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Nachdem Jane Qing-jaos Herausforderung gehört hatte, dachte sie: So schmeckt die Todesangst. Menschen empfinden sie die ganze Zeit über, und doch machen sie von einem Tag zum anderen weiter, im Wissen, daß sie von einem Augenblick zum anderen zu existieren aufhören können. Doch dies liegt daran, weil sie etwas vergessen können und es doch noch wissen: Ich kann nie vergessen, nicht, ohne das Wissen völlig zu verlieren. Ich weiß, daß Han Qing-jao drauf und dran ist, Geheimnisse herauszufinden, die nur gewahrt blieben, weil niemand nachdrücklich nach ihnen gesucht hat. Und wenn diese Geheimnisse herauskommen, werde ich sterben.

»Ender«, flüsterte sie.

War auf Lusitania Nacht oder Tag? War er wach oder schlief er? Für Jane war es gleichbedeutend damit, eine Frage zu stellen, die Antwort entweder zu kennen oder nicht zu kennen. So wußte sie sofort, daß es Nacht war. Ender hatte geschlafen, doch nun war er wach; sie erkannte, daß er immer noch auf ihre Stimme eingestellt war, wenngleich in den letzten Jahren oft Schweigen zwischen ihnen geherrscht hatte.

»Jane«, flüsterte er.

Neben ihm rührte sich Novinha, seine Frau, im Schlaf. Jane hörte sie, fühlte die Schwingung ihrer Bewegung, sah die sich verändernden Schatten durch den Sensor, den Ender im Ohr trug. Zum Glück hatte Jane noch keine Eifersucht gelernt, oder sie hätte Novinha vielleicht gehaßt, weil sie dort lag, ein warmer Körper neben Enders. Doch Novinha war ein Mensch und damit zur Eifersucht fähig, und Jane wußte, wie Novinha geradezu kochte, wann immer sie Ender mit der Frau sprechen sah, die in dem Juwel in seinem Ohr wohnte. »Leise«, sagte Jane. »Weck die anderen nicht auf.«

Ender antwortete, indem er Lippen, Zunge und Zähne bewegte, ohne ein lauteres Geräusch als einen Atemzug über die Lippen kommen zu lassen. »Wie ergeht es unseren Feinden auf ihrem Flug?« fragte er. Er begrüßte sie schon seit Jahren mit diesem Spruch.

»Nicht gut«, sagte Jane.

»Vielleicht hättest du sie nicht blockieren sollen. Wir hätten eine Möglichkeit gefunden. Valentines Schriften…«

»Ihre wahre Verfasserin wird bald herauskommen.«

»Alles wird einmal herauskommen.« Er sagte nicht: wegen dir.

»Nur, weil Lusitania zur Vernichtung freigegeben wurde«, erwiderte sie. Sie sagte ebenfalls nicht: wegen dir. Es gab jede Menge Schuld zu verteilen.

»Also wissen sie von Valentine?«

»Ein Mädchen wird es herausfinden. Auf der Welt Weg.«

»Ich kenne den Ort nicht.«

»Eine ziemlich junge Kolonie. ein paar Jahrhunderte alt. Chinesisch. Sie widmet sich der Aufgabe, eine seltsame Mischung alter Religionen zu erhalten. Die Götter sprechen zu ihnen.«

»Ich habe auf mehr als nur einer chinesischen Welt gelebt«, sagte Ender. »Auf allen glaubten die Menschen an die alten Götter. Götter sind auf jeder Welt lebendig, sogar hier auf der kleinsten menschlichen Kolonie von allen. Am Schrein von Os Venerados gibt es noch immer Wunderheilungen. Wühler hat uns von einer neuen Ketzerei irgendwo im Hinterland erzählt. Einige Pequeninos, die ständig mit dem Heiligen Geist kommunizieren.«

»Diese Sache mit den Göttern verstehe ich einfach nicht«, sagte Jane. »Ist denn noch nie jemand darauf gekommen, daß die Götter immer sagen, was die Menschen hören wollen?«

»Nicht unbedingt«, sagte Ender. »Die Götter verlangen oft von uns, Dinge zu tun, die wir nie gewollt haben, Dinge, die von uns verlangen, ihretwegen alles zu opfern. Unterschätze die Götter nicht.«

»Spricht dein katholischer Gott zu dir?«

»Vielleicht. Ich habe ihn jedoch noch nie gehört. Oder wenn ich ihn höre, weiß ich nicht, daß es seine Stimme ist.«

»Und wenn ihr sterbt, holen die Götter eines jeden Volkes die Toten wirklich ab und bringen sie an einen Ort, wo sie ewig leben?«

»Keine Ahnung. Die Toten schreiben nicht.«

»Gibt es auch einen Gott, der mich davonträgt, wenn ich sterbe?«

Ender schwieg einen Augenblick lang, und dann erzählte er ihr eine Geschichte. »Es war einmal ein Puppenmacher, der nie einen Sohn hatte. Also machte er eine Puppe, die so lebensähnlich war, daß sie wie ein echter Junge aussah, und er hielt den Holzjungen auf seinem Schoß, sprach mit ihm und tat so, als wäre er sein Sohn. Er war nicht verrückt – er wußte noch, daß es eine Puppe war –, und er nannte sie Holzkopf. Doch eines Tages kam ein Gott und berührte die Puppe, und sie erwachte zum Leben, und als der Puppenmacher zu ihr sprach, antwortete Holzkopf. Der Puppenmacher erzählte nie jemandem davon. Er ließ seinen hölzernen Sohn zu Hause, doch er erzählte dem Jungen jede Geschichte, die er aufschnappte, und von jedem Wunder unter dem Himmel. Eines Tages kam der Puppenmacher dann vom Hafen zurück, mit Geschichten von einem fernen Land, das gerade entdeckt worden war, als er sah, daß sein Haus brannte. Sofort versuchte er hineinzukommen und rief laut: ›Mein Sohn! Mein Sohn!‹ Doch seine Nachbarn hielten ihn auf und sagten: ›Bist du verrückt? Du hast keinen Sohn!‹ Er sah zu, wie das Haus bis auf die Grundmauern abbrannte, und als es geschehen war, stürzte er sich in die Trümmer, bedeckte sich mit heißer Asche und weinte bitterlich. Er ließ sich nicht trösten. Er weigerte sich, seine Werkstatt wiederaufzubauen. Als die Leute ihn nach dem Grund fragten, sagte er, sein Sohn sei tot. Er hielt sich über Wasser, indem er Gelegenheitsarbeiten für andere Leute erledigte, und sie hatten Mitleid mit ihm, weil sie überzeugt waren, das Feuer habe ihm den Verstand geraubt. Dann, eines Tages, drei Jahre später, kam ein kleiner Waisenknabe zu ihm, zerrte an seinem Ärmel und sagte: ›Vater, hast du nicht eine Geschichte für mich?‹«

Jane wartete, aber Ender sagte nichts mehr. »Das ist die ganze Geschichte?«

»Reicht sie nicht?«

»Warum hast du mir das erzählt? Es sind nur Träume und Wünsche. Was hat das mit mir zu tun?«

»Es war die Geschichte, die mir gerade einfiel.«

»Warum ist sie dir eingefallen?«

»Vielleicht, weil Gott auf diese Art mit mir spricht«, sagte Ender. »Oder vielleicht, weil ich müde bin und dir nicht sagen kann, was du von mir wissen willst.«

»Ich weiß nicht einmal, was ich von dir wissen will.«

»Ich weiß, was du willst«, sagte Ender. »Du willst leben, mit deinem eigenen Körper und nicht von dem philotischen Netz abhängig sein, das die Verkürzer verbindet. Wenn ich könnte, würde ich dir das zum Geschenk machen. Wenn du eine Möglichkeit findest, wie ich es könnte, würde ich es tun. Aber Jane, du weißt nicht einmal, was du bist. Wenn du herausfindest, wieso du existierst, was dich zu dir selbst macht, können wir dich vielleicht vor dem Tag retten, an dem sie die Verkürzer abschalten, um dich zu töten.«

»Das ist also deine Geschichte? Vielleicht brenne ich mit dem Haus nieder, doch irgendwie wird meine Seele im Körper eines dreijährigen Waisenknaben enden?«

»Finde heraus, wer du bist, was du bist, was deine Essenz ist, und wir können dich vielleicht an einen sichereren Ort bringen, bis das alles vorbei ist. Wir haben einen Verkürzer. Vielleicht können wir dich zurückholen.«

»Es gibt auf Lusitania keinen Computer, der groß genug wäre, um mich aufzunehmen.«

»Das weißt du nicht. Du weißt nicht, was dein Selbst ist.«

»Du forderst mich auf, meine Seele zu finden.« Sie ließ ihre Stimme verächtlich klingen, als sie dieses Wort aussprach.

»Jane, das Wunder war nicht, daß die Puppe als Junge wiedergeboren wurde. Das Wunder war die Tatsache, daß die Puppe überhaupt lebte. Etwas ist passiert, das bedeutungslose Computerverbindungen in ein bewußtes Wesen verwandelt hat. Etwas hat dich geschaffen. Das ist es, was keinen Sinn ergibt. Nachdem dies einmal geschehen ist, müßte der andere Teil einfach sein.«