Qing-jao verstummte, doch Wang-mu hatte bereits begriffen, hatte ebenfalls diese Schlußfolgerung gezogen, bevor Qing-jao sie aussprach. »Wenn es also ein geheimes Programm in den Verkürzer-Computern gibt«, sagte Wang-mu, »muß es schon immer dagewesen sein. Von Anfang an.«
»Unmöglich«, flüsterte Qing-jao. Doch da alles andere ebenfalls unmöglich war, wußte Wang-mu, daß Qing-jao diese Idee gefiel, daß sie an sie glauben wollte, denn obwohl sie unmöglich war, war sie zumindest vorstellbar, und wenn man sie sich vorstellen konnte, konnte man sie vielleicht auch verwirklichen. Und ich habe sie mir vorgestellt, dachte Wang-mu. Die Götter mögen zwar nicht zu mir sprechen, doch ich bin auch intelligent. Ich verstehe etwas. Alle behandeln mich wie ein törichtes Kind, selbst Qing-jao, obwohl sie weiß, wie schnell ich lerne, obwohl sie weiß, daß mir Dinge einfallen, auf die andere Menschen nicht kommen, obwohl sie mich… verachtet. Doch ich bin so klug wie alle anderen auch, Herrin! Ich bin so klug wie du, obwohl du dies nie bemerken wirst, obwohl du glauben wirst, du wärest allein auf all das gekommen. Oh, du wirst meine Mitwirkung nicht verschweigen, doch es wird in etwa so aussehen: Wang-mu hat etwas gesagt und brachte mich zum Nachdenken, und dann kam ich auf die wichtige Idee. Es wird nie heißen: Wang-mu hat dies begriffen und mir erklärt, so daß ich es schließlich auch verstand. Du benimmst dich immer so, als sei ich ein dummer Hund, der zufällig bellt oder jault und genauso zufällig deine Gedanken zur Wahrheit lenkt. Ich bin kein Hund. Ich verstehe die Dinge. Als ich dir diese Fragen stellte, hatte ich die Implikationen bereits begriffen. Und ich begreife sogar viel mehr, als du bislang gesagt hast – aber ich muß dir alles erklären, indem ich Fragen stelle, indem ich so tue, als verstünde ich nicht, weil du eine Gottberührte bist und eine bloße Dienerin einer Gottberührten niemals etwas erklären könnte.
»Herrin, wer auch immer dieses Programm beherrscht, hat eine gewaltige Macht, und doch haben wir noch nie von ihnen gehört, und doch haben sie diese Macht bis jetzt noch nie eingesetzt.«
»Sie haben sie eingesetzt«, sagte Qing-jao. »Um Demosthenes' wahre Identität zu verbergen. Diese Valentine Wiggin ist sehr reich, doch ihre Besitztümer wurden alle verschleiert, damit niemand begreift, wie reich sie ist, daß all ihre Besitztümer Teil ein und desselben Vermögens sind.«
»Dieses mächtige Programm befindet sich seit Beginn des Sternenflugs in jedem Verkürzer-Computer, und doch hat es bislang nur das Vermögen dieser Frau verborgen?«
»Du hast recht«, sagte Qing-jao. »Es ergibt nicht den geringsten Sinn. Warum hat jemand mit soviel Macht sie nicht schon benutzt, um die Kontrolle über die Dinge zu übernehmen? Oder sie haben es vielleicht schon getan… Es gab sie schon, bevor der Sternenwege-Kongreß gebildet wurde, und vielleicht haben sie… aber warum sollten sie sich dem Kongreß jetzt widersetzen?«
»Vielleicht«, sagte Wang-mu, »vielleicht geben sie einfach nichts um Macht.«
»Wer gibt nichts um Macht?«
»Wer dieses geheime Programm kontrolliert.«
»Warum hätten sie das Programm dann überhaupt erschaffen sollen? Wang-mu, du denkst nicht nach.«
Nein, natürlich nicht, ich denke nie. Wang-mu verbeugte sich.
»Ich meine, du denkst schon, aber nicht daran: Niemand würde ein so mächtiges Programm schaffen, wenn sie damit nicht von vornherein jede Kommunikation mit der Flotte unterbrechen und es so aussehen lassen wollten, als wären gar keine Nachrichten abgeschickt worden! Sie verbreiten Demosthenes' Schriften auf jedem besiedelten Planeten und verbergen trotzdem die Tatsache, daß diese Schriften gesendet wurden! Ihnen ist nichts unmöglich, sie könnten jede Nachricht verändern, sie könnten überall Verwirrung verbreiten oder die Leute glauben lassen… glauben lassen, daß es einen Krieg gibt, oder ihnen alle möglichen Befehle geben, und woher sollte jemand wissen, daß diese Befehle nicht echt sind? Wenn sie wirklich so viel Macht hätten, würden sie sie benutzen! Bestimmt!«
»Außer vielleicht, die Programme wollen nicht auf diese Art und Weise benutzt werden.«
Qing-jao lachte laut auf. »Wang-mu, das war eine deiner ersten Lektionen über Computer. Es ist in Ordnung, wenn das gewöhnliche Volk glaubt, Computer könnten wirklich etwas entscheiden, aber du und ich, wir beide wissen, daß Computer nur Diener sind, daß sie nur tun, was ihnen befohlen wird, daß sie niemals selbst etwas wollen.«
Wang-mu hätte fast die Beherrschung verloren und einen Wutanfall bekommen. Glaubst du, Computer sind Dienern ähnlich, weil sie nie etwas wollen? Glaubst du wirklich, wir Diener täten nur, was uns gesagt wird, und würden selbst nie etwas wollen? Glaubst du, nur weil die Götter uns nicht zwingen, die Nase auf dem Boden zu reiben oder uns die Hände zu waschen, bis sie bluten, hätten wir keine Begehren?
Nun, wenn Computer und Diener einander so ähnlich sind, dann weil Computer doch Begehren haben und nicht, weil Diener keine haben. Wir wollen etwas. Wir sehnen uns, hungern geradezu danach. Doch wir geben diesem Hunger niemals nach, weil ihr Gottberührten uns sonst wegschicken und euch gehorsamere Diener suchen würdet.
»Warum bist du wütend?« fragte Qing-jao.
Wang-mu verbeugte sich, entsetzt darüber, daß sich ihre Gefühle auf ihrem Gesicht gezeigt hatten. »Vergib mir«, sagte sie.
»Natürlich vergebe ich dir«, sagte Qing-jao. »Aber ich möchte dich gern verstehen. Warst du wütend, weil ich über dich gelacht habe? Es tut mir leid – ich hätte es nicht tun sollen. Ich habe dich erst einige wenige Monate unterrichtet, und natürlich vergißt du manchmal etwas und fällst wieder in die Ansichten zurück, mit denen du aufgewachsen bist, und es war nicht recht von mir, darüber zu lachen. Bitte verzeihe mir.«
»O Herrin, es obliegt mir nicht, dir zu verzeihen. Du mußt mir verzeihen.«
»Nein, ich habe einen Fehler gemacht. Ich weiß es – die Götter haben mir gezeigt, wie unwürdig es war, über dich zu lachen.«
Wenn die Götter glauben, dein Gelächter habe mich wütend gemacht, sind sie sehr dumm, oder sie belügen dich. Ich hasse deine Götter und die Art, wie sie dich erniedrigen, ohne dir jemals etwas zu verraten, das man unbedingt wissen muß. Soll ich doch tot umfallen, weil ich das gedacht habe!
Doch Wang-mu wußte, daß dies nicht geschehen würde. Die Götter würden niemals einen Finger gegen Wang-mu selbst rühren. Sie würden lediglich Qing-jao zwingen, sich zu bücken und Linien auf dem Boden nachzuspüren, bis Wang-mu sich so sehr schämte, daß sie sterben wollte.
»Herrin«, sagte Wang-mu, »du hast nichts Falsches getan, und ich wurde nicht beleidigt.«
Es war sinnlos. Qing-jao war auf dem Boden. Wang-mu wandte sich ab, vergrub das Gesicht in den Händen – blieb jedoch still, machte selbst beim Weinen kein Geräusch, denn das hätte Qing-jao nur gezwungen, wieder von vorn anzufangen. Oder es hätte sie überzeugt, daß sie Wang-mu so schlimm verletzt hatte, daß sie zwei Linien verfolgen mußte oder drei oder wieder den ganzen Boden. Eines Tages, dachte Wang-mu, werden die Götter von Qing-jao verlangen, jede Linie auf jedem Brett in jedem Zimmer des Hauses zu verfolgen, und sie wird verdursten oder bei dem Versuch, den Göttern zu gehorchen, den Verstand verlieren.