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Seine Stimme klang schleppend. Er will, daß ich gehe, damit er schlafen kann, dachte sie. »Ich werde daran arbeiten.«

»Gute Nacht«, murmelte er.

Er schlief fast sofort wieder ein. War er überhaupt wirklich wach? fragte sich Jane. Wird er sich am Morgen daran erinnern, daß wir uns unterhalten haben?

Dann spürte sie, wie sich etwas im Bett bewegte. Novinha; ihr Atem ging anders. Erst da begriff Jane: Novinha ist aufgewacht, während ich mit Ender sprach. Sie weiß, was diese fast unhörbaren klackenden und schmatzenden Geräusche bedeuten, daß Ender subvokalisiert, um mit mir zu sprechen. Vielleicht vergißt Ender, daß wir uns heute nacht unterhalten haben, doch Novinha wird es nicht vergessen. Als hätte sie ihn erwischt, wie er das Bett mit einer Liebhaberin teilt. Wenn sie doch nur anders von mir dächte. Wie von einer Tochter. Wie von Enders unehelicher Tochter, die einer längst vergangenen Verbindung entsprungen ist. Sein Kind von der Schwarmkönigin. Wäre sie dann noch eifersüchtig?

Bin ich Enders Kind?

Jane begann in ihrer Vergangenheit zu suchen. Sie begann, ihre Natur zu studieren. Sie begann mit dem Versuch, herauszufinden, wer sie war und weshalb sie lebte.

Doch weil sie Jane war und kein Mensch, war das noch nicht alles. Sie verfolgte auch, wie Qing-jao alle Daten abfragte, die mit Demosthenes zu tun hatten, und beobachtete, wie sie sich langsam, aber sicher der Wahrheit näherte.

Janes dringlichste Aktivität galt jedoch dem Versuch, eine Möglichkeit zu finden, Qing-jao davon abzubringen, sie unbedingt finden zu wollen. Das war die schwierigste Aufgabe von allen, denn trotz Janes großer Erfahrung mit dem menschlichen Verstand, trotz all ihrer Gespräche mit Ender waren Menschen für sie noch immer geheimnisvoll. Jane hatte die Schlußfolgerung gezogen: Ganz gleich, wie gut du weißt, was eine Person getan hat und was sie zu glauben getan hat, als sie es tat, und was sie nun zu tun glaubt, man kann sich nie sicher sein, was sie als nächstes tun wird. Und doch hatte sie keine andere Wahl, als es zu versuchen. Also schickte sie sich an, das Haus Han Fei-tzus auf eine Art und Weise zu beobachten, wie sie noch nie jemanden außer Ender und seinen Stiefsohn Miro beobachtet hatte. Sie konnte nicht mehr darauf warten, daß Qing-jao und ihr Vater Daten in den Computer eingaben und versuchten, sie aufgrund dieser Daten zu verstehen. Nun mußte sie die Kontrolle über den Hauscomputer übernehmen, damit die Audio- und Video-Rezeptoren der Terminals in fast allen Räumen ihre Augen und Ohren wurden. Sie beobachtete sie. Sie verwendete einen beträchtlichen Teil ihrer Aufmerksamkeit darauf, ihre Worte und Taten zu studieren und zu analysieren und herauszufinden, was sie einander bedeuteten.

Sie brauchte nicht lange, um herauszufinden, daß man Qing-jao nicht am besten beeinflussen konnte, indem man sie mit Argumenten konfrontierte, sondern indem man zuerst ihren Vater überzeugte und ihn dann Qing-jao überzeugen ließ. Das entsprach größerer Harmonie mit dem Weg; Han Qing-jao würde dem Sternenwege-Kongreß niemals ungehorsam sein, außer Han Fei-tzu befahl es ihr; dann würde sie bereitwillig gehorchen.

Gewissermaßen vereinfachte das Janes Aufgabe beträchtlich. Es blieb bestenfalls zweifelhaft, ob sie Qing-jao überreden konnte, eine unbeständige und leidenschaftliche Heranwachsende, die sich selbst überhaupt noch nicht verstand. Doch Han Fei-tzu war ein Mann von gefestigstem Charakter, ein logisch denkender, aber auch gefühlsbetonter Mann; ihn konnte man mit Argumenten überzeugen, besonders, falls Jane ihm eingeben konnte, daß der Widerstand gegen den Kongreß zum Besten seiner Welt und der Menschheit allgemein geriete. Sie brauchte nur die richtigen Informationen, um ihn zu dieser Schlußfolgerung kommen zu lassen.

Mittlerweile verstand Jane von den gesellschaftlichen Mustern auf Weg genausoviel wie jeder Mensch, denn sie hatte jeden geschichtlichen, jeden anthropologischen Bericht und jedes vom Volk von Weg verfaßte Dokument absorbiert. Was sie lernte, störte sie zutiefst: Die Menschen von Weg wurden von ihren Göttern weit tiefer beherrscht als jedes andere Volk auf jedem anderen Planeten oder zu jeder anderen Zeit. Hier lag eindeutig ein häufig auftretender Gehirnschaden mit der Bezeichnung Unbewußt-Zwanghaftes Verhalten vor – UZV Am Anfang der Geschichte Weges – vor sieben Generationen, als der Planet besiedelt wurde – hatten die Ärzte die Störung behandelt. Doch sie hatten ziemlich schnell festgestellt, daß die Menschen von Weg, zu denen die Götter sprachen, überhaupt nicht auf alle üblichen Medikamente reagierten, die bei allen anderen Patienten das chemische Gleichgewicht der »Hinlänglichkeit« wiederherstellten, das Gefühl im Verstand eines Menschen, daß eine Aufgabe abgeschlossen ist und kein Grund besteht, sich darüber noch Sorgen zu machen. Die Gottberührten zeigten alle Verhaltensmuster, die man mit UZV in Verbindung brachte, doch der Gehirnschaden war nicht vorhanden. Es mußte eine andere, unbekannte Ursache dafür geben.

Nun arbeitete sich Jane tiefer in diese Geschichte ein und fand auf anderen Welten Dokumente – auf Weg kein einziges –, die ihr etwas mehr verrieten. Die Forscher waren schnell zum Schluß gekommen, daß eine neue Mutation vorliegen mußte, die einen verwandten Gehirnschaden mit ähnlichen Symptomen hervorrief. Doch sie hatten kaum ihren vorläufigen Bericht veröffentlicht, als alle Untersuchungen beendet und die Forscher auf eine andere Welt versetzt wurden.

Auf eine andere Welt – das war fast undenkbar. Es bedeutete, sie völlig zu entwurzeln und aus ihrer Zeit zu entfernen, sie allen Freunden und Familienmitgliedern zu nehmen, die sie nicht begleiten wollten. Und doch weigerte sich kein einziger von ihnen – was mit Sicherheit bedeutete, daß man sie einem gewaltigen Druck ausgesetzt hatte. Sie alle verließen Weg, und kein einziger hatte weitere Forschungen in diese Richtung betrieben.

Janes erste Hypothese lautete, daß ein Regierungsamt auf Weg selbst sie ins Exil geschickt und ihre Forschungen unterbunden hatte; schließlich wollten die Gefolgsleute des Weges doch nicht, daß ihnen der Glaube genommen wurde, indem sie eine körperliche Ursache dafür fanden, daß sie in ihren Gehirnen die Stimmen der Götter hörten. Doch Jane fand keine Beweise dafür, daß die Regierung auf Weg jemals den vollen Bericht zu sehen bekommen hatte. Der einzige Teil davon, der je auf Weg verbreitet worden war, bestand aus der allgemeinen Schlußfolgerung, daß die Stimmen der Götter eindeutig nicht das bekannte UZV war. Die Menschen von Weg hatten nur genug über den Bericht erfahren, um sich in ihrer Auffassung bestätigt zu sehen, daß es für die Stimmen der Götter keine bekannte physische Ursache gab. Die Wissenschaft hatte »bewiesen«, daß die Götter echt waren. Es gab keinerlei Unterlagen, daß irgend jemand auf Weg versucht hätte, weitere Informationen oder Forschungsergebnisse zu unterdrücken. Diese Entscheidung war allein von außen gekommen. Vom Kongreß.

Es mußte irgendeine Schlüsselinformation geben, die sogar vor Jane verborgen blieb, deren Geist problemlos in jeden elektronischen Speicher griff, der mit dem Verkürzernetzwerk verbunden war. Das war nur möglich, wenn diejenigen, die das Geheimnis kannten, seine Entdeckung so sehr gefürchtet hatten, daß sie es nicht einmal in die geheimsten und am schärfsten kontrollierten Regierungscomputer eingegeben hatten.

Jane konnte sich dadurch nicht aufhalten lassen. Sie würde die Wahrheit aus den Informationsfetzen zusammensetzen müssen, die unabsichtlich in unzusammenhängenden Dokumenten und Datenbanken zurückgelassen worden waren. Sie würde andere Ereignisse finden müssen, die dabei halfen, die fehlenden Teile des Bildes auszufüllen. Auf lange Sicht konnten Menschen vor jemandem mit Janes unbegrenzter Zeit und Geduld nichts geheimhalten. Sie würde herausfinden, was der Kongreß mit Weg tat, und wenn sie diese Information hatte, würde sie sie benutzen, wenn es ihr möglich war, um Han Qing-jao von ihrem zerstörerischen Weg abzubringen. Denn auch Qing-jao öffnete Geheimnisse – ältere Geheimnisse, die seit dreitausend Jahren bewahrt worden waren.