»Doch ihr Vater hat es ihr auf dem Flug erzählt, denn die ganze Sache hat ihn sehr aufgebracht, wie du dir vorstellen kannst – sein Leben wurde einfach so unterbrochen. Doch als sie vor einem Jahr auf Ugarit eintrafen, stürzte er sich in seine Arbeit und sie sich in ihre Ausbildung, und sie versuchten, nicht daran zu denken. Bis vor ein paar Tagen, als ihr Vater auf einen alten Bericht über ein Medizinerteam in den frühesten Tagen von Weg stieß, das auch plötzlich verbannt worden war. Er reimte sich die Dinge zusammen und vertraute sie Keikoa an, und gegen seinen Rat schickte sie mir die Nachricht, die ich heute erhielt.«
Vater markierte einen Textabschnitt auf dem Display, und Qing-jao las ihn. »Das frühere Team studierte das unbewußt-zwanghafte Verhalten?« fragte sie.
»Nein, Qing-jao. Sie studierten ein Verhalten, das wie das UZV aussah, doch es konnte sich nicht um dieses Syndrom handeln, da die genetischen Bedingungen für das UZV nicht vorhanden waren und die Befallenen nicht auf UZV-wirksame Medikamente reagierten.«
Qing-jao versuchte sich daran zu erinnern, was sie über UZV wußte. Das Syndrom veranlaßte Menschen, sich unabsichtlich wie jene zu verhalten, zu denen die Götter sprachen. Ihr fiel ein, daß man auch ihr solche Medikamente verabreicht hatte, und zwar in der Zeit zwischen der Entdeckung ihres Reinigungszwangs und ihrer Prüfung. Man hatte sehen wollen, ob der Zwang nachließ. »Sie studierten die Gottberührten«, sagte sie. »Sie wollten eine biologische Ursache für unsere Reinigungsriten finden.« Die Vorstellung war so beleidigend, daß sie die Worte kaum über die Lippen brachte.
»Ja«, sagte Vater. »Und man hat sie weggeschickt.«
»Wahrscheinlich können sie von Glück sprechen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Wenn die Menschen von solch einem Sakrileg erfahren hätten…«
»Das war in den Anfangstagen unserer Geschichte, Qing-jao«, sagte Vater. »Man wußte noch nicht genau, daß diese Erwählten… mit den Göttern kommunizieren. Und was ist mit Keikoas Vater? Er forschte nicht über das UZV Er suchte nach genetischen Abweichungen. Und er hat sie gefunden. Eine sehr spezifische, vererbbare Abweichung in den Genen gewisser Menschen. Sie mußte im Gen eines Elternteils vorhanden sein und durfte nicht von einem dominanten Gen des anderen überlagert werden. Wenn es von beiden Eltern stammte, war die Abweichung sehr stark. Er glaubt nun, er sei weggeschickt worden, weil zu jedem Menschen mit diesem Gen von beiden Eltern die Götter sprachen und jeder Gottberührte, den er untersuchte, mindestens von einem Elternteil dieses Gen hatte.«
Qing-jao begriff sofort, was das zu bedeuten hatte, wies die Vorstellung aber zurück. »Das ist eine Lüge«, sagte sie. »Damit wollen sie erreichen, daß wir an den Göttern zweifeln.«
»Qing-jao, ich weiß, wie du dich fühlst. Als ich begriff, was Keikoa mir sagen wollte, schrie ich aus tiefstem Herzen auf. Zuerst dachte ich, ich schrie vor Verzweiflung, doch dann begriff ich, daß es auch ein Schrei der Befreiung war.«
»Ich verstehe dich nicht«, sagte sie entsetzt.
»Doch, du verstehst mich«, sagte Vater, »oder du hättest keine Angst. Qing-jao, diese Menschen wurden fortgeschickt, weil jemand nicht wollte, daß sie herausfanden, was sie bald herausgefunden hätten. Also müssen die, die sie weggeschickt haben, bereits gewußt haben, was sie herausfinden würden. Nur der Kongreß – zumindest jemand, der zum Kongreß gehört – hatte die Macht, diese Wissenschaftler und ihre Familien ins Exil zu schicken. Was sollte verborgen bleiben? Daß wir, zu denen die Götter sprechen, gar keine Götter hören. Wir wurden genetisch verändert. Man hat mit uns eine neue Art Mensch geschaffen und hält uns diese Wahrheit vor. Qing-jao, der Kongreß weiß, daß die Götter zu uns sprechen – das ist kein Geheimnis, obwohl sie so tun, als wüßten sie es nicht. Jemand im Kongreß weiß davon, duldet aber, daß wir weiterhin diese schrecklichen, erniedrigenden Dinge tun – und der einzige Grund, der mir dafür einfällt, ist der, uns unter Kontrolle, uns schwach zu halten. Ich glaube – und Keikoa auch –, es ist kein Zufall, daß die Gottberührten die intelligentesten Menschen von Weg sind. Wir wurden als eine neue Unterspezies der Menschheit mit einer höheren Intelligenz geschaffen; doch um zu verhindern, daß so intelligente Menschen eine Bedrohung für ihre Macht über uns darstellen, haben sie uns auch eine neue Form des UZV eingepflanzt und uns entweder die Idee in den Kopf gesetzt, die Götter sprächen zu uns, oder uns weiterhin daran glauben lassen, als wir diese Erklärung selbst entwickelten. Es ist ein ungeheuerliches Verbrechen, denn wüßten wir von dieser körperlichen Ursache, anstatt zu glauben, es seien die Götter, könnten wir unsere Intelligenz dem Ziel widmen, unsere Variante des UZV zu besiegen und uns zu befreien. Wir sind Sklaven! Der Kongreß ist unser schrecklichster Feind, unser Beherrscher, unser Täuscher, und nun soll ich eine Hand rühren, um dem Kongreß zu helfen? Wenn der Kongreß einen so mächtigen Feind hat, daß er – oder sie – die Benutzung des Verkürzers beherrscht, sollten wir froh sein! Soll dieser Feind den Kongreß doch vernichten! Erst dann werden wir frei sein!«
»Nein!« Qing-jao schrie das Wort. »Es sind die Götter!«
»Es ist ein genetischer Gehirnschaden«, beharrte Vater. »Qing-jao, zu uns sprechen nicht die Götter, wir sind verhinderte Genies. Sie haben uns behandelt wie Vögel im Käfig; sie haben uns das Gefieder gestutzt, damit wir für sie singen, aber nicht fortfliegen können.« Vater weinte vor Wut. »Wir können nicht ungeschehen machen, was sie uns angetan haben, aber bei allen Göttern, wir können aufhören, sie dafür auch noch zu belohnen. Ich werde keinen Finger rühren, um ihnen die Lusitania-Flotte zurückzugeben. Wenn diese Demosthenes die Macht des Sternenwege-Kongresses brechen kann, wird es den Welten danach besser gehen!«
»Nein, Vater! Bitte hör mir zu!« rief Qing-jao. Sie konnte kaum sprechen, solch ein Entsetzen bereiteten ihr die Worte ihres Vaters. »Siehst du es denn nicht? Dieser genetische Unterschied in uns – das ist die Verkleidung, die die Götter ihren Stimmen in unserem Leben gegeben haben. Damit die Menschen, die nicht von Weg stammen, weiterhin ungläubig sein können. Das hast du mir selbst gesagt, erst vor ein paar Monaten – die Götter handeln nur unter Tarnung.«
Vater starrte sie keuchend an.
»Die Götter sprechen wirklich zu uns. Und selbst, wenn sie andere Menschen glauben machen, sie hätten uns das angetan, haben diese damit nur den Willen der Götter erfüllt und uns das Dasein geschenkt.«
Vater schloß die Augen und zwängte die letzten Tränen zwischen den Lidern hindurch.
»Der Kongreß hat das Mandat des Himmels, Vater«, sagte Qing-jao. »Warum sollten die Götter ihn dann nicht veranlassen, eine Gruppe von Menschen mit schärferem Verstand zu schaffen – die gleichzeitig die Stimmen der Götter hört? Vater, wie kann dein Verstand so bewölkt sein, daß du nicht die Hand der Götter in dieser Sache siehst?«
Vater schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Deine Worte klingen nach allem, woran ich mein ganzes Leben geglaubt habe, aber…«
»Aber eine Frau, die du vor vielen Jahren einmal geliebt hast, hat dir etwas anderes gesagt, und du glaubst ihr, weil du dich an deine Liebe für sie erinnerst. Aber, Vater, sie ist keine von uns, sie hat die Stimme der Götter nicht gehört, sie hat nicht…«
Qing-jao konnte nicht fortfahren, denn Vater umarmte sie. »Du hast recht«, sagte er, »du hast recht, mögen die Götter mir vergeben, ich muß mich waschen, ich bin so unrein, ich muß…«