»Aber es ist geschehen«, sagte Qing-jao, »also muß es doch möglich sein.«
»Mir kam etwas in den Sinn, meine süße Qing-jao«, sagte Wang-mu, »das du mir erklärt hast, als wir über Logik sprachen. Über Ursache und Wirkung. Die ganze Zeit über hast du nach der Ursache gesucht – wieso die Flotte verschwinden konnte. Aber hast du auch nach der Wirkung gesucht – was jemand damit erreichen will, wenn er die Flotte von uns abschneidet oder sogar vernichtet?«
»Jeder weiß, warum die Leute die Flotte aufhalten wollen. Sie versuchen, die Rechte der Kolonien zu schützen, oder haben den lächerlichen Verdacht, der Kongreß wolle die Pequeninos mit der gesamten Kolonie vernichten. Milliarden von Menschen wollen die Flotte aufhalten. Sie alle sind verräterisch im Herzen und Feinde der Götter.«
»Aber jemand hat es wirklich getan«, sagte Wang-mu. »Ich dachte nur, da du nicht herausfinden kannst, was mit der Flotte geschehen ist, könntest du vielleicht herausfinden, wer es geschehen ließ, und das wird dich dazu führen, wie sie es gemacht haben.«
»Wir wissen nicht einmal, ob es überhaupt einen Wer gibt«, entgegnete Qing-jao. »Es könnte ein Was gewesen sein. Natürliche Phänomene haben keine Absicht im Sinn, denn sie haben gar keinen Sinn oder Verstand.«
Wang-mu senkte den Kopf. »Dann habe ich deine Zeit verschwendet, Qing-jao. Bitte vergib mir. Ich hätte gehen sollen, als du es mir befohlen hast.«
»Es ist schon in Ordnung«, sagte Qing-jao.
Wang-mu war schon fort; Qing-jao wußte nicht, ob ihre Dienerin ihre beruhigenden Worte noch gehört hatte. Es spielt keine Rolle, dachte Qing-jao. Falls Wang-mu beleidigt sein sollte, mache ich es später wieder gut. Zu glauben, es könne mir bei meiner Aufgabe helfen, war nett von dem Mädchen; ich werde dafür sorgen, daß sie ein so eifriges Herz hat.
Nachdem Wang-mu das Zimmer verlassen hatte, kehrte Qing-jao an ihr Terminal zurück. Sie blätterte müßig die Berichte auf dem Display ihres Terminals durch. Sie hatte sie alle schon studiert und nichts gefunden, was ihr weiterhalf. Warum sollte es diesmal anders sein? Vielleicht zeigten diese Berichte und Zusammenfassungen ihr nichts, weil es nichts zu zeigen gab. Vielleicht war die Flotte verschwunden, weil irgendein Gott zum Berserker geworden war; es gab Geschichten, daß so etwas in alten Zeiten schon vorgekommen war. Vielleicht gab es keinen Beweis für eine menschliche Einmischung, weil Menschen gar nicht beteiligt waren. Sie fragte sich, was Vater dazu sagen würde. Was würde der Kongreß gegen eine verrückt gewordene Gottheit unternehmen? Sie konnten noch nicht einmal diesen verräterischen Schriftsteller Demosthenes aufspüren – welche Hoffnung hatten sie, einen Gott aufzuspüren und auszuschalten?
Wer auch immer Demosthenes ist, er lacht sich in diesem Augenblick ins Fäustchen, dachte Qing-jao. Seine ganze Arbeit galt dem Ziel, das Volk zu überzeugen, es sei nicht rechtens von der Regierung, die Lusitania-Flotte auszuschicken, und nun wurde die Flotte aufgehalten, genau, wie Demosthenes es wollte.
Genau, wie Demosthenes es wollte. Zum ersten Mal stellte Qing-jao eine geistige Verbindung her, die so offensichtlich war, daß sie nicht glauben konnte, noch nie daran gedacht zu haben. Sie war sogar so offensichtlich, daß die Polizei vieler Städte davon ausgegangen war, bekannte Gefolgsleute von Demosthenes müßten mit Sicherheit mit dem Verschwinden der Flotte zu tun haben. Sie hatten alle Verdächtigen zusammengetrieben und versucht, ihnen Geständnisse abzupressen. Doch natürlich hatte niemand Demosthenes selbst befragt, denn niemand wußte, wer er war.
Demosthenes war so klug, daß er trotz aller Nachforschungen der Kongreßpolizei jahrelang ein genauso flüchtiges Wesen war wie die Ursache des Verschwindens der Flotte. Wenn er den einen Trick bewirken konnte, warum denn nicht auch den anderen? Wenn ich Demosthenes finde, finde ich vielleicht auch heraus, wie die Flotte von uns abgeschnitten wurde. Nicht, daß ich die geringste Ahnung hätte, wo ich mit dem Suchen anfangen soll. Aber es ist zumindest eine neue Annäherung an das Problem. Zumindest bedeutet es, daß ich nicht immer und immer wieder dieselben leeren, nutzlosen Berichte lesen muß.
Plötzlich erinnerte sich Qing-jao, wer nur vor einem Moment fast genau den gleichen Vorschlag gemacht hatte. Sie fühlte, wie sie errötete; das Blut schoß in ihre Wangen. Wie arrogant war es doch von mir, Wang-mu zu tadeln, sie wegen der Vorstellung zu schelten, sie könne mir bei meiner erhabenen Aufgabe helfen. Und nun, keine fünf Minuten später, ist der Gedanke, den sie in meinem Verstand gepflanzt hat, zu einem Plan aufgeblüht. Selbst wenn dieser Plan fehlschlagen sollte, war sie diejenige, die ihn mir gab oder mich zumindest daran denken ließ. Also war es töricht von mir, sie für töricht zu halten. Tränen der Scham füllten Qing-jaos Augen.
Dann dachte sie an einige berühmte Zeilen eines Gedichts ihrer Vorfahrin-des-Herzens.
Die Dichterin Li Qing-jao wußte, wie schmerzhaft es war, Worte zu bedauern, die schon über unsere Lippen gekommen sind und niemals zurückgenommen werden können. Doch sie war weise genug, um sich daran zu erinnern, daß, obwohl diese Worte gesprochen wurden, neue darauf warten, gesagt zu werden, wie die Birnenblüten.
Um über die Schande hinwegzukommen, so arrogant gewesen zu sein, wiederholte Qing-jao alle Worte des Gedichts, oder fing zumindest damit an. Doch als sie an die Zeile
kam, wandten sich ihre Gedanken der Lusitania-Flotte zu, und sie stellte sich all diese Sternenschiffe als Flußboote vor, die grell bemalt nun mit der Strömung trieben, so fern vom Ufer, daß sie nicht mehr gehört werden konnten, ganz gleich, wie laut sie riefen.
Von Drachenschiffen glitten ihre Gedanken zu Flugdrachen über, und nun stellte sie sich die Lusitania-Flotte als Drachen mit gerissenen Leinen vor, die vom Wind fortgetragen wurden und nicht mehr mit dem Kind verbunden waren, das sie ursprünglich hatte fliegen lassen. Wie schön, sie frei zu sehen; doch wie schrecklich mußte es für sie sein, die sich die Freiheit nie ersehnt hatten.
Die Worte des Gedichts kamen ihr wieder in den Sinn. Ich fürchtete nicht. Zornige Winde. Heftiger Regen. Ich fürchtete mich nicht, als
Meine Vorfahrin-des-Herzens konnte ihre Furcht wegtrinken, dachte Qing-jao, weil sie jemanden hatte, mit dem sie trinken konnte. Und selbst jetzt,
erinnert sich sich Dichterin an ihre verlorene Gesellschaft. An wen erinnere ich mich jetzt? dachte Qing-jao. Wo ist mein zärtlicher Liebhaber? Was für ein Zeitalter muß es damals gewesen sein, als die große Li Qing-jao noch sterblich war und Männer und Frauen als zärtliche Freunde Zusammensein konnten, ohne sich Sorgen darüber zu machen, zu wem die Götter sprechen und zu wem nicht. Damals konnte eine Frau ein Leben führen, bei dem sie selbst in ihrer Einsamkeit Erinnerungen hatte. Ich kann mich nicht einmal an das Gesicht meiner Mutter erinnern. Nur die flachen Bilder; ich kann mich nicht erinnern, wie sie das Gesicht drehte und bewegte, während ihre Augen mich betrachteten. Ich habe nur meinen Vater, der wie ein Gott ist; ich kann ihn verehren und ihm gehorchen und ihn sogar lieben, doch ich kann in seiner Gegenwart nie ausgelassen, verspielt sein. Wenn ich ihn necke, beobachte ich ihn immer, um mich zu vergewissern, daß er die Art und Weise billigt, wie ich ihn necke. Und Wang-mu; ich sprach so fest darüber, daß wir Freundinnen sein würden, und doch behandle ich sie wie eine Dienerin. Ich vergesse keinen Augenblick lang, zu wem die Götter sprechen und zu wem nicht. Es ist wie eine Mauer, die niemals überwunden werden kann. Ich bin jetzt allein und werde auf ewig allein sein.