»Im Namen Gottes, Mutter, hast du den Verstand verloren? Kennst du diesen Mann nicht?«
»Ich dachte, ich würde ihn kennen.« Novinha weinte jetzt. »Aber niemand, der mich liebt, hätte je zugelassen, daß mein Sohn hinausgeht zu diesen mörderischen kleinen Schweinen…«
»Er hätte Quim nicht aufhalten können, Mutter! Niemand konnte das!«
»Er hat es nicht einmal versucht! Er hat es gebilligt!«
»Ja«, sagte Ender. »Ich dachte, dein Sohn habe edel und tapfer gehandelt, und das habe ich gebilligt. Er wußte, daß die Gefahr zwar nicht groß, aber doch vorhanden war, und wollte trotzdem gehen – und das habe ich gebilligt. Es ist genau das, was du getan hättest und hoffentlich auch ich, wäre ich an seiner Stelle gewesen. Quim ist ein Mann, ein guter, vielleicht auch ein großer Mann. Er braucht deinen Schutz nicht und will ihn auch gar nicht. Er hat seine Lebensaufgabe gefunden und verrichtet sie. Ich ehre ihn dafür, und das solltest du auch tun. Wie wagst du es da vorzuschlagen, einer von uns hätte sich ihm in den Weg stellen sollen?«
Novinha verstummte endlich, zumindest für den Augenblick. Maß sie Enders Worte ab? Begriff sie endlich, wie vergeblich und grausam es von ihr gewesen war, Quim mit ihrem Zorn anstatt ihrem Segen gehen zu lassen? Während dieses Schweigens hatte Ender noch Hoffnung.
Dann endete es. »Wenn du dich je wieder in das Leben meiner Kinder einmischst, bin ich mit dir fertig«, sagte Novinha. »Und wenn Quim irgend etwas zustößt, werde ich dich hassen, bis du stirbst, und beten, daß dieser Tag bald kommen wird. Du weißt überhaupt nichts, du Mistkerl, und es wird langsam Zeit, daß du aufhörst, so zu tun.«
Sie ging zur Tür, doch dann fiel ihr noch ein theatralischer Abgang ein. Sie drehte sich zu Ela um und sprach mit bemerkenswerter Ruhe. »Elenora, ich werde augenblicklich Schritte ergreifen, um Quara den Zugang zu Ausrüstung und Daten zu nehmen, mit denen sie der Descolada helfen könnte. Und wenn ich noch einmal höre, meine Liebe, daß du mit irgendeinem Laborangelegenheiten besprichst, besonders mit diesem Mann, werde ich dich lebenslang aus dem Labor verbannen. Hast du verstanden?«
Erneut antwortete Ela mit Schweigen.
»Ah«, sagte Novinha. »Wie ich sehe, hat er mehr von meinen Kindern gestohlen, als ich dachte.«
Dann war sie fort.
Ender und Ela saßen in benommenem Schweigen da. Schließlich stand Ela auf, tat jedoch keinen Schritt.
»Ich sollte wirklich etwas unternehmen«, sagte sie, »aber mir fällt ums Verrecken nicht ein, was.«
»Vielleicht solltest du zu deiner Mutter gehen und ihr zeigen, daß du noch auf ihrer Seite bist.«
»Aber das bin ich nicht mehr«, sagte Ela. »Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, zu Bürgermeister Zeljezo zu gehen und ihn zu bitten, Mutter als Chefxenobiologin abzusetzen, weil sie eindeutig den Verstand verloren hat.«
»Das hat sie nicht«, sagte Ender. »Und wenn du so etwas tätest, würde es sie umbringen.«
»Mutter? Sie ist zu hart, um zu sterben.«
»Nein«, sagte Ender. »Sie ist im Augenblick so zerbrechlich, daß jeder Schlag sie töten könnte. Nicht ihren Körper. Ihr – Vertrauen. Ihre Hoffnung. Ganz gleich, was passiert, gib ihr keinen Grund zu der Annahme, du stündest nicht hinter ihr.«
Ela sah ihn wütend an. »Machst du das absichtlich, oder ist das ganz einfach deine Natur?«
»Wovon sprichst du?«
»Mutter hat gerade Dinge zu dir gesagt, die dich erzürnen oder verletzen müßten, und du sitzt da und überlegst dir, wie du ihr helfen kannst. Möchtest du nie auf jemanden einprügeln? Ich meine, verlierst du nie die Beherrschung?«
»Ela, nachdem du unabsichtlich mit bloßen Händen ein paar Menschen getötet hast, lernst du entweder, dich im Zaum zu halten, oder du verlierst deine Menschlichkeit.«
»Das hast du getan?«
»Ja«, sagte er. Einen Augenblick lang glaubte er, sie sei schockiert.
»Glaubst du, du könntest es auch heute noch tun?«
»Wahrscheinlich«, sagte er.
»Gut. Das kann ganz nützlich sein, wenn hier die Hölle losbricht.« Dann lachte sie. Es war ein Scherz. Ender war erleichtert. Er lachte mit ihr, aber nur schwach.
»Ich gehe zu Mutter«, sagte Ela, »aber nicht, weil du es mir gesagt hast, nicht einmal aus den Gründen, die du genannt hast.«
»Schön. Geh einfach so.«
»Willst du nicht wissen, warum ich zu ihr halte?«
»Ich weiß es schon.«
»Natürlich. Sie hat sich geirrt, nicht wahr? Du weißt alles, oder?«
»Du gehst zu deiner Mutter, weil es das schmerzhafteste ist, was du dir im Augenblick antun kannst.«
»Bei dir klingt das irgendwie… krank.«
»Es ist die schmerzhafteste gute Tat, die du tun kannst. Es ist die unangenehmste Aufgabe. Es ist die schwerste Last.«
»Ela die Märtyrerin, certo? Wirst du das sagen, wenn du über meinen Tod sprichst?«
»Wenn ich über deinen Tod sprechen soll, muß ich eine Aufzeichnung machen. Ich habe vor, lange vor dir tot zu sein.«
»Also verläßt du Lusitania nicht?«
»Natürlich nicht.«
»Auch nicht, wenn Mutter dich hinauswirft?«
»Das kann sie nicht. Sie hat keinen Scheidungsgrund, und Bischof Peregrino kennt uns beide so gut, daß er über die Bitte lachen wird, die Ehe zu annullieren, weil sie nicht vollzogen worden sei.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Ich will hierbleiben«, sagte Ender. »Keine falsche Unsterblichkeit durch Zeitdilation mehr. Ich bin es leid, im All herumzuhetzen. Ich werde Lusitania nie wieder verlassen.«
»Selbst wenn du dann sterben wirst? Wenn die Flotte kommt?«
»Wenn alle gehen können, werde ich auch gehen«, sagte Ender. »Aber ich werde derjenige sein, der alle Lampen ausschaltet und die Tür abschließt.«
Sie lief zu ihm, küßte ihn auf die Wange und umarmte ihn kurz. Dann war sie aus der Tür, und er war wieder allein.
Ich habe mich bei Novinha furchtbar getäuscht, dachte er. Nicht auf Valentine war sie eifersüchtig, sondern auf Jane. All die Jahre lang hat sie gesehen, wie ich stumm mit Jane spreche, Dinge sagte, die sie nie hören konnte, Dinge hörte, die sie nie sagen konnte. Ich habe das Vertrauen verloren, das sie in mich gesetzt hatte, und es nicht einmal gemerkt.
Selbst jetzt mußte er subvokalisiert haben. Er mußte aus einer so tiefen Gewohnheit heraus mit Jane gesprochen haben, daß er es nicht einmal bemerkt hatte. Denn sie antwortete ihm.
»Ich habe dich gewarnt«, sagte sie.
Das kann schon sein, antwortete Ender stumm.
»Du hast nie geglaubt, ich würde viel von Menschen verstehen.«
Du lernst wohl.
»Weißt du, sie hat recht. Du bist meine Puppe. Ich manipuliere dich die ganze Zeit über. Du hast seit Jahren keinen eigenen Gedanken mehr gedacht.«
»Halt die Klappe«, flüsterte er. »Ich bin nicht in der Stimmung.«
»Ender«, sagte sie, »wenn du glaubst, es hilft dir dabei, Novinha nicht zu verlieren, nimm das Juwel aus deinem Ohr. Ich habe nichts dagegen.«
»Ich hätte schon etwas dagegen.«
»Dann habe ich eben gelogen«, sagte sie. »Aber wenn du es tun mußt, um sie zu behalten, dann tu es.«
»Danke«, sagte er. »Doch ich wäre schlecht beraten, um etwas zu kämpfen, das ich bereits eindeutig verloren habe.«
»Wenn Quim zurückkommt, wird alles wieder in Ordnung sein.«
Genau, dachte Ender. Genau.
Bitte, Gott, gib auf Vater Estevão acht.
Sie wußten, daß Vater Estevão kam. Pequeninos wußten es immer. Die Vaterbäume erzählten einander alles. Es gab keine Geheimnisse. Nicht, daß sie es so gewollt hätten. Vielleicht gab es einen Vaterbaum, der ein Geheimnis bewahren oder eine Lüge erzählen wollte. Doch sie waren nicht gerade allein. Sie hatten niemals eigene Erfahrungen. Wenn also ein Vaterbaum etwas geheimhalten wollte, würde es immer einen anderen in der Nähe geben, der anderer Ansicht war. Wälder handelten immer im Einklang, doch sie bestanden noch aus Individuen, und so glitten die Geschichten von einem Wald zum anderen, ganz gleich, was ein paar Vaterbäume vielleicht wollten.