Um nicht weiterhin vor Zorn zu weinen, zwang sich Wang-mu; zum Terminal zu sehen und den Bericht zu lesen, den Qing-jao gelesen hatte. Valentine Wiggin war während der Krabbler-Kriege auf der Erde geboren worden. Sie hatte den Namen Demosthenes schon als Kind benutzt, zur gleichen Zeit wie ihr Bruder Peter, der später der Hegemon wurde, den Namen Locke benutzte. Sie war nicht einfach eine Wiggin, sie war eine der Wiggins – Schwester Peters, des Hegemons, und Enders, des Xenoziden. Sie war in den Geschichtsbüchern nur eine Fußnote gewesen – Wang-mu hatte bis jetzt nicht einmal ihren Namen gekannt, nur gewußt, daß der große Peter und das Ungeheuer Ender eine Schwester hatten. Doch die Schwester erwies sich nun als genauso seltsam wie ihre Brüder; sie war die Unsterbliche, sie war die, die die Menschheit mit ihren Worten veränderte.
Wang-mu konnte es kaum glauben. Demosthenes war in ihrem Leben schon immer wichtig gewesen, doch nun erfuhr sie, daß die echte Demosthenes die Schwester des Hegemons war! Seine Geschichte wurde in den Heiligen Büchern des Sprechers für die Toten erzählt: Die Schwarmkönigin und Der Hegemon. Nicht, daß es nur für sie heilig gewesen wäre. Praktisch jede Religion hatte diesem Buch Raum geschaffen, weil die Geschichte so stark war – über die Vernichtung der ersten außerirdischen Rasse, die die Menschheit jemals entdeckt hatte, und dann über das schreckliche Gut und Böse, das in der Seele des ersten Mannes rang, der jemals die gesamte Menschheit unter einer Regierung vereinigen sollte. So eine komplizierte Geschichte, und doch so einfach und klar erzählt, daß viele Menschen sie als Kinder lasen und von ihr bewegt wurden. Wang-mu hatte man sie mit fünf Jahren zum erstenmal vorgelesen. Es war eine der Geschichten, die sich am tiefsten in ihrer Seele verankert hatten.
Sie hatte geträumt, nicht nur ein-, sondern zweimal, sie sei Peter, dem Hegemon persönlich begegnet – nur, daß er darauf bestand, mit Locke von ihr angesprochen zu werden. Er faszinierte sie gleichermaßen, wie er sie abstieß; sie konnte den Blick nicht von ihm wenden. Dann streckte er seine Hand aus und sagte, Si Wang-mu, Königliche Mutter des Westens, du bist die richtige Gefährtin für den Herrscher über die gesamte Menschheit, und er nahm sie und heiratete sie, und sie saß neben ihm auf dem Thron.
Nun wußte sie natürlich, daß fast jedes arme Mädchen davon träumte, einen reichen Mann zu heiraten oder herauszufinden, daß es in Wirklichkeit das Kind einer reichen Familie war. Doch Träume wurden auch von den Göttern geschickt, und es war Wahrheit in jedem Traum, den man öfter als einmal hatte; das wußte jeder. Also fühlte sie sich von Peter Wiggin noch immer stark angezogen; und die neue Erkenntnis, daß Demosthenes, für den sie ebenfalls immer große Bewunderung empfunden hatte, seine Schwester war – dieser Zufall war fast zu groß. Mir ist es gleich, was meine Herrin sagt, Demosthenes! rief Wang-mu im Geiste. Ich liebe dich trotzdem, weil du mir mein ganzes Leben lang die Wahrheit gesagt hast. Und ich liebe dich auch als Schwester des Hegemons, der der Gatte meiner Träume ist.
Wang-mu fühlte, wie sich die Luft im Raum veränderte, und wußte, daß die Tür geöffnet worden war. Sie drehte sich um, und dort stand Mu-pao, die uralte und gefürchtete Haushälterin persönlich, der Schrecken aller Bediensteten – einschließlich Wang-mus, obwohl Mu-pao nur relativ wenig Macht über eine geheime Magd hatte. Augenblicklich trat Wang-mu so leise wie möglich zur Tür, um Qing-jaos Reinigung nicht zu unterbrechen.
Draußen auf dem Gang schloß Mu-pao die Zimmertür, damit Qing-jao nichts hören konnte.
»Der Herr ruft nach seiner Tochter. Er ist sehr erregt; vor einer Weile hat er laut geschrien und alle erschreckt.«
»Ich habe den Schrei gehört«, sagte Wang-mu. »Ist er krank?«
»Ich weiß es nicht. Er ist sehr erregt. Er schickt mich nach deiner Herrin und sagt, er müsse sofort mit ihr sprechen. Doch wenn sie mit den Göttern spricht, wird er Verständnis haben und warten; vergiß nicht, ihr zu sagen, sie möge sofort zu ihm kommen, wenn sie fertig ist.«
»Ich werde es ihr sofort sagen. Sie hat mir aufgetragen, nichts dürfe sie daran hindern, einem Ruf ihres Vaters zu folgen.«
Mu-pao schaute schockiert drein. »Aber es ist verboten, sie zu unterbrechen, wenn die Götter…«
»Qing-jao wird später eine größere Buße leisten. Sie wird wissen wollen, daß ihr Vater sie gerufen hat.« Es bereitete Wang-mu große Befriedigung, Mu-pao auf ihren Platz zu verwiesen. Du magst zwar die Herrscherin über die Hausdiener sein, Mu-pao, doch ich habe die Macht, sogar die Gespräche zwischen meiner Herrin und den Göttern zu unterbrechen.
Wie Wang-mu erwartet hatte, reagierte Qing-jao zuerst mit Verbitterung, Zorn und Tränen auf die Unterbrechung. Doch als sich Wang-mu tief verbeugte, beruhigte sie sich sofort. Deshalb liebe ich sie und kann es ertragen, ihr zu dienen, dachte Wang-mu. Weil sie die Macht, die sie über mich hat, nicht liebt, und mitfühlender ist als jede andere Gottberührte, von der ich je gehört habe. Qing-jao hörte Wang-mus Erklärung für die Unterbrechung an und umarmte sie dann. »Ah, meine Freundin Wang-mu, du bist sehr klug. Wenn mein Vater vor Pein laut geschrien und mich dann gerufen hat, werden die Götter verstehen, daß ich meine Reinigung unterbrechen und zu ihm gehen muß.«
Wang-mu folgte ihr den Gang entlang und die Treppe hinab, bis sie gemeinsam auf der Matte vor Han Fei-tzus Stuhl knieten.
Qing-jao wartete darauf, daß Vater sprach, doch er sagte nichts. Aber seine Hände zitterten. Sie hatte ihn noch nie so verängstigt gesehen.
»Vater«, sagte Qing-jao, »warum hast du mich gerufen?«
Er schüttelte den Kopf. »Etwas so Schreckliches… und so Wunderbares… ich weiß nicht, ob ich vor Freude lachen oder mir das Leben nehmen soll.« Vaters Stimme war heiser und unkontrolliert. Nicht mehr seit Mutters Tod – nein, seit Vater sie nach der Prüfung, bei dem sich herausstellte, daß sie gottberührt war, in den Armen gehalten hatte – hatte sie ihn so gefühlsbetont sprechen hören.
»Sag es mir, Vater, und dann werde ich dir meine Neuigkeiten sagen – ich habe Demosthenes gefunden und vielleicht auch den Schlüssel für das Verschwinden der Lusitania-Flotte.«
Vaters Augen weiteten sich. »Ausgerechnet an diesem Tag aller Tage hast du das Problem gelöst?«
»Wenn es so ist, wie ich es mir denke, kann der Feind des Kongresses vernichtet werden. Aber es wird sehr schwer werden. Sage mir, was du herausgefunden hast!«
»Nein, du sagst es mir zuerst. Wie seltsam – beides geschieht am gleichen Tag! Heraus damit!«
»Wang-mu brachte mich darauf. Sie stellte Frage über – na ja, wie Computer funktionieren, und plötzlich wurde mir klar, wenn es in jedem Verkürzer-Computer ein verborgenes Programm gäbe, ein so kluges und mächtiges, daß es von einer Stelle zur andern wandern kann, um sich zu verbergen… nun, daß dieses geheime Programm die gesamte Verkürzer-Kommunikation abfangen könnte. Die Flotte ist vielleicht noch da, schickt vielleicht noch Nachrichten, aber wir empfangen sie nicht und wissen wegen dieses Programms nicht einmal, daß es die Flotte noch gibt.«
»In jedem Verkürzer-Computer? Ein Programm, daß die ganze Zeit über fehlerlos arbeitet?« Vater klang natürlich skeptisch, denn in ihrem Eifer hatte Qing-jao die Geschichte von hinten aufgezäumt.
»Ja, aber laß mich dir erklären, wie so eine unmögliche Sache möglich sein könnte. Denn weißt du, ich habe Demosthenes gefunden.«
Vater hörte zu, während Qing-jao ihm alles über Valentine Wiggin erzählte und wie sie insgeheim all diese Jahre als Demosthenes geschrieben hatte. »Sie ist eindeutig imstande, geheime Verkürzer-Nachrichten auszuschicken, oder ihre Werke könnten nicht von einem in Bewegung befindlichen Schiff auf all die verschiedenen Welten gesendet werden. Angeblich ist nur das Militär imstande, mit annähernd lichtschnell fliegenden Schiffen zu kommunizieren – sie muß entweder die Computer des Militärs infiltriert oder deren Fähigkeiten kopiert haben. Und wenn es ein Programm gibt, das ihr das alles ermöglicht, dann hat dieses Programm auch eindeutig die Macht, die Verkürzer-Nachrichten von der Flotte abzufangen.«