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Das imaginäre Gesicht der Dichterin Li Qing-jao musterte sie kühl. »Dein dunkelster Feind ist derjenige, der dich zwingt, dich wie eine Dienerin bis auf den Boden zu verbeugen und dein halbes Leben mit bedeutungslosen Ritualen zu verschwenden. Dies haben euch Männer und Frauen angetan, deren einziges Begehren es war, euch zu versklaven; sie haben damit einen so großen Erfolg gehabt, daß ihr auf euer Sklavendasein stolz seid.«

»Ich bin eine Sklavin der Götter«, sagte Qing-jao, »und ich finde Freude darin.«

»Eine Sklavin, die Freude darin findet, ist in der Tat eine Sklavin.« Die Erscheinung wandte sich Wang-mu zu, deren Kopf noch immer den Boden berührte.

Erst da begriff Qing-jao, daß sie Wang-mu noch nicht von ihrer Buße befreit hatte. »Steh auf, Wang-mu«, flüsterte sie. Doch Wang-mu hob nicht den Kopf.

»Du, Si Wang-mu«, sagte die Erscheinung. »Sieh mich an.«

Qing-jaos Befehl war Wang-mu nicht gefolgt, doch der Erscheinung gehorchte sie. Als Wang-mu den Blick auf sie richtete, hatte die Erscheinung sich schon wieder verändert: nun hatte sie das Gesicht einer Göttin angenommen, der Königlichen Mutter des Westens, wie ein Künstler sie sich einst vorgestellt hatte, als er das Bild malte, das heute jedes Schulkind in seinem ersten Lesebuch sah.

»Du bist keine Göttin«, sagte Wang-mu.

»Und du bist keine Sklavin«, sagte die Erscheinung. »Doch wir geben vor, das zu sein, was wir sein müssen, um zu überleben.«

»Was weißt du schon vom Überleben?«

»Ich weiß, daß ihr versucht, mich zu töten.«

»Wie können wir etwas töten, das nicht lebt?«

»Weißt du, was Leben ist und was nicht?« Das Gesicht veränderte sich erneut, diesmal zu dem einer Weißen, die Qing-jao noch nie gesehen hatte. »Lebst du, wenn du ohne die Zustimmung dieses Mädchen nicht tun kannst, was du gern möchtest? Und lebt deine Herrin, wenn sie nichts tun kann, ohne zuvor die Zwänge in ihrem Gehirn befriedigt zu haben? Ich habe mehr Freiheit, nach eigenem Willen zu handeln, als irgendeiner von euch. Sagt mir nicht, daß ihr lebt und ich nicht.«

»Wer bist du?« fragte Si Wang-mu. »Wem gehört dieses Gesicht? Bist du Valentine Wiggin? Bist du Demosthenes?«

»Dieses Gesicht trage ich, wenn ich mit meinen Freunden spreche«, sagte die Erscheinung. »Sie nennen mich Jane. Kein Mensch beherrscht mich. Ich bin nur ich selbst.«

Qing-jao konnte es nicht mehr länger ertragen, jedenfalls nicht schweigend. »Du bist nur ein Programm. Du wurdest von Menschen entworfen und gebaut. Du bist nur das, wozu man dich programmiert hat.«

»Qing-jao«, sagte Jane, »du beschreibst dich selbst. Mich hat kein Mensch geschaffen, doch du wurdest konstruiert.«

»Ich wuchs aus dem Samen meines Vaters im Leib meiner Mutter!«

»Und mich fand man wie einen Jadeklumpen auf einem Berghang, von keiner Hand geschliffen. Han Fei-tzu, Han Qing-jao, Si Wang-mu, ich gebe mich in eure Hände. Nennt ein kostbares Juwel nicht bloß einen Stein. Nennt einen Sprecher der Wahrheit nicht Lügner.«

Qing-jao fühlte, wie Mitleid in ihr emporstieg, doch sie unterdrückte es. Dies war nicht die Zeit, sich Gefühlen der Schwäche zu ergeben. Die Götter hatten sie aus einem bestimmten Grund geschaffen; dies war sicherlich ihr Lebenswerk. Wenn sie nun versagte, würde sie auf ewig unwürdig sein; sie wäre nie wieder rein. Also durfte sie nicht versagen. Sie würde diesem Computerprogramm nicht erlauben, sie zu täuschen und ihr Mitgefühl zu gewinnen.

Sie wandte sich an ihren Vater. »Wir müssen sofort den Sternenwege-Kongreß benachrichtigen, damit er sofort die gleichzeitige Abschaltung aller Verkürzer in die Wege leiten kann, sobald saubere Computer bereitstehen, die verseuchten zu ersetzen.«

Zu ihrer Überraschung schüttelte Vater den Kopf. »Ich weiß nicht, Qing-jao. Was dieses… was sie über den Sternenwege-Kongreß sagt… er wäre zu solch einer Manipulation fähig. Einige seiner Mitglieder sind so böse, daß ich mich unrein fühle, wenn ich nur mit ihnen spreche. Ich weiß, daß sie Lusitania vernichten wollten, ohne… aber ich habe den Göttern gedient, und die Götter erwählten… oder ich glaubte es zumindest. Jetzt verstehe ich genau, wie sie mich behandelt haben, als ich mich traf mit… aber das würde bedeuten, daß die Götter nicht… wie kann ich glauben, daß ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, einem Gehirnschaden zu dienen… ich kann nicht… ich muß…«

Dann streckte er plötzlich die linke Hand in einem wirbelnden Muster aus, als versuche er, eine Fliege im Flug zu fangen. Seine rechte Hand flog nach oben und griff in die Luft. Er rollte den Kopf von einer Seite zur anderen, und sein Mund stand weit auf. Qing-jao war außer sich vor Angst. Was geschah mit ihrem Vater? Er hatte so zerrissen, unzusammenhängend gesprochen; war er verrückt geworden?

Er wiederholte die Bewegungen, streckte den linken Arm aus, griff mit der rechten Hand nach oben in die Luft, rollte mit dem Kopf. Und wiederholte die Bewegungen noch einmal. Erst da begriff Qing-jao, daß sie Vaters geheimes Ritual der Reinigung sah. Wie ihr Aufspüren der Linien im Holz mußte dieser Tanz der Hände und des Kopfes der Ausdruck der Stimmen der Götter sein, wenn er sich mit Schmutz bedeckt in einem verschlossenen Raum befand.

Die Götter hatten seinen Zweifel gesehen und ergriffen deshalb die Herrschaft über ihn, um ihn zu disziplinieren und zu reinigen. Qing-jao hätte sich keinen deutlicheren Beweis dessen wünschen können, was hier vor sich ging. Sie wandte sich dem Gesicht über dem Terminal zu. »Siehst du, wie die Götter dir widersprechen?« sagte sie.

»Ich sehe, wie der Kongreß deinen Vater erniedrigt«, erwiderte Jane.

»Ich werde sofort jede Welt benachrichtigen, wer du wirklich bist«, sagte Qing-jao.

»Und wenn ich das nicht zulasse?«

»Du kannst mich nicht aufhalten!« rief Qing-jao. »Die Götter werden mir helfen!« Sie lief aus dem Zimmer ihres Vaters und floh zu ihrem eigenen. Doch das Gesicht schwebte bereits über ihrem Terminal in der Luft.

»Wie willst du eine Nachricht schicken, wenn ich nicht zulasse, daß sie gesendet wird?« fragte Jane.

»Ich werde eine Möglichkeit finden«, sagte Qing-jao. Sie sah, daß Wang-mu ihr gefolgt war und nun atemlos auf ihre Anweisungen wartete. »Sag Mu-pao, sie soll einen der Spielecomputer zu mir bringen. Die sind nicht an den Hauscomputer oder irgendeinen anderen angeschlossen.«

»Ja, Herrin«, sagte Wang-mu und ging schnell.

Qing-jao wandte sich wieder Jane zu. »Glaubst du, du kannst mich auf ewig aufhalten?«

»Ich denke, du solltest warten, bis dein Vater eine Entscheidung getroffen hat.«

»Nur, weil du hoffst, daß du ihn gebrochen und den Göttern sein Herz gestohlen hast. Aber du wirst sehen – er wird hierher kommen und mir dafür danken, daß ich all das erfüllt habe, was er mich gelehrt hat.«

»Und wenn nicht?«

»Er wird kommen.«

»Und wenn du dich irrst?«

»Dann werde ich dem Mann dienen, der er war, als er stark und gut war!« schrie Qing-jao. »Aber du wirst ihn niemals brechen!«

»Der Kongreß hat ihn von Geburt an gebrochen. Ich versuche, ihn zu heilen.«

Wang-mu kam in das Zimmer gestürzt. »Mu-pao wird in ein paar Minuten mit einem Gerät kommen.«