß er wirklich an Gott glaubt. Ich gehe allein.«
Miro betrachtete Quim mit neuer Bewunderung. »Du bist ein harter Hund, nicht wahr?«
»Schweißer und Schmiede sind hart. Ich bin nur ein Diener Gottes und der Kirche und habe eine Aufgabe zu erfüllen. Ich glaube, es gibt ganz neue Beweise dafür, daß mir von meinem Bruder größere Gefahr droht als von dem ketzerischsten Pequenino. Seit Menschs Tod haben sich die Pequeninos an den weltweiten Eid gehalten – niemand hat je eine Hand gegen einen Menschen gehoben. Sie mögen Ketzer sein, aber sie sind noch immer Pequeninos. Sie werden den Eid halten.«
»Es tut mir leid, daß ich dich geschlagen habe.«
»Ich habe es wie eine Umarmung hingenommen, mein Sohn.«
»Ich wünschte, es wäre eine gewesen, Vater Estevão.«
»Dann war es eine.«
Quim kehrte zu dem Baum zurück und begann, einen Rhythmus zu schlagen. Fast augenblicklich veränderte sich das Geräusch in Tonhöhe und Tonfall, als die Hohlräume im Baum ihre Form veränderten. Miro wartete einen Augenblick und lauschte, obwohl er die Sprache der Vaterbäume nicht verstand. Wühler sprach mit der einzig hörbaren Stimme, über die die Vaterbäume verfügten. Früher einmal hatte er mit einer richtigen Stimme gesprochen, die Worte mit Lippen, Zunge und Zähnen artikuliert. Es gab mehr als eine Möglichkeit, seinen Körper zu verlieren. Miro hatte etwas überstanden, wobei er eigentlich hätte sterben müssen. Er war verkrüppelt daraus hervorgegangen. Doch er konnte sich noch bewegen, wenn auch schwerfällig, und er konnte noch sprechen, wenn auch langsam. Er glaubte, wie Hiob zu leiden. Wühler und Mensch, die viel verkrüppelter waren als er, glaubten, das ewige Leben erhalten zu haben.
»Eine ziemlich häßliche Situation«, sagte Jane.
Ja, sagte Miro stumm.
»Vater Estevão sollte nicht allein gehen«, sagte sie. »Die Pequeninos waren früher furchtbare Krieger. Sie haben nicht vergessen, wie es geht.«
Dann sag es doch Ender, sagte Miro. Ich habe hier keine Macht.
»Kühn gesprochen, mein Held«, sagte Jane. »Ich werde mit Ender sprechen, während du hier auf dein Wunder wartest.«
Miro seufzte und ging zurück, den Hügel hinab und durch das Tor.
Kapitel 9
Holzkopf
›Ich habe mit Ender und seiner Schwester, Valentine, gesprochen. Sie ist Historikerin.‹
›Erkläre dies.‹
›Sie sucht in den Büchern, um die Geschichten der Menschen herauszufinden, und schreibt dann Geschichten über das, was sie findet, und gibt sie allen anderen Menschen.‹
›Warum schreibt sie die Geschichten erneut, wenn sie doch schon niedergeschrieben wurden?‹
›Weil man sie nicht verstanden hat. Sie hilft den Leuten, sie zu verstehen.‹
›Wenn die Leute, die dieser Zeit näher waren, die Geschichten nicht verstanden haben, wie kann sie, die sie doch später kommt, sie denn besser verstehen?‹
›Das habe ich mich auch gefragt, und Valentine hat gesagt, daß sie sie nicht immer besser versteht. Doch die alten Schreiber haben verstanden, was die Geschichten für die Menschen ihrer Zeit bedeuteten, und sie versteht, was die Geschichten für die Menschen ihrer Zeit bedeuten.‹
›Also verändert sich die Geschichte.‹
›Ja.‹
›Und doch halten sie die Geschichte jedesmal für eine wahre Erinnerung?‹
›Valentine erklärte mir, einige Geschichten seien wahr, andere wahrheitsgetreu. Ich habe nichts davon verstanden.‹
›Warum erinnern sie sich nicht einfach an ihre Geschichten, wie sie das erste Mal genau erzählt wurden? Dann müßten sie sich nicht ständig anlügen.‹
Qing-jao setzte sich mit geschlossenen Augen vor ihr Terminal und dachte nach. Wang-mu bürstete Qing-jaos Haar; schon allein der Atem des Mädchens war ihr ein Trost.
Dies war eine Zeit, da Wang-mu frei sprechen konnte, ohne Angst, sie zu unterbrechen. Und weil Wang-mu Wang-mu war, nahm sie das Haarebürsten wahr, um Fragen zu stellen. Sie hatte so viele Fragen.
Die ersten paar Tage hatten ihre Fragen stets dem gegolten, was die Götter sagten. Natürlich war Wang-mu sehr erleichtert gewesen, als sie erfuhr, daß es fast immer genügte, eine einzige Linie einer Holzmaserung zu verfolgen – sie hatte beim ersten Mal befürchtet, Qing-jao müsse jeden Tag die Linien auf dem gesamten Boden verfolgen.
Doch sie hatte noch immer Fragen, die der Reinigung galten. Warum stehst du nicht einfach jeden Morgen auf, verfolgst eine Linie und bist damit fertig? Warum legst du nicht einfach einen Teppichboden aus? Es war so schwer, ihr zu erklären, daß man die Götter nicht einfach mit so törichten Tricks täuschen konnte.
Was würde geschehen, wenn es auf der ganzen Welt kein Holz gäbe? Würden die Götter dich wie Papier verbrennen? Würde ein Drache kommen und dich davontragen?
Qing-jao konnte Wang-mus Fragen nicht beantworten, konnte nur sagen, daß die Götter es eben von ihr verlangten. Wenn es keine Holzmaserungen gäbe, würden die Götter nicht von ihr verlangen, Linien zu verfolgen. Woraufhin Wang-mu erwiderte, dann solle man doch ein Gesetz gegen Holzböden machen, damit Qing-jao ihre Ruhe habe.
Die, die die Stimmen der Götter nie gehört hatten, konnten es einfach nicht verstehen.
Heute jedoch hatten Wang-mus Fragen nichts mit den Göttern zu tun – oder zumindest zuerst nicht.
»Was hat die Lusitania-Flotte schließlich aufgehalten?« fragte Wang-mu.
Beinahe hätte Qing-jao die Frage mit einem Lachen beantwortet: Wenn ich das wüßte, könnte ich mich ausruhen! Doch dann begriff sie, daß Wang-mu eigentlich nicht einmal wissen sollte, daß die Lusitania-Flotte verschwunden war.
»Wieso weißt du überhaupt etwas über die Lusitania-Flotte?«
»Ich kann doch lesen, oder?« sagte Wang-mu ein wenig zu stolz.
Doch warum sollte sie nicht stolz sein? Qing-jao hatte ihr wahrheitsgemäß gesagt, daß sie sehr schnell lernte und vieles selbst herausbekam. Sie war sehr intelligent, und Qing-jao wäre nicht überrascht, wenn Wang-mu mehr verstünde, als man ihr offen sagte.
»Ich sehe, was du auf deinem Terminal hast«, sagte Wang-mu, »und es hat immer mit der Lusitania-Flotte zu tun. Außerdem hast du an meinem ersten Tag hier mit deinem Vater darüber gesprochen. Ich verstand kaum etwas von dem, was du sagtest, doch ich wußte, daß es mit der Lusitania-Flotte zu tun haben mußte.« Wang-mus Stimme war plötzlich von Abscheu erfüllt. »Mögen die Götter dem Mann, der diese Flotte losgeschickt hat, ins Gesicht pissen.«