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Am sechsten Tag endete der Dialog, weil die Descolada Quims Körper so gründlich durchdrungen hatte, daß er keine Kraft zum Sprechen mehr hatte, und wenn er doch noch etwas sagte, ließen das Fieber und Delirium seine Worte unverständlich werden.

Am siebenten Tag schaute er durch die Öffnung nach oben, über die Köpfe der Brüder hinweg, die noch dort warteten. »Ich sehe den Erlöser, wie er auf der rechten Hand Gottes sitzt«, flüsterte er. Dann lächelte er.

Eine Stunde später war er tot. Kriegmacher spürte es und verkündete es triumphierend seinen Brüdern. »Der Heilige Geist hat sein Urteil gefällt, und Vater Estevão wurde zurückgewiesen.«

Einige Brüder frohlockten. Aber nicht so viele, wie Kriegmacher erwartet hatte.

Bei Anbruch der Dämmerung traf Enders Trupp ein. Es stand nicht zur Debatte, sie gefangenzunehmen und der Prüfung zu unterziehen – sie waren zu viele, und die Brüder waren sich sowieso nicht alle einig. Bald standen die Menschen vor dem geöffneten Stamm Kriegmachers und sahen das hagere, von der Krankheit entstellte Gesicht Vater Estevãos, das in den Schatten kaum auszumachen war.

»Öffne dich und laß meinen Sohn zu mir heraus«, sagte Ender.

Der Riß im Baum wurde breiter. Ender griff hinein und zog Vater Estevãos Leiche hinaus. Er war unter seinen Roben so leicht, daß Ender einen Augenblick lang glaubte, er müsse einen Teil seines Gewichts selbst tragen, müsse gehen. Doch er ging nicht. Ender legte ihn vor dem Baum auf den Boden.

Ein Bruder schlug einen Rhythmus auf Kriegmachers Stamm.

»Er muß in der Tat zu dir gehören, Sprecher für die Toten, denn er ist tot. Der Heilige Geist hat ihn in der zweiten Taufe verbrannt.«

»Ihr habt den Eid gebrochen«, sagte Ender. »Ihr habt das Wort der Vaterbäume verraten.«

»Keiner hat ihm auch nur ein Haar gekrümmt«, sagte Kriegmacher.

»Glaubt ihr, ihr könntet mit euern Lügen jemanden täuschen?« sagte Ender. »Jeder weiß, daß es eine Gewalttat ist, einem Sterbenden seine Medizin vorzuenthalten. Genausogut hättet ihr ihm einen Messerstich ins Herz versetzen können. Dort ist seine Medizin. Ihr hättet sie ihm jederzeit geben können.«

»Es war Kriegmacher«, sagte einer der neben dem Baum stehenden Brüder.

Ender wandte sich an die Brüder. »Ihr habt Kriegmacher geholfen. Glaubt nicht, ihr könntet ihm allein die Schuld zuschreiben. Möge keiner von euch jemals in sein drittes Leben treten. Und was dich betrifft, Kriegmacher, möge nie wieder eine Mutter auf deiner Borke kriechen.«

»Kein Mensch kann so etwas entscheiden«, sagte Kriegmacher.

»Du hast es selbst entschieden, als du glaubtest, du könntest einen Mord begehen, um deinen Streit zu gewinnen«, sagte Ender. »Und ihr Brüder habt euch entschieden, als ihr ihn nicht aufgehalten habt.«

»Du bist nicht unser Richter!« rief einer der Brüder.

»Doch, das bin ich«, sagte Ender. »Genau wie jeder andere Bewohner Lusitanias, Mensch und Vaterbaum, Bruder und Gattin.«

Sie trugen Quims Leiche zu dem Wagen, und Jakt, Ouanda und Ender fuhren mit ihm. Lars und Varsam nahmen den Wagen, den Quim benutzt hatte. Ender brauchte ein paar Minuten, um eine Nachricht für Jane aufzusetzen, die sie in der Kolonie an Miro übermitteln sollte. Novinha mußte nicht drei Tage warten, um zu erfahren, daß ihr Sohn durch die Hände der Pequeninos gestorben war. Und sie würde es nicht aus Enders Mund hören wollen, soviel stand fest. Ender konnte nicht einmal vermuten, ob er noch eine Frau haben würde, wenn er in die Kolonie zurückkehrte. Sicher war nur, daß Novinha ihren Sohn Estevão nicht mehr hatte.

»Wirst du für ihn sprechen?« fragte Jakt, als der Wagen über das Capim brauste. Er hatte auf Trondheim einmal gehört, wie Ender für die Toten sprach.

»Nein«, sagte Ender. »Ich glaube nicht.«

»Weil er ein Priester ist?« fragte Jakt.

»Ich habe schon für Priester gesprochen«, sagte Ender. »Nein, ich werde nicht für Quim sprechen, weil kein Grund dazu besteht. Quim war immer genau das, was er zu sein schien, und er starb genau, wie er es gewollt hätte – Gott dienend, während er bei den Kleinen predigte. Ich habe seiner Geschichte nichts hinzuzufügen. Er hat sie selbst abgeschlossen.«

Kapitel 11

Die Jade des Meisters Ho

›Also fängt das Töten jetzt an.‹

›Amüsant ist nur, daß dein Volk damit begonnen hat, nicht die Menschen.‹

›Dein Volk hat auch damit begonnen, als du deine Kriege mit den Menschen hattest.‹

›Wir haben damit angefangen, aber sie haben es beendet.‹

›Wie gelingt ihnen das nur, diesen Menschen – jedesmal so unschuldig anzufangen, um es dann mit dem meisten Blut an ihren Händen zu beenden?‹

Wang-mu beobachtete, wie sich die Worte und Zahlen durch das Display über dem Terminal ihrer Herrin bewegten. Qing-jao schlief leise atmend ganz in der Nähe auf ihrer Matte. Wang-mu hatte auch eine Weile geschlafen, doch irgend etwas hatte sie geweckt. Ein Schrei, nicht weit entfernt; vielleicht ein Schmerzensschrei. Es war ein Teil von Wang-mus Traum gewesen, doch als sie erwachte, hörte sie das Geräusch noch in der Luft verhallen. Es war nicht Qing-jaos Stimme gewesen. Vielleicht die eines Mannes, obwohl das Geräusch schrill gewesen war. Ein wehklagendes Geräusch. Es ließ Wang-mu an den Tod denken.

Aber sie erhob sich nicht, um nachzusehen. Das stand ihr nicht zu; ihr Platz war an der Seite ihrer Herrin, bis ihre Herrin sie fortschickte. Wenn Qing-jao hören mußte, was diesen Schrei verursacht hatte, würde eine andere Dienerin kommen und Wang-mu wecken, die dann ihre Herrin wecken würde – denn sobald eine Frau erst einmal eine geheime Magd hatte, durften sie, bis sie heiratete, nur deren Hände ungebeten berühren.

Also lag Wang-mu wach und wartete ab, ob jemand käme, um Qing-jao zu sagen, warum ein Mann in solcher Qual geschrien hatte, und so nahe, daß man ihn in diesem Zimmer hinten im Haus des Han Fei-tzu hören konnte. Während sie wartete, fiel ihr Blick auf das sich bewegende Display. Der Computer führte die Suchvorgänge durch, die Qing-jao programmiert hatte.

Plötzlich verharrte das Display. Gab es ein Problem? Wang-mu stützte sich auf einem Arm ab; nun war sie dem Display nahe genug, um die letzten Worte lesen zu können. Die Suche war abgeschlossen. Und diesmal gab der Computer nicht die übliche barsche Fehlmeldung: NICHT GEFUNDEN. KEINE INFORMATIONEN. KEINE SCHLUSSFOLGERUNG. Diesmal war die Meldung ein Bericht.

Wang-mu stand auf und trat zum Terminal. Sie tat, was Qing-jao ihr beigebracht hatte, drückte die Taste, die alle neuen Informationen abspeicherte, so daß der Computer sie bewahren würde, ganz gleich, was geschah. Dann ging sie zu Qing-jao und legte sanft eine Hand auf ihre Schulter.

Qing-jao erwachte fast sofort; ihr Schlaf war nie tief. »Der Computer hat etwas gefunden«, sagte Wang-mu.

Qing-jao schüttelte den Schlaf ab wie eine leichte Jacke. Sie eilte zum Terminal und las die Worte.

»Ich habe Demosthenes gefunden«, sagte sie.

»Wo ist er?« fragte Wang-mu atemlos. Der große Demosthenes – nein, der schreckliche Demosthenes. Meine Herrin wünscht, daß ich ihn für einen Feind halte. Aber auf jeden Fall der Demosthenes, dessen Worte sie so aufgewühlt hatten, als ihr Vater sie laut vorgelesen hatte. »Solange sich andere vor einem Mann verbeugen, weil er die Macht hat, sie und alles, was sie haben und lieben, zu vernichten, solange müssen wir alle gemeinsam Angst haben.« Wang-mu hatte diese Worte als Kind fast überhört – sie war nur drei Jahre alt gewesen –, doch nun fielen sie ihr wieder ein, weil sie ein Bild in ihrem Verstand heraufbeschworen hatten. Als ihr Vater diese Worte vorgelesen hatte, erinnerte sie sich an etwas: Ihre Mutter sprach, und ihr Vater wurde wütend. Er schlug sie nicht, doch er zog die Schultern hoch, und sein Arm zuckte leicht, als wolle sein Körper sie schlagen und er könne ihn nur mit Mühe zurückhalten. Obwohl es zu keiner Gewalttätigkeit kam, senkte Wang-mus Mutter den Kopf und murmelte etwas, und die Spannung ließ nach. Wang-mu wußte, daß sie gesehen hatte, was Demosthenes beschrieb: Mutter hatte sich vor Vater verbeugt, weil er die Macht hatte, sie zu verletzen. Und Wang-mu war verängstigt, sowohl damals und dann wieder, als sie sich daran erinnerte. Als sie also Demosthenes' Worte hörte, wußte sie, daß sie wahr waren, und wunderte sich, daß ihr Vater diese Worte vorlesen und ihnen sogar beipflichten konnte, ohne zu begreifen, daß er selbst genauso gehandelt hatte. Deshalb hatte Wang-mu immer mit großem Interesse allen Worten des großen – des schrecklichen – Demosthenes gelauscht, denn ob er nun groß oder schrecklich war, sie wußte, daß er die Wahrheit sagte.