»Was willst du mit diesem Spielzeugcomputer erreichen?« fragte Jane.
»Meinen Bericht schreiben«, sagte Qing-jao.
»Und dann?«
»Ihn ausdrucken. Ihn so weit wie möglich auf Weg verbreiten. Dagegen kannst du nichts tun. Ich werde keinen Computer benutzen, den du irgendwie erreichen kannst.«
»Dann erzählst du es allen Menschen auf Weg; aber das ändert nichts. Und selbst wenn es etwas änderte… glaubst du nicht, ich könnte ihnen ebenfalls die Wahrheit sagen?«
»Denkst du, sie werden dir glauben, einem Programm, das von dem Feind des Kongresses beherrscht wird, und nicht mir, einer Gottberührten?«
»Ja.«
Qing-jao brauchte einen Moment, um zu begreifen, daß Wang-mu gesprochen hatte und nicht Jane. Sie drehte sich zu ihrer geheimen Magd um und forderte sie auf zu erklären, was sie damit meinte.
Wang-mu sah wie ein anderer Mensch aus; als sie sprach, war keine Schüchternheit in ihrer Stimme. »Wenn Demosthenes den Menschen von Weg berichtet, daß die Gottberührten nur Menschen mit einer genetischen Begabung, aber auch einem genetischen Defekt sind, besteht kein Grund mehr, daß sie über uns herrschen.«
Zum ersten Mal kam Qing-jao in den Sinn, daß nicht jeder auf Weg der Ordnung, die die Götter begründet hatten, so zufrieden folgte wie sie. Zum ersten Mal begriff sie, daß sie mit ihrer Entschlossenheit, den Göttern zu dienen, vielleicht völlig allein dastand.
»Was ist der Weg?« fragte Jane hinter ihr. »Zuerst die Götter, dann die Vorfahren, dann die Menschen, dann die Herrscher, dann man selbst.«
»Wie kannst du es wagen, vom Weg zu sprechen, wo du doch versuchst, mich und meinen Vater und meine geheime Magd von ihm abzubringen?«
»Stelle dir nur einen Augenblick lang vor: Was wäre, wenn alles, was ich dir gesagt habe, der Wahrheit entspräche?« sagte Jane. »Was wäre, wenn dein Leid von den Plänen böser Menschen herrührt, die dich ausbeuten und unterdrücken und die mit deiner Hilfe die ganze Menschheit ausbeuten und unterdrücken wollen? Denn genau das tust du, wenn du dem Kongreß hilfst. Das kann doch unmöglich sein, was die Götter wollen. Was wäre, wenn ich existiere, um dir einsichtig zu machen, daß der Kongreß das Mandat des Himmels verloren hat? Wenn die Götter von dir wollen, daß du dem Weg in seiner richtigen Reihenfolge dienst? Diene zuerst den Göttern, indem du die korrupten Herren des Kongresses, die das Mandat des Himmels verspielt haben, von der Macht entfernst. Dann diene deinen Vorfahren und deinem Vater, indem du ihre Erniedrigung durch die Hände der Folterer rächst, die euch mißgestaltet haben, um euch zu Sklaven zu machen. Dann diene dem Volk von Weg, indem du es von dem Aberglauben und den geistigen Qualen befreist, die es fesseln. Dann diene den neuen, aufgeklärten Herrschern, die den Kongreß ersetzen werden, indem du ihnen eine Welt voller überlegener Intelligenzen anbietest, die bereit sind, sie freiwillig und gern zu beraten. Und schließlich diene dir selbst, indem du die besten Wissenschaftler von Weg ein Heilmittel gegen dein Bedürfnis finden läßt, dein halbes Leben mit diesen sinnlosen Ritualen zu verschwenden.«
Qing-jao lauschte Janes Ausführungen mit wachsendem Unbehagen. Sie klangen so plausibel. Wie konnte Qing-jao wissen, was die Götter wirklich wollten? Vielleicht hatten sie dieses Jane-Programm geschickt, um sie zu befreien. Vielleicht war der Kongreß so korrupt und gefährlich, wie Demosthenes behauptete, und vielleicht hatte er das Mandat des Himmels verloren.
Doch schließlich wußte Qing-jao, daß es sich nur um die Lügen einer Verführerin handelte. Zum einen bestand kein Zweifel daran, daß die Stimme der Götter in ihr war. Hatte sie nicht diesen schrecklichen Drang verspürt, sich zu reinigen? Hatte sie nicht die Freuden erfolgreicher Verehrung gefühlt, wenn sie ihre Rituale abgeschlossen hatte? Ihre Beziehung zu den Göttern war die Sache in ihrem Leben, der sie sich am sichersten war; und jeder, der sie bestritt, der drohte, sie ihr zu nehmen, mußte nicht nur ihr Feind, sondern auch der des Himmels sein.
»Ich werde meinen Bericht nur an die Gottberührten schicken«, sagte Qing-jao. »Wenn das gewöhnliche Volk gegen die Götter rebellieren will, kann ich nichts dagegen tun; doch ich werde ihm am besten dienen, indem ich die Gottberührten hier an der Macht halte, denn so kann die ganze Welt dem Willen der Götter folgen.«
»Das alles ist bedeutungslos«, sagte Jane. »Selbst wenn die, zu denen die Götter sprechen, glauben sollten, was du glaubst, wirst du ohne meine Erlaubnis von dieser Welt niemals auch nur ein einziges Wort senden können.«
»Es gibt Sternenschiffe«, sagte Qing-jao.
»Es wird zwei Generationen dauern, bis sie deine Nachricht auf allen Welten verbreitet haben. Bis dahin wird der Sternenwege-Kongreß gestürzt worden sein.«
Qing-jao mußte nun der Tatsache ins Auge sehen, der sie ausgewichen war: Solange Jane die Verkürzer kontrollierte, konnte sie die von Weg ausgehende Kommunikation so gründlich unterbrechen, wie sie die mit der Flotte verhindert hatte. Selbst wenn Qing-jao ihren Bericht und ihre Empfehlungen ununterbrochen von jedem Verkürzer auf Weg ausstrahlen ließ, würde Jane dafür sorgen, daß Weg nur genauso gründlich für den Rest des Universums verschwand, wie die Flotte verschwunden war.
Einen Augenblick lang erfüllte sie Verzweiflung, und sie hätte sich fast zu Boden geworfen, um mit der schrecklichen Buße der Reinigung zu beginnen. Ich habe die Götter im Stich gelassen – sicher verlangen sie nun von mir, einer in ihren Augen wertlosen Versagerin, daß ich Linien verfolge, bis ich tot bin.
Doch als sie ihre Gefühle genauer untersuchte, um festzustellen, welche Buße notwendig sein würde, stellte sie fest, daß gar keine Buße nötig war. Es erfüllte sie mit Hoffnung – vielleicht hatten die Götter die Reinheit ihres Verlangens erkannt und würden ihr vergeben, weil sie unmöglich etwas unternehmen konnte.
Oder die Götter wußten vielleicht doch, was sie unternehmen könnte. Was wäre, wenn Weg für die Verkürzer jeder anderen Welt verschwand? Was würde der Kongreß daraus schließen? Was würden die Leute denken? Das Verschwinden einer jeden Welt mußte eine Reaktion hervorrufen, besonders wenn einige Mitglieder des Kongresses glaubten, daß diese Welt ein Geheimnis bewahrte. Sie würden ein Schiff von der nächsten Welt schicken, die nur drei Reisejahre entfernt war. Was würde dann geschehen? Würde Jane auch die gesamte Kommunikation mit dem neu eingetroffenen Schiff unterbrechen? Und dann die mit der benachbarten Welt, wenn das Schiff dorthin zurückkehrte? Wie lange würde es dauern, bis Jane sämtliche Verkürzer-Verbindungen zwischen den Hundert Welten unterbrechen mußte? Drei Generationen, hatte sie gesagt. Vielleicht würde das reichen. Die Götter hatten es nicht eilig.
Es würde sowieso nicht unbedingt so lange dauern, um Janes Macht zu zerstören. Irgendwann würde offensichtlich werden, daß eine feindliche Macht die Kontrolle über die Verkürzer übernommen hatte und Schiffe und Welten verschwinden ließ. Selbst ohne etwas über Valentine und Demosthenes zu wissen, selbst ohne die Erkenntnis, daß es sich um ein Computerprogramm handelte, würde es auf jeder Welt Menschen geben, die begriffen, was getan werden mußte, und die die Verkürzer von sich aus abschalten würden.
»Du hast mich gebeten, mir etwas vorzustellen«, sagte Qing-jao. »Jetzt bitte ich dich darum. Ich und die anderen Gottberührten sorgen dafür, daß wir mit jedem Verkürzer auf Weg meinen Bericht senden. Du läßt all diese Verkürzer gleichzeitig verstummen. Was sieht der Rest der Menschheit? Daß wir verschwunden sind, genau wie die Lusitania-Flotte. Sie werden bald begreifen, daß es dich oder jemanden wie dich gibt. Je mehr du deine Macht einsetzt, desto mehr enthüllst du deine Existenz selbst der einfältigsten Seele. Du hast eine leere Drohung hervorgebracht. Du könntest genausogut zur Seite treten und mich meine Nachricht einfach senden lassen. Wenn du mich aufhältst, erreichst du nur damit, daß dieselbe Nachricht trotzdem empfangen wird.«