»Aber wie kann diese Frau ein Programm in alle Verkürzer-Computer eingespeist haben?«
»Weil sie es ganz am Anfang getan hat! Denn sie ist so alt. Wenn Hegemon Locke ihr Bruder war, hat er vielleicht… nein! Natürlich, er hat es getan. Als die ersten Kolonisten-Flotten mit ihren philotischen Doppeltriaden an Bord aufbrachen, die das Herz des ersten Verkürzers einer jeden Kolonie werden sollten, hätte er ihnen dieses Programm mit auf den Weg geben können.«
Vater verstand sofort. »Als Hegemon hatte er die Befugnis dazu und auch einen Grund – ein geheimes Programm unter seiner Kontrolle. Sollte es eine Rebellion oder einen Staatsstreich geben, hätte er noch immer die Fäden in der Hand gehabt, die die Welten miteinander verknüpfen.«
»Und als er starb, war Demosthenes – seine Schwester – die einzige, die das Geheimnis kannte. Ist das nicht wunderbar? Wir haben es gefunden! Jetzt müssen wir nur noch all diese Programme aus den Arbeitsspeichern löschen!«
»Du vergißt, daß die Programme augenblicklich wiederhergestellt würden«, sagte Vater. »Solange es noch Kopien in Computern auf anderen Welten gibt, werden die Verkürzer sie automatisch überspielen. Es muß im Verlauf der Jahrhunderte schon tausendmal passiert sein. Ein Computer bricht zusammen, und das Programm wird auf dem neuen automatisch wiederhergestellt.«
»Dann müssen wir alle Verkürzer gleichzeitig ausschalten«, sagte Qing-jao. »Und auf jeder Welt einen neuen Computer bereithalten, der noch nicht durch den Kontakt mit dem Geheimprogramm infiziert ist. Wir müssen alle Verkürzer auf einmal ausschalten, die alten Computer vom System abtrennen, die neuen hinzuschalten und die Verkürzer wieder aktivieren. Dann kann sich das Geheimprogramm nicht mehr restaurieren, denn es ist ja in keinem Computer mehr vorhanden. Dann kann kein Rivale die Macht des Kongresses mehr einschränken!«
»Das geht nicht«, sagte Wang-mu.
Qing-jao betrachtete ihre geheime Magd entsetzt. Wie konnte das Mädchen es wagen, ein Gespräch zweier Gottberührter zu unterbrechen, um ihnen zu widersprechen?
Doch Vater war großzügig – er war immer großzügig, sogar zu Menschen, die alle Grenzen des Respekts und Anstands überschritten hatten. Ich muß lernen, so wie er zu sein, dachte Qing-jao. Ich muß den Dienstboten erlauben, ihre Würde zu behalten, selbst wenn sie sie durch ihr eigenes Verhalten verloren haben.
»Si Wang-mu«, sagte Vater, »warum geht das nicht?«
»Wenn man alle Verkürzer gleichzeitig abschalten will, muß man den Befehl dazu über die Verkürzer geben«, sagte Wang-mu. »Warum sollte uns das Programm erlauben, Nachrichten zu schicken, die zu seiner Vernichtung führen würden?«
Qing-jao folgte dem Beispiel ihres Vaters und erklärte es Wang-mu geduldig. »Es ist nur ein Programm – es kennt den Inhalt der Nachrichten nicht. Wer auch immer das Programm beherrscht, hat ihm aufgetragen, jede Kommunikation mit der Flotte zu unterbrechen und die Aufzeichnungen aller Sendungen von Demosthenes zu verbergen. Es liest die Nachrichten bestimmt nicht, um dann nach dem jeweiligen Inhalt zu entscheiden, ob es sie übermitteln soll.«
»Woher wißt Ihr das?« fragte Wang-mu.
»Weil solch ein Programm… intelligent sein müßte!«
»Aber es muß sowieso intelligent sein«, sagte Wang-mu. »Es muß imstande sein, sich vor jedem anderen Programm zu verbergen, das es finden könnte. Es muß sich frei im Arbeitsspeicher bewegen können, um sich zu verbergen. Wie kann es wissen, vor welchen Programmen es sich verbergen muß, wenn es sie nicht lesen und interpretieren kann? Es ist vielleicht sogar intelligent genug, um andere Programme umzuschreiben, so daß sie nicht dort suchen, wo dieses Programm sich gerade versteckt.«
Qing-jao fielen augenblicklich mehrere Gründe ein, warum ein Programm intelligent genug sein konnte, um andere Programme zu lesen, aber nicht so intelligent, um menschliche Sprachen zu verstehen. Doch da Vater anwesend war, oblag es ihm, Wang-mu zu antworten. Qing-jao wartete.
»Falls es solch ein Programm gibt«, sagte Vater, »könnte es in der Tat sehr intelligent sein.«
Qing-jao war verblüfft. Vater sprach ernsthaft mit Wang-mu. Als wären Wang-mus Vorstellungen nicht die eines naiven Kindes.
»Es könnte so intelligent sein, daß es nicht nur Nachrichten abfängt, sondern auch welche sendet.« Dann schüttelte Vater den Kopf. »Nein, die Nachricht kam von einer Freundin. Einer wahren Freundin, und sie sprach von Dingen, die sonst niemand wissen konnte. Die Nachricht war echt.«
»Was für eine Nachricht hast du erhalten, Vater?«
»Sie kam von Keikoa Amaauka; als wir jung waren, kannte ich sie persönlich. Sie ist die Tochter eines Wissenschaftlers von Otaheiti, der hier war, um die genetische Drift erdgeborener Spezies in ihren ersten zwei Jahrhunderten auf Weg zu studieren. Sie gingen – sie wurden ziemlich abrupt fortgeschickt…« Er hielt inne, als überlege er, ob er fortfahren solle. Dann faßte er einen Entschluß und sagte es: »Wäre sie geblieben, wäre sie vielleicht deine Mutter geworden.«
Qing-jao war sowohl gespannt als auch verängstigt, daß Vater von solchen Dingen sprach. Er sprach sonst nie von seiner Vergangenheit. Das Eingeständnis, einmal eine andere Frau neben seiner Gattin geliebt zu haben, die Qing-jao gebar, kam so unerwartet, daß Qing-jao nicht wußte, was sie sagen sollte.
»Sie wurde an einen sehr fernen Ort geschickt. Es ist jetzt fünfunddreißig Jahre her. Das ist ein Großteil meines Lebens. Doch sie ist gerade erst angekommen, vor einem Jahr. Und nun hat sie mir eine Nachricht geschickt und verraten, wieso ihr Vater weggeschickt wurde. Für sie liegt unsere Trennung nur ein Jahr zurück. Für sie bin ich noch immer…«
»Ihr Geliebter«, sagte Wang-mu.
Diese Impertinenz! dachte Qing-jao. Doch Vater nickte nur. Dann wandte er sich seinem Display zu und blätterte die Seiten durch. »Ihr Vater war auf eine genetische Abweichung in der wichtigsten erdgeborenen Rasse auf Weg gestoßen.«
»Reis?« fragte Wang-mu.
Qing-jao lachte. »Nein, Wang-mu. Wir sind die wichtigste erdgeborene Spezies auf dieser Welt.«
Wang-mu schaute bestürzt drein. Qing-jao tätschelte ihre Schulter. Es hatte so kommen müssen – Vater hatte sie zu sehr ermutigt, hatte sie zu der Annahme geführt, Dinge zu verstehen, die weit jenseits ihrer Ausbildung lagen. Wang-mu brauchte diese sanften Dämpfer dann und wann, damit sie ihre Hoffnungen nicht zu hoch setzte. Das Mädchen durfte sich nicht dem Traum hingeben, intellektuell gleichwertig mit einem Gottberührten zu sein, oder ihr Leben würde mit Enttäuschung anstatt Zufriedenheit erfüllt sein.
»Er entdeckte einen beständigen, vererbbaren genetischen Unterschied in einigen Menschen auf Weg, doch als er ihn meldete, wurde er fast augenblicklich versetzt. Ihm wurde sagt, Menschen fielen nicht unter seine Forschungsbefugnis.«
»Hat sie dir das gesagt, bevor sie ging?« fragte Qing-jao.
»Keikoa? Sie wußte es nicht. Sie war sehr jung, noch in einem Alter, in dem die meisten Eltern ihre Kinder nicht mit den Angelegenheiten der Erwachsenen belasten. In deinem Alter.«
Die Implikationen dieser Aussage schickten einen weiteren Schauder der Furcht durch Qing-jao. Ihr Vater hatte eine Frau geliebt, die im gleichen Alter wie Qing-jao war; also war Qing-jao in den Augen ihres Vaters in dem Alter, in dem man sie in eine Ehe geben konnte. Du kannst mich nicht ins Haus eines anderen Mannes schicken, rief sie im Geiste; doch ein Teil von ihr war auch begierig darauf, die Geheimnisse zwischen einem Mann und einer Frau zu erfahren. Beide Gefühle würden keinen Einfluß auf sie haben; sie würde ihrem Vater gegenüber ihre Pflicht erfüllen, nicht mehr und nicht weniger.