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»Geh nicht.«

Quim schloß die Augen. Auf eine so ungeheuerliche Forderung gab es nichts zu sagen.

»Wenn du mich liebst«, fuhr sie fort.

Quim erinnerte sich an die Geschichte aus dem Neuen Testament, als Jesus' Mutter und Brüder ihn besuchen und wollten, daß er die Unterweisung seiner Jünger unterbrach, um sie zu empfangen.

»Das sind meine Mutter und meine Brüder«, murmelte Quim.

Mutter mußte den Bezug verstanden haben, denn als er die Augen öffnete, war sie fort.

Keine Stunde später war auch Quim fort. Er benutzte einen der kostbaren Lastwagen der Kolonie. Er brauchte nur wenig Vorräte, und eine gewöhnliche Reise hätte er zu Fuß angetreten. Doch der Wald, den er aufsuchen wollte, befand sich so weit entfernt, daß er Wochen gebraucht hätte, um ihn ohne Wagen zu erreichen, und er hätte auch nicht genug Vorräte mitnehmen können. Lusitania war noch immer eine feindselige Umgebung – hier wuchs nichts, was Menschen essen konnten, und selbst wenn, hätte Quim noch immer Nahrung gebraucht, welche die Zusätze enthielten, die die Descolada unterdrückten. Ohne sie wäre er an der Descolada gestorben, lange bevor er verhungert wäre.

Als die Stadt Lusitania hinter ihm immer kleiner wurde und er immer tiefer in die bedeutungslose, offene Fläche der Prärie eindrang, fragte sich Quim – Vater Estevão –, welchen Entschluß Bürgermeister Kovano gefaßt hätte, hätte er gewußt, daß der Anführer der Ketzer ein Vaterbaum war, der sich den Namen Kriegmacher verdient hatte, und daß Kriegmacher gesagt haben sollte, die einzige Hoffnung für die Pequeninos sei, daß der Heilige Geist – der Descolada-Virus – alles menschliche Leben auf Lusitania vernichtete.

Es hätte keine Rolle gespielt. Gott hatte Quim berufen, jeder Nation und Familie, jedem Stamm und Volk das Evangelium Gottes zu verkünden. Selbst die kriegerischsten, blutdürstigsten, haßerfüllten Völker konnten von der Liebe Gottes erfüllt und in Christen verwandelt werden. Es war in der Geschichte schon oft geschehen. Warum nicht auch jetzt?

O Vater, vollbringe eine mächtige Tat auf dieser Welt. Nie haben deine Kinder Wunder dringender gebraucht als wir jetzt.

Novinha sprach nicht mit Ender, und er bekam es mit der Angst zu tun. Das war keine Launenhaftigkeit – er hatte bei Novinha nie Launen festgestellt. Ender hatte den Eindruck, daß ihr Schweigen ihn nicht bestrafen, sondern sie eher davon abhalten sollte, ihn zu bestrafen; daß sie schwieg, weil sie Worte, die sie sonst sprechen würde, zu grausam wären, als daß man sie ihr jemals verzeihen könnte.

Also versuchte er anfangs nicht, sie zum Sprechen zu bewegen. Er ließ sie wie einen Schatten durch das Haus ziehen, wich jedem Blickkontakt aus, versuchte, sich von ihr fernzuhalten, und ging erst zu Bett, wenn sie schlief.

Offensichtlich benahm sie sich wegen Quims so. Seine Reise zu den Ketzern – er verstand ihre Angst, und obwohl Ender nicht dieselben Befürchtungen teilte, wußte er, daß Quims Mission nicht ungefährlich war. Novinha benahm sich irrational. Wie hätte Ender ihren Sohn aufhalten können? Er war dasjenige von Novinhas Kindern, auf das Ender fast keinen Einfluß hatte; sie waren vor ein paar Jahren zu einem Waffenstillstand gelangt, doch es war ein Friedensvertrag unter Gleichberechtigten gewesen, keineswegs eine Beziehung wie zwischen einem Vater und seinen Kindern, wie sie Ender mit allen anderen aufgebaut hatte. Wenn Novinha nicht imstande gewesen war, Quim zu überreden, diese Mission aufzugeben – was hätte Ender da erreichen können?

Verstandesgemäß wußte Novinha dies wahrscheinlich. Doch wie alle anderen Menschen handelte sie nicht immer ihrem Verständnis entsprechend. Sie hatte zu viele geliebte Menschen verloren; als sie fühlte, wie ihr ein weiterer entglitt, reagierte sie gefühls- und nicht verstandsmäßig. Ender war als Heiler, als Beschützer in ihr Leben getreten. Es war seine Aufgabe, ihr die Angst zu nehmen, und nun hatte sie Angst, und sie war wütend auf ihn, weil er ihr gegenüber versagt hatte.

Doch nach zwei Tagen des Schweigens hatte Ender genug. Es war nicht gerade der ideale Augenblick für eine Barriere zwischen ihm und Novinha. Er wußte – und Novinha auch –, daß Valentines Ankunft eine schwierige Zeit für sie bedeutete. Er hatte so viele Kommunikationsmöglichkeiten mit Valentine, so viele Verbindungen, so viele Wege zu ihrer Seele, daß es ihm schwerfiel, nicht wieder zu der Person zu werden, die er während der Jahre – der Jahrtausende – gewesen war, die sie gemeinsam verbracht hatten. Sie hatten dreitausend Jahre der Geschichte erlebt, als hätten sie sie durch dieselben Augen gesehen. Mit Novinha war er nur dreißig Jahre zusammen. Das war eigentlich nach subjektiver Zeit länger, als er mit Valentine verbracht hatte, doch es war so leicht, in seine alte Rolle als Valentines Bruder zurückzufallen, als Sprecher für ihren Demosthenes.

Ender hatte damit gerechnet, daß Novinha auf Valentine eifersüchtig war, und war darauf vorbereitet. Er hatte Valentine gewarnt, daß sie wahrscheinlich, vor allem am Anfang, nur selten ungestört sein würden. Und sie hatte es verstanden, auch Jakt hatte so seine Probleme, und beide Partner brauchten Bestätigung. Es war fast lächerlich, daß Jakt und Novinha auf die Verbindung zwischen Bruder und Schwester eifersüchtig waren. Es hatte niemals den leisesten Hinweis auf Sexualität in Enders und Valentines Beziehung gegeben – jeder, der sie kannte, hätte über eine solche Vermutung gelacht –, doch Novinha und Jakt befürchteten auch keine sexuelle Untreue. Es war auch nicht ihre gefühlsmäßige Verbindung – Novinha bezweifelte Enders Liebe und Hingabe für sie nicht, und Jakt hätte nicht mehr verlangen können, als Valentine ihm bot, sowohl was die Leidenschaft als auch das Vertrauen betraf.

Es ging tiefer als das. Es war die Tatsache, daß sie selbst jetzt, nach all diesen Jahren, kaum daß sie wieder zusammen waren, wie eine einzige Person funktionierten, sich einander aushalfen, ohne je erklären zu müssen, was sie eigentlich beabsichtigten. Jakt sah es, und selbst für Ender, der ihn nie zuvor gesehen hatte, war es offensichtlich, daß er sich am Boden zerstört fühlte. Als sehe er seine Frau und deren Bruder und begriff: Das ist wahre Nähe. Das ist es, was es heißt, zwei Menschen seien eins. Er hatte gedacht, er und Valentine stünden sich als Mann und Frau so nahe, wie es nur möglich sei, und vielleicht stimmte das auch. Doch nun hatte er die Tatsache zu verkraften, daß sich zwei Menschen noch näher sein konnten. Daß sie in gewisser Hinsicht dieselbe Person sein konnten.

Ender konnte dies in Jakt sehen, und er bewunderte, wie gut es Valentine gelang, ihn zu beruhigen – und sich von Ender fernzuhalten, so daß sich ihr Mann langsam an die Verbindung zwischen ihnen gewöhnen konnte.

Doch Ender hatte nicht voraussehen können, wie Novinha reagieren würde. Er hatte sie nur als die Mutter ihrer Kinder gekannt; er hatte nur die heftige, unvernünftige Loyalität gekannt, die sie für sie empfand. Wenn sie sich bedroht fühlte, so hatte er geglaubt, würde sie besitzergreifend und beherrschend werden, so, wie sie es bei den Kindern war. Er war nicht im geringsten darauf vorbereitet, daß sie sich von ihm zurückzog. Noch vor ihrem Schweigen wegen Quims Mission hatte sie sich von ihm zurückgezogen. Nun, wo er darüber nachdachte, wurde ihm klar, daß es schon vor Valentines Ankunft begonnen hatte, als habe Novinha schon auf eine neue Rivalin reagiert, bevor diese Rivalin überhaupt eingetroffen war.

Es ergab natürlich Sinn, und er hätte es voraussehen müssen. Novinha hatte in ihrem Leben zu viele starke Personen verloren, zu viele Menschen, von denen sie abhängig war. Ihre Eltern. Pipo. Libo. Sogar Miro. Sie mochte bei ihren Kindern, von denen sie annahm, daß sie sie brauchten, besitzergreifend und beschützend sein, doch bei den Menschen, die sie selbst brauchte, verhielt sie sich genau andersherum. Wenn sie befürchtete, man könne sie ihr nehmen, zog sie sich von ihnen zurück; sie erlaubte sich nicht mehr, sie zu brauchen.