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»Ich bezweifle nicht, daß Sie sich in Gottes Arbeit auf Lusitania einmischen können«, sagte Bischof Peregrino. »Aber bezweifeln Sie nicht, daß ich Sie dafür in die Hölle schicken kann.«

»Das weiß ich«, sagte Kovano. »Ich wäre nicht der erste politische Führer, der nach einem Zwist mit der Kirche in der Hölle endet. Zum Glück wird es diesmal nicht dazu kommen. Ich habe Sie alle angehört und meinen Entschluß gefaßt. Es ist zu riskant, auf den neuen Anti-Virus zu warten. Selbst wenn ich mit absoluter Sicherheit wüßte, daß dieser Anti-Virus in sechs Wochen eingesetzt werden kann, würde ich diese Mission genehmigen. Im Augenblick besteht unsere beste Chance, noch etwas aus diesem Schlamassel zu machen, aus Vater Estevãos Mission. Andrew hat mir gesagt, daß die Schweinchen großen Respekt und Zuneigung für diesen Mann haben – selbst die ungläubigen. Es wird eine schwere Last von uns nehmen, wenn er die ketzerischen Pequeninos überreden kann, ihren Plan aufzugeben, die Menschheit im Namen ihrer Religion auszulöschen.«

Quim nickte ernst. Bürgermeister Kovano war ein Mann von großer Weisheit. Es war gut, daß sie nicht gegeneinander kämpfen mußten, wenigstens im Augenblick nicht.

»Ich erwarte, daß die Xenobiologen ihre Arbeit an dem Anti-Virus mit aller Kraft fortsetzen. Sobald der Virus existiert, werden wir entscheiden, ob wir ihn einsetzen oder nicht.«

»Wir werden ihn einsetzen«, sagte Grego.

»Nur über meine Leiche«, sagte Quara.

»Ich weiß eure Bereitschaft zu warten, bis wir mehr wissen, bevor ihr euch zu irgendeiner Tat hinreißen laßt, durchaus zu schätzen«, sagte Kovano. »Womit wir bei Ihnen wären, Grego Ribeira. Andrew Wiggin versichert mir, es gebe Grund zu der Annahme, eine überlichtschnelle Fortbewegung sei möglich.«

Grego musterte den Sprecher für die Toten kalt. »Und wo haben Sie Physik studiert, Senhor Falante?«

»Ich hoffe, ich kann sie bei dir studieren«, sagte Wiggin. »Bis du meine Beweise gehört hast, weiß ich wirklich nicht, ob wir auf solch einen Durchbruch hoffen können.«

Quim lächelte, als er sah, wie leicht Andrew den Streit abwenden konnte, den Grego vom Zaum brechen wollte. Grego war kein Narr. Er wußte, daß er manipuliert wurde. Doch Wiggin hatte ihm keinen vernünftigen Grund gegeben, seine Verärgerung zu zeigen. Diese Eigenschaft des Sprechers für die Toten konnte einen schon auf die Palme treiben.

»Wenn es eine Möglichkeit gäbe, mit Verkürzergeschwindigkeit zwischen den Welten zu reisen«, sagte Kovano, »bräuchten wir nur ein solches Schiff, um alle Menschen Lusitanias auf eine andere Welt zu bringen. Wenn es auch nur eine entfernte Chance gibt…«

»Ein törichter Traum«, sagte Grego.

»Aber wir werden der Sache nachgehen. Wir werden sie studieren«, sagte Kovano, »oder wir finden uns sonst als Arbeiter in der Schmelzhütte wieder.«

»Ich habe keine Angst davor, mit meinen Händen zu arbeiten«, sagte Grego. »Glauben Sie also nicht, Sie könnten mich dazu zwingen, Ihnen zu Diensten zu sein.«

»Ich bin verblüfft«, sagte Kovano. »Mir liegt an Ihrer Mitarbeit, Grego. Doch wenn ich die nicht haben kann, gebe ich mich auch mit Ihrem Gehorsam zufrieden.«

Anscheinend kam sich Quara übergangen vor. Sie erhob sich, wie Grego einen Augenblick zuvor. »Wir sitzen also hier und debattieren darüber, eine ganze vernunftbegabte Rasse auszulöschen, ohne auch nur in Erwägung zu ziehen, mit ihr zu kommunizieren. Hoffentlich gefallt ihr euch als Massenmörder.« Dann schickte sie sich, wie Grego, an zu gehen.

»Quara«, sagte Kovano.

Sie wartete.

»Sie werden Forschungen betreiben, die auf eine Kommunikation mit der Descolada hinauslaufen. Mal sehen, ob wir mit diesen Viren sprechen können.«

»Ich merke es, wenn man mir einen Knochen hinwirft«, sagte Quara. »Was ist, wenn ich euch sage, daß sie uns bitten, sie nicht zu töten? Ihr würdet mir sowieso nicht glauben.«

»Ganz im Gegenteil. Ich weiß, daß Sie eine ehrliche Frau sind, wenn auch hoffnungslos indiskret«, sagte Kovano. »Aber es gibt noch einen Grund, weshalb Sie lernen sollten, die Molekularsprache der Descolada zu verstehen. Andrew Wiggin hat eine Möglichkeit aufgeworfen, die mir noch nie zuvor in den Sinn gekommen ist. Wir alle wissen, daß das Bewußtsein der Pequeninos aus der Zeit stammt, als der Descolada-Virus zum ersten Mal diesen Planeten befiel. Doch was ist, wenn wir Ursache und Wirkung falsch verstanden haben?«

Mutter drehte sich mit einem leicht bitteren Lächeln auf dem Gesicht zu Andrew um. »Du glaubst, die Pequeninos hätten die Descolada verursacht?«

»Nein«, sagte Andrew. »Aber was passiert, wenn die Pequeninos die Descolada sind?«

Quara keuchte auf.

Grego lachte. »Du hast jede Menge kluge Ideen, was, Wiggin?«

»Ich verstehe nicht«, sagte Quim.

»Es ist nur ein Gedanke«, sagte Andrew. »Quara behauptet, die Descolada sei komplex genug, um vielleicht Intelligenz zu enthalten. Und was ist, wenn Descolada-Viren die Körper der Pequeninos benutzen, um ihren Charakter auszudrücken? Wenn die Intelligenz der Pequeninos ausschließlich von den Viren in ihren Körpern stammt?«

Zum ersten Mal ergriff Ouanda, die Xenologin, das Wort. »Sie haben von Xenologie genausowenig Ahnung wie von Physik, Mr. Wiggin.«

»Oh, noch viel weniger«, entgegnete Wiggin. »Aber mir kam in den Sinn, daß wir uns nie eine andere Möglichkeit vorstellen konnten, wie Erinnerungen und Intelligenz erhalten werden, wenn ein sterbender Pequenino ins dritte Leben tritt. Es wird nicht gerade das Gehirn der sterbenden Pequeninos in die Bäume versetzt. Doch wenn Wille und Gedächtnis von der Descolada übertragen werden, wäre das Absterben des Gehirns bei der Umwandlung der Persönlichkeit in den Vaterbaum fast bedeutungslos.«

»Selbst wenn dies zutreffen sollte«, sagte Ouanda, »gibt es einfach kein Experiment, mit dem wir es bestätigen könnten.«

Andrew Wiggin nickte bedauernd. »Mir würde bestimmt keins einfallen. Ich habe darauf gehofft, daß es bei Ihnen vielleicht anders ist.«

Kovano unterbrach erneut. »Ouanda, Sie müssen das erkunden. Wenn Sie nicht daran glauben – auch gut. Finden Sie eine Möglichkeit, es zu widerlegen, und Sie haben Ihre Pflicht getan.« Kovano erhob sich und wandte sich an sie alle. »Verstehen Sie, worum ich Sie alle bitten möchte? Wir stehen vor einer der schrecklichsten moralischen Entscheidungen, die die Menschheit je zu treffen hatte. Wenn wir nichts unternehmen, laufen wir Gefahr, den Xenozid zu begehen oder zu dulden. Jede Rasse, von der wir wissen oder vermuten, daß sie ein Bewußtsein hat, lebt im Schatten eines ernsten Risikos, und hier, bei uns und uns allein, liegen fast alle Entscheidungen. Als beim letzten Mal etwas entfernt Vergleichbares geschah, entschieden sich unsere menschlichen Vorgänger dazu, Xenozid zu begehen, um, wie sie vermuteten, sich selbst zu retten. Ich bitte Sie alle, jeden möglichen Weg einzuschlagen, wie unwahrscheinlich er auch zu sein scheint, der uns einen Hoffnungsschimmer zeigt, uns mit einem winzigen Fetzen Licht ausstatten könnte, das uns bei unserer Entscheidung führen konnte. Wollen Sie mir helfen?«

Sogar Grego, Quara und Ouanda nickten, wenn auch zögernd. Zumindest für den Augenblick war es Kovano gelungen, alle selbstsüchtigen Streithähne in diesem Raum zu einer kooperativen Gemeinschaft zusammenzuschweißen. Wie lange ihre Bereitschaft außerhalb dieses Raums anhalten würde, war eine andere Frage. Quim kam zum Schluß, daß die Bereitschaft zur Zusammenarbeit wahrscheinlich bis zur nächsten Krise Bestand hatte – und das mochte eventuell genügen.

Nur eine Konfrontation war noch nicht ausgestanden. Als sich alle verabschiedeten oder vereinbarten, sich noch in kleinem Kreis zu beraten, kam Mutter zu Quim und sah ihn wütend an.