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Er erhob sich schwankend von seinem Stuhl, taumelte von seiner weinenden Tochter fort. Doch ohne Rücksicht auf Anstand, aus einem verrückten Grund, der nur ihr bekannt war, trat Wang-mu ihm in den Weg und hielt ihn auf. »Nein! Geht nicht!«

»Wie kannst du es wagen, einen Gottberührten aufzuhalten, der sich reinigen muß?« brüllte Vater; und dann tat er, zu Qing-jaos Überraschung, was sie ihn noch nie hatte tun sehen – er schlug einen anderen Menschen, er schlug Wang-mu, eine hilflose Dienerin, und sein Schlag hatte so viel Kraft, daß sie gegen die Wand prallte und dann zu Boden rutschte.

Wang-mu schüttelte den Kopf und deutete dann auf das Computer-Display. »Seht doch, Herr, ich bitte Euch! Herrin, zeigt es ihm!«

Qing-jao drehte sich um, und ihr Vater ebenfalls. Die Worte waren von dem Display verschwunden. Statt dessen befand sich dort das Bild eines Mannes. Eines alten Mannes mit einem Bart und der traditionellen Kopfbedeckung; Qing-jao erkannte ihn sofort, konnte sich aber nicht erinnern, wer er war.

»Han Fei-tzu!« flüsterte Vater. »Mein Vorfahre-des-Herzens!«

Dann fiel es Qing-jao wieder ein: Das Gesicht über dem Display entsprach der allgemeinen künstlerischen Darstellung des alten Han Fei-tzu, nach dem Vater benannt war.

»Kind meines Namens«, sagte das Gesicht im Computer, »ich will dir die Geschichte der Jade des Meisters Ho erzählen.«

»Ich kenne die Geschichte«, sagte Vater.

»Wenn du sie verstanden hättest, müßte ich sie dir nicht erzählen.«

Qing-jao versuchte, dem, was sie sah, Sinn zu entnehmen. Für ein visuelles Programm mit so perfekten Details, wie der über dem Terminal schwebende Kopf sie aufwies, wäre der Großteil der Kapazität des Hauscomputers erforderlich – und in ihrer Bibliothek gab es kein solches Programm. Ihr fielen zwei andere Möglichkeiten ein. Die eine wäre ein Wunder: Die Götter mußten einen anderen Weg gefunden haben, um mit ihnen zu sprechen, indem sie ihnen Vaters Vorfahre-des-Herzens erschienen ließen. Die andere war kaum weniger ehrfurchtsgebietend: Demosthenes' Geheimprogramm mußte so mächtig sein, daß es ihr Gespräch in diesem Raum über das Terminal abhören konnte. Nachdem es festgestellt hatte, daß sie eine gefährliche Schlußfolgerung gezogen hatten, mußte es den Hauscomputer übernommen und dieses Bild produziert haben. Auf jeden Fall mußte Qing-jao zuhören und sich dabei die Frage stellen: Was meinen die Götter damit?

»Einmal fand ein Mann aus Qu namens Meister Ho im Qu-Gebirge ein Stück Jade, brachte es zum Hof und zeigte es König Li.« Der Kopf des alten Han Fei-tzu blickte von Vater zu Qing-jao und von Qing-jao zu Wang-mu; war dieses Programm so gut, daß es mit jedem von ihnen Blickkontakt herstellte, um seine Macht über sie zu gewährleisten? Qing-jao sah, daß Wang-mu den Kopf senkte, als der Blick der Erscheinung auf ihr ruhte. Und Vater? Er hatte ihr den Rücken zugewandt; sie konnte es nicht sagen.

»König Li wies den Juwelier an, das Gestein zu untersuchen, und der Juwelier sagte: ›Es ist nur ein Stein.‹ Der König nahm an, Ho wolle ihn täuschen, und befahl, ihm zur Strafe den linken Fuß abzuschlagen.

Schließlich verschied König Li, und König Wu kam auf den Thron, und Ho nahm erneut den Jadestein und zeigte ihn König Wu. König Wu befahl seinem Juwelier, den Stein zu untersuchen, und erneut kam der Juwelier zum Schluß: ›Es ist nur ein Stein.‹ Der König nahm ebenfalls an, Ho wolle ihn täuschen, und befahl, ihm den rechten Fuß abzuschlagen.

Ho drückte das Gestein an seine Brust und begab sich zum Fuß des Qu-Gebirges, wo er drei Tage und Nächte lang weinte, und als seine Tränen versiegt waren, weinte er statt ihrer Blut. Der König hörte davon und schickte jemanden, ihn zu befragen. ›Vielen Menschen auf der Welt wurden die Füße amputiert‹, sagte der Mann. ›Warum weinst du so mitleiderregend darüber?‹«

In diesem Augenblick richtete sich Vater auf. »Ich kenne die Antwort«, sagte er. »Ich kenne sie auswendig. Meister Ho sagte: ›Ich trauere nicht, weil mir die Füße abgeschnitten wurden. Ich trauere, weil ein kostbares Juwel als bloßer Stein abgetan und ein ehrenwerter Mann Betrüger genannt wurde. Deshalb weine ich.‹«

»Das sind die Worte, die er sagte«, fuhr die Erscheinung fort. »Dann befahl der König dem Juwelier, den Stein zu schleifen und zu polieren, und als er das getan hatte, kam ein kostbares Juwel zum Vorschein. Dementsprechend wurde es die ›Jade des Meisters Ho‹ genannt. Han Fei-tzu, du warst mir ein guter Sohn-des-Herzens, und daher weiß ich, daß du tun wirst, was der König schließlich tat: Du wirst veranlassen, daß der Stein geschliffen und poliert wird, und dann wirst auch du feststellen, daß sich ein kostbares Juwel darin befindet.«

Vater schüttelte den Kopf. »Als der echte Han Fei-tzu diese Geschichte zum ersten Mal erzählte, hat er sie so gemeint: Die Jade war die Herrschaft des Gesetzes, und der Herrscher muß Regeln aufstellen und befolgen, damit seine Minister und sein Volk ihn nicht hassen und einander ausnutzen.«

»So habe ich die Geschichte damals aufgefaßt, als ich zu den Schöpfern des Gesetzes sprach. Die Annahme, eine wahre Geschichte könne nur eine Bedeutung haben, ist töricht.«

»Mein Herr ist nicht töricht!« Zu Qing-jaos Überraschung trat Wang-mu vor und baute sich vor der Erscheinung auf. »Und meine Herrin und ich auch nicht! Glaubst du, wir würden dich nicht erkennen? Du bist das geheime Programm der Demosthenes. Du bist diejenige, die die Lusitania-Flotte verborgen hat! Ich dachte einmal, weil deine Schriften so gerecht und schön und gut und wahr klingen, müßtest du einfach gut sein – aber jetzt sehe ich, daß du eine Lügnerin und Betrügerin bist! Du bist diejenige, die Keikoas Vater dieses Dokument gab! Und nun trägst du das Gesicht des Vorfahren-des-Herzens meines Herren, damit du ihn besser belügen kannst!«

»Ich trage dieses Gesicht«, sagte die Erscheinung ruhig, »damit sein Herz offen für die Wahrheit wird. Er wurde nicht getäuscht; ich würde nie versuchen, ihn zu täuschen. Er hat von Anfang an gewußt, wer ich war.«

»Sei still, Wang-mu«, sagte Qing-jao. Wie konnte eine Dienerin sich so vergessen, daß sie sprach, obwohl sie von den Gottberührten nicht dazu aufgefordert worden war?

Bestürzt verbeugte sich Wang-mu tief vor Qing-jao, und diesmal erlaubte Qing-jao ihr, diese Positur beizubehalten, damit sie sich nicht noch einmal vergaß.

Die Erscheinung veränderte sich; sie wurde zu dem offenen, wunderschönen Gesicht einer Polynesierin. Auch die Stimme veränderte sich; sie wurde weicher, vokalreicher, und die Konsonanten klangen so sanft, daß man sie fast überhörte. »Han Fei-tzu, es gibt eine Zeit, wenn der Herrscher allein und ohne Freunde ist, wenn nur er handeln kann. Dann muß er sich enthüllen. Du weißt, was wahr ist und was nicht. Du weißt, daß Keikoas Nachricht wirklich von ihr stammt. Du weißt, daß die, die im Namen des Sternenwege-Kongresses herrschen, grausam genug sind, eine Rasse von Menschen zu schaffen, die, ihrer Begabung zufolge, Herrscher sein sollten, und ihnen dann die Füße abzuschneiden, um sie zu verstümmeln und zu Dienern zu degradieren.«

»Zeige mir nicht dieses Gesicht«, sagte Vater.

Die Erscheinung veränderte sich. Sie wurde zu einer anderen Frau, dem Kleid, Haar und dem Make-up nach einer Frau aus einer längst vergangenen Zeit, mit wunderbar weisen Augen und alterslosen Gesichtszügen. Sie sprach nicht, sie sang:

In einem klaren Traum vom letzten Jahr kamen tausend Meilen weit eine bewölkte Stadt sich windende Flüsse Eis auf den Teichen eine Weile lang blickte ich auf meine Freundin

Han Fei-tzu senkte den Kopf und weinte.

Qing-jao war zuerst erstaunt; dann füllte sich ihr Herz mit Wut. Wie schamlos dieses Programm Vater manipulierte; wie schockierend, daß Vater sich einem seiner offensichtlichen Schachzüge gegenüber als so schwach erwies. Dieses Lied Li Qing-jaos war eins der traurigsten; es galt weit entfernten Liebhabern. Vater mußte die Gedichte Li Qing-jaos gekannt und geliebt haben, oder er hätte sie nicht als Vorfahrin-des-Herzens seines ersten Kindes auserwählt. Und dieses Lied war sicher dasjenige, das er seiner geliebten Keikoa sang, bevor sie ihm weggenommen und zu einer anderen Welt geschickt wurde. In der Tat – in einem klaren Traum betrachtete ich meine Freundin! »Ich lasse mich nicht narren«, sagte Qing-jao kalt. »Ich sehe, daß ich einen Blick auf unsern dunkelsten Feind werfe.«