Ihre Wut war schockierend genug; die Tatsache, daß Wang-mu gegen den Sternenwege-Kongreß sprach, war unglaublich.
»Weißt du, wer diese Flotte losgeschickt hat?« fragte Qing-jao.
»Natürlich. Es waren die egoistischen Politiker im Sternenwege-Kongreß, die damit jede Hoffnung zerstören wollen, daß eine Kolonie ihre Unabhängigkeit gewinnen kann.«
Also wußte Wang-mu, daß sie verräterisch sprach. Qing-jao erinnerte sich voller Abscheu an ihre ähnlichen Worte, die sie vor langer Zeit gesprochen hatte; daß sie in ihrer Gegenwart wiederholt wurden – und noch dazu von ihrer geheimen Magd –, war ungeheuerlich. »Was weißt du von diesen Dingen? Sie betreffen den Kongreß, und du sprichst von Unabhängigkeit und Kolonien und…«
Wang-mu war schon auf den Knien und berührte mit dem Kopf den Boden. Qing-jao schämte sich plötzlich, so barsch gesprochen zu haben.
»Oh, steh auf, Wang-mu.«
»Du bist böse auf mich.«
»Ich bin schockiert, dich so sprechen zu hören, das ist alles. Wo hast du diesen Unsinn aufgeschnappt?«
»Alle sagen das«, entgegnete Wang-mu.
»Nicht alle«, sagte Qing-jao. »Vater sagt so etwas nie. Andererseits sagt Demosthenes so etwas ständig.« Qing-jao erinnerte sich daran, wie sie sich gefühlt hatte, als sie Demosthenes' Worte zum ersten Mal gelesen hatte – wie logisch und richtig und schön sie geklungen hatten. Erst später, nachdem Vater ihr erklärt hatte, daß Demosthenes der Feind der Herrscher und damit auch der Götter war, erst da hatte sie begriffen, wie trügerisch die Worte des Verräters waren, die sie fast zu dem Glauben verführt hatten, die Lusitania-Flotte sei böse. Wenn Demosthenes imstande gewesen war, beinahe ein gebildetes Mädchen wie Qing-jao zu verführen, war es kein Wunder, daß sie hörte, wie diese Worte wie Wahrheiten vom Mund eines gewöhnlichen Mädchens wiederholt wurden.
»Wer ist Demosthenes?« fragte Wang-mu.
»Ein Verräter, der anscheinend mehr Erfolg hat, als alle annehmen.« Wußte der Sternenwege-Kongreß, daß Demosthenes' Worte von Menschen wiederholt wurden, die noch nie von ihm gehört hatten? Begriff irgend jemand, was das bedeutete? Demosthenes' Ideen waren nun die gemeine Weisheit des gemeinen Volkes. Die Dinge hatten einen gefährlicheren Verlauf genommen, als Qing-jao es für möglich gehalten hätte. »Schon gut«, sagte Qing-jao. »Erzähle mir von der Lusitania-Flotte.«
»Wie kann ich das, wenn ich dich damit wütend mache?«
Qing-jao wartete geduldig.
»Also gut«, sagte Wang-mu, doch sie schaute noch immer vorsichtig drein. »Vater sagt – und das sagt auch Pan Ku-wei, sein sehr weiser Freund, der sich einst der Prüfung für den öffentlichen Dienst unterzog und sie fast bestanden hätte…«
»Was sagen sie?«
»Daß es nicht rechtens vom Kongreß ist, eine große – eine so große – Flotte auszuschicken, um eine winzige Kolonie anzugreifen, nur weil sie sich weigert, zwei ihrer Bürger zum Prozeß auf eine andere Welt zu schicken. Sie sagen, die Gerechtigkeit sei völlig auf der Seite Lusitanias, weil es bedeuten würde, sie für immer ihren Familien und Freunden wegzunehmen, wenn man sie von einem Planeten zum anderen schicken würde. Das wäre eine Verurteilung vor dem Prozeß.«
»Und was ist, wenn sie schuldig sind?«
»Das müssen die Gerichte auf ihrer eigenen Welt entscheiden, wo die Menschen sie kennen und ihr Verbrechen gerecht beurteilen können, und nicht der Kongreß auf einer fernen Welt, wo er nichts weiß und noch weniger versteht.« Wang-mu zog den Kopf ein. »Das sagt Pan Ku-wei.«
Qing-jao dämmte ihren Ekel über Wang-mus verräterische Worte ein; es war wichtig zu wissen, was das gemeine Volk dachte, selbst wenn Qing-jao überzeugt war, daß die Götter wütend auf sie sein würden, weil es schon Verrat war, sich solche Worte überhaupt anzuhören. »Also glaubst du, man hätte die Lusitania-Flotte niemals ausschicken sollen?«
»Was hindert sie daran, eine Flotte gegen Weg zu schicken, wenn sie auch eine ohne jeden Grund gegen Lusitania schicken können? Wir sind auch eine Kolonie, nicht eine der Hundert Welten, kein Mitglied des Sternenwege-Kongresses. Was hindert sie daran, einfach zu erklären, Han Fei-tzu sei ein Verräter, und ihn zu einem fernen Planeten reisen zu lassen, von dem er erst nach sechzig Jahren zurückkehren wird?«
Der Gedanke war schrecklich, und es war eine Zumutung von Wang-mu, ihren Vater ins Gespräch zu bringen, nicht… weil sie eine Dienerin war, sondern weil die Vorstellung, der große Han Fei-tzu könne eines Verbrechens angeklagt werden, von jedem ungehörig war. Qing-jaos Fassung ließ sie einen Augenblick lang im Stich, und sie verschaffte ihrer Wut Luft: »Der Sternenwege-Kongreß würde meinen Vater niemals wie einen Verbrecher behandeln!«
»Vergib mir, Qing-jao. Du hast mir gesagt, ich solle wiederholen, was mein Vater gesagt hat.«
»Du meinst, dein Vater hat von Han Fei-tzu gesprochen?«
»Alle Menschen von Jonlei wissen, daß Han Fei-tzu der ehrenwerteste Mann auf Weg ist. Es ist unser größter Stolz, daß das Haus Han zu unserer Stadt gehört.«
Also hast du genau gewußt, dachte Qing-jao, wie ehrgeizig du warst, als du dich angeschickt hast, die Magd seiner Tochter zu werden.
»Ich wollte nicht respektlos sein, und sie wollten es auch nicht. Aber stimmt es nicht, daß der Kongreß Weg befehlen könnte, deinen Vater zu einem anderen Planeten zu schicken, auf dem ihm der Prozeß gemacht werden soll, wenn er es wollte?«
»Sie würden niemals…«
»Aber könnten sie es?« beharrte Wang-mu.
»Weg ist eine Kolonie«, sagte Qing-jao. »Das Gesetz erlaubt es, doch sie würden niemals…«
»Aber warum sollten sie es nicht bei Weg machen, wenn sie es bei Lusitania gemacht haben?«
»Weil die Xenologen auf Lusitania sich Verbrechen schuldig gemacht haben, die…«
»Die Menschen auf Lusitania sind anderer Meinung. Ihre Regierung hat sich geweigert, sie zum Prozeß zu schicken.«
»Das ist am schlimmsten daran. Wie kann eine planetare Regierung glauben, sie wisse es besser als der Kongreß?«
»Aber sie wissen alles«, sagte Wang-mu, als sei diese Vorstellung so natürlich, daß jeder sie einsehen müssen. »Sie kennen diese Menschen, diese Xenologen. Wenn der Sternenwege-Kongreß Weg befehlen würde, Han Fei-tzu wegen eines Verbrechens, von dem wir wissen, daß er es nicht begangen hat, zu einem Prozeß auf einem anderen Planeten zu schicken, würden wir dann nicht auch rebellieren, bevor wir einen so großen Mann fortschicken? Und dann würden sie eine Flotte gegen uns in Marsch setzen.«
»Der Sternenwege-Kongreß ist die Quelle aller Gerechtigkeit auf den Hundert Welten.« Qing-jao sprach mit Endgültigkeit. Die Diskussion war vorbei.
Unverschämterweise bewahrte Wang-mu kein Schweigen. »Aber Weg ist keine der Hundert Welten, nicht wahr?« sagte sie. »Wir sind nur eine Kolonie. Sie können tun, was sie wollen, und das ist nicht gerecht.«
Wang-mu nickte, als glaube sie, völlig gesiegt zu haben. Qing-jao hätte fast gelacht. Sie hätte sogar gelacht, wäre sie nicht so wütend gewesen. Zum Teil war sie wütend, weil Wang-mu sie oft unterbrochen und ihr sogar widersprochen hatte, etwas, das ihre Lehrer voller Bedacht immer vermieden hatten. Doch Wang-mus Aufsässigkeit war wahrscheinlich positiv, und Qing-jaos Verärgerung war ein Zeichen dafür, daß sie sich an den unverdienten Respekt gewöhnt hatte, den die Leute ihren Ideen entgegenbrachten, ganz einfach, weil sie über die Lippen einer Gottberührten kamen. Wang-mu mußte ermutigt werden, so zu ihr zu sprechen. Dieser Teil von Qing-jaos Verärgerung war falsch, und sie mußte ihn loswerden.