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Doch ein großer Teil von Qing-jaos Verärgerung stammte daher, wie Wang-mu von dem Sternenwege-Kongreß gesprochen hatte. Es war, als billige Wang-mu dem Kongreß nicht die höchste Autorität über die gesamte Menschheit zu; als glaube Wang-mu, Weg sei wichtiger als der kollektive Wille aller Welten. Auch wenn das Unvorstellbare geschehen und Han Fei-tzu befohlen werden sollte, sich auf einer hundert Lichtjahre entfernten Welt einem Prozeß zu stellen, würde er es ohne Widerspruch tun – und er würde wütend werden, sollte irgend jemand auf Weg zum geringsten Widerstand aufrufen. Wie Lusitania zu rebellieren? Undenkbar. Qing-jao fühlte sich schmutzig, wenn sie nur daran dachte.

Schmutzig. Unrein. Allein solch ein rebellischer Gedanke ließ sie nach der Linie einer Holzmaserung suchen.

»Qing-jao!« rief Wang-mu, als Qing-jao niederkniete. »Bitte sage mir, daß die Götter dich nicht bestrafen, weil du hören mußtest, was ich gesagt habe!«

»Sie bestrafen mich nicht«, sagte Qing-jao. »Sie reinigen mich.«

»Aber es waren nicht einmal meine Worte, Qing-jao. Es waren die Worte von Menschen, die nicht einmal hier sind.«

»Es waren unreine Worte, wer auch immer sie gesprochen haben mag.«

»Aber es ist nicht gerecht, daß du dich für Ideen reinigen mußt, an die du nie gedacht oder geglaubt hast!«

Es wurde immer schlimmer! Würde Wang-mu niemals aufhören? »Muß ich jetzt hören, daß die behauptest, die Götter selbst seien ungerecht?«

»Sie sind es, wenn sie dich wegen der Worte anderer Leute bestrafen!«

Das Mädchen war unverschämt. »Bist du jetzt klüger als die Götter?«

»Sie könnten dich genausogut bestrafen, weil du von der Schwerkraft angezogen wirst oder weil Regen auf dich fällt!«

»Wenn sie mir befehlen, mich wegen solcher Dinge zu reinigen, dann tue ich es und nenne es gerecht«, sagte Qing-jao.

»Dann hat Gerechtigkeit keine Bedeutung!« rief Wang-mu. »Wenn du dieses Wort aussprichst, meinst du damit alles, was die Götter zufällig entscheiden. Doch wenn ich das Wort ausspreche, meine ich Fairneß, meine ich, daß Menschen nur für etwas bestraft werden, das sie absichtlich getan haben, meine ich damit…«

»Ich muß das befolgen, was die Götter mit Gerechtigkeit meinen.«

»Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit, was immer die Götter sagen!«

Fast hätte sich Qing-jao vom Boden erhoben und ihrer geheimen Magd eine Ohrfeige gegeben. Es wäre ihr Recht gewesen, denn Wang-mu verursachte ihr genauso viel Schmerzen, als hätte sie sie geschlagen. Doch es entsprach nicht Qing-jaos Art, einen Menschen zu schlagen, der nicht zurückschlagen konnte. Außerdem gab es hier ein viel interessanteres Rätsel. Schließlich hatten die Götter Wang-mu zu ihr geschickt – dessen war sich Qing-jao bereits sicher. Anstatt also direkt mit Wang-mu zu streiten, sollte Qing-jao zu verstehen versuchen, was die Götter meinten, indem sie ihr eine Dienerin schickten, die so schändliche, respektlose Dinge sagte.

Die Götter hatten Wang-mu veranlaßt zu sagen, es sei ungerecht, Qing-jao zu bestrafen, nur weil sie sich die respektlose Ansicht einer anderen Person angehört hatte. Vielleicht war Wang-mus Behauptung richtig. Doch es traf auch zu, daß die Götter nicht ungerecht sein konnten. Daher durfte Qing-jao nicht bestraft werden, nur weil sie die verräterische Meinung des Volkes gehört hatte. Nein, Qing-jao mußte sich reinigen, weil irgendein Teil von ihr im tiefsten Herzen diese Meinung glauben mußte. Sie mußte sich reinigen, weil sie tief im Innern das himmlische Mandat des Sternenwege-Kongresses anzweifelte, weil sie noch immer glaubte, es sei nicht gerecht.

Qing-jao kroch augenblicklich zu der nächsten Wand und begann nach der richtigen Linie zu suchen, die sie verfolgen konnte. Aufgrund von Wang-mus Worten hatte Qing-jao eine geheime Unreinheit in sich selbst entdeckt. Die Götter hatten ihr einen weiteren Schritt ermöglicht, die dunkelsten Gefilde in ihr selbst besser kennenzulernen, so daß sie eines Tages vielleicht völlig mit Licht erfüllt war und sich damit den Namen verdiente, der bislang nur Hohn und Spott war. Ein Teil von mir bezweifelt die Rechtschaffenheit des Sternenwege-Kongresses. O Götter, um meiner Ahnen, meines Volkes, meiner Herrscher und letztlich auch um mich willen, läutert diesen Zweifel in mir und macht mich rein!

Als sie die Linie verfolgt hatte – und es war nur eine einzige Linie erforderlich, um sie zu reinigen, was ein gutes Zeichen dafür war, daß sie etwas Wahres gelernt hatte –, saß Wang-mu da und beobachtete sie. Qing-jaos Wut war verraucht, und sie war Wang-mu sogar dankbar, ein unwissendes Werkzeug der Götter gewesen zu sein, das ihr geholfen hatte, eine neue Wahrheit zu lernen. Doch Wang-mu mußte trotzdem begreiflich gemacht werden, daß sie unverschämt gewesen war.

»In diesem Haus wohnen treue Diener des Sternenwege-Kongresses«, sagte Qing-jao mit leiser Stimme und so freundlichem Gesichtsausdruck, wie sie ihn nur aufsetzen konnte. »Und wenn du eine treue Dienerin dieses Hauses bist, wirst du auch dem Kongreß mit ganzem Herzen dienen.« Wie konnte sie Wang-mu erklären, auf wie schmerzhafte Art und Weise sie selbst diese Lektion gelernt hatte – und noch immer lernte? Wang-mu sollte ihr dabei helfen und es ihr nicht zusätzlich erschweren.

»Heilige, ich wußte es nicht«, sagte Wang-mu, »ahnte es nicht einmal. Ich habe immer gehört, daß der Name Han Fei-tzu als edelster Diener von Weg genannt wurde. Ich dachte, Ihr würdet Weg dienen, nicht dem Kongreß, oder ich hätte nie…«

»Nie versucht, hier eine Anstellung zu finden?«

»Nie so barsch über den Kongreß gesprochen«, sagte Wang-mu. »Ich würde dir sogar dienen, wenn du im Haus eines Drachen wohntest.«

Vielleicht wohne ich in einem solchen, dachte Qing-jao. Vielleicht ist der Gott, der mich reinigt, ein Drache, kalt und heiß, schrecklich und schön.

»Vergiß nicht, Wang-mu, die Welt namens Weg ist nicht der Weg selbst, sondern wurde nur so genannt, um uns daran zu erinnern, jeden Tag gemäß des wahren Weges zu leben. Mein Vater und ich dienen dem Kongreß, weil er das Mandat des Himmels hat, und so verlangt der Weg, daß unser Dienst sogar über die Wünsche oder Bedürfnisse der Welt namens Weg hinausgeht.«

Wang-mu betrachtete sie mit großen Augen. Hatte sie begriffen? Glaubte sie daran? Egal – mit der Zeit würde sie noch daran glauben.

»Geh nun, Wang-mu. Ich habe zu arbeiten.«

»Ja, Qing-jao.« Wang-mu erhob sich augenblicklich und entfernte sich rückwärts und unter Verbeugungen. Qing-jao wandte sich wieder ihrem Terminal zu. Doch als sie sich anschickte, weitere Berichte ins Display aufzurufen, wurde sie sich bewußt, daß außer ihr noch jemand im Raum war. Sie wirbelte mit dem Stuhl herum, und auf der Schwelle stand Wang-mu.

»Was ist noch?« fragte Qing-jao.

»Ist es die Pflicht einer geheimen Magd, ihrer Herrin jede Weisheit zu verraten, die ihr in den Sinn kommt, selbst wenn sie sich als Torheit erweisen sollte?«

»Du kannst zu mir sagen, was du willst«, entgegnete Qing-jao. »Habe ich dich jemals bestraft?«

»Dann vergib mir bitte, meine Qing-jao, wenn ich etwas über diese große Aufgabe zu sagen wage, an der du arbeitest.«

Was wußte Wang-mu von der Lusitania-Flotte? Wang-mu war eine gelehrige Schülerin, doch Qing-jao unterrichtete sie in jedem Fach noch auf so primitiver Ebene, daß der Gedanke, Wang-mu könne auch nur die Probleme erfassen, geschweige denn eine Antwort wissen, einfach absurd war. Nichtsdestotrotz hatte Vater sie gelehrt: Diener sind immer glücklicher, wenn sie wissen, daß ihre Stimmen bei ihrem Herren Gehör finden. »Bitte sag es mir«, fuhr Qing-jao fort. »Wie kannst du etwas Törichteres sagen als das, was ich bereits gesagt habe?«

»Meine geliebte ältere Schwester«, sagte Wang-mu, »ich habe diese Idee eigentlich von dir. Du hast so oft gesagt, daß nichts, was der Wissenschaft und Geschichte bekannt ist, veranlaßt haben könnte, daß die Flotte so vollständig und gleichzeitig verschwindet.«