Kapitel 12
Gregos Krieg
›Es ist ein Wunder, daß die Menschen jemals intelligent genug wurden, um zwischen den Welten zu reisen.‹
›Eigentlich nicht. Ich habe in letzter Zeit darüber nachgedacht. Den Sternenflug haben sie von dir gelernt. Ender sagt, sie hätten die physikalischen Grundlagen erst begriffen, als dein erstes Kolonieschiff ihr Sonnensystem erreichte.‹
›Sollten wir zu Hause bleiben, aus Angst, weichkörprigen, viergliedrigen, haarlosen Klumpen den Sternenflug zu lehren?‹
›Du hast vor einem Augenblick so gesprochen, als glaubtest du, die Menschen hätten wirklich Intelligenz erlangt.‹
›Das haben sie eindeutig.‹
›Ich bin anderer Ansicht. Ich glaube, sie haben eine Möglichkeit gefunden, Intelligenz vorzutäuschen.‹
›Ihre Sternenschiffe fliegen. Wir haben noch nicht bemerkt, daß welche von euch über die Lichtwellen durch den Raum jagen.‹
›Wir sind als Spezies noch sehr jung. Doch sieh uns an. Sieh dich an. Wir beide haben ein sehr ähnliches System entwickelt. Wir haben jeweils vier Arten von Leben in unseren Spezies. Die Jungen, die hilflose Flegel sind. Die Geschlechtsreifen, die niemals Intelligenz erlangen – bei dir die Drohnen und bei uns die kleinen Mütter. Dann die vielen, vielen Individuen, die genug Intelligenz haben, um manuelle Aufgaben zu erledigen – unsere Frauen und Brüder, deine Arbeiter. Und schließlich die Intelligenten – wir Vaterbäume und du, die Schwarmkönigin. Wir sind die Hochburg der Weisheit der Rasse, denn wir haben Zeit zum Nachdenken, für Überlegungen. Unsere primäre Aktivität ist die Ideenbildung.‹
›Während die Menschen alle als Brüder und Frauen herumrennen. Wie Arbeiter.‹
›Nicht nur Arbeiter. Auch ihre Jungen durchlaufen ein hilfloses Flegelstadium, das länger anhält, als einige von ihnen glauben. Und wenn es an der Zeit ist, sich zu reproduzieren, verwandeln sie alle sich in Dronen oder kleine Mütter, kleine Maschinen, die nur ein Ziel im Leben haben: Sex zu haben und zu sterben.‹
›Sie glauben, sie wären in all diesen Stadien rational.‹
›Selbstbetrug. Selbst ihre Besten erheben sich als Individuen niemals über das Niveau von Handarbeitern. Wer von ihnen hat schon die Zeit, intelligent zu werden?‹
›Keiner.‹
›Sie wissen einfach nichts. Ihre kleinen Leben zählen nicht genug Jahre, daß sie irgend etwas verstehen könnten. Und doch glauben sie, sie würden alles verstehen. Von der frühesten Kindheit an geben sie sich der Selbsttäuschung hin, sie würden die Welt verstehen, während sie in Wirklichkeit nur ein paar primitive Annahmen und Vorurteile haben. Wenn sie älter werden, lernen sie, sich eines gehobeneren Vokabulars zu bedienen, mit dem sie ihr geistloses Pseudowissen ausdrücken und andere Menschen dazu nötigen können, ihre Vorurteile zu akzeptieren, als seien es Wahrheiten. Doch alles läuft aus dasselbe hinaus. Individuell gesehen sind alle Menschen Tölpel.‹
›Während sie im Kollektiv…‹
›lm Kollektiv sind sie eine Ansammlung von Tölpeln. Doch bei all ihrem Herumirren, bei all ihrer Vorgabe, klug zu sein, stoßen sie idiotische, halbverdaute Theorien über dies und das aus, und zwei oder drei von ihnen treten mit irgendeiner Idee hervor, die der Wahrheit eine Winzigkeit näher kommt als das, was bereits bekannt war. Und bei etwa der Hälfte ihrer hilflosen Versuche und Herumratereien kommt tatsächlich die Wahrheit zum Vorschein und wird von Wesen akzeptiert, die sie noch immer nicht verstehen, die sie einfach als neue vorgefaßte Meinung akzeptieren, der blind zu vertrauen ist, bis der nächste Trottel zufällig mit einer Verbesserung hervortritt.‹
›Also behauptest du, daß keiner von ihnen individuell intelligent ist und Gruppen noch dümmer als Individuen sind – und doch gelangen sie, weil sie so viele Narren sind, die intelligent zu sein vorgeben, zu einigen der gleichen Ergebnisse, zu denen auch eine intelligente Spezies gelangen würde.‹
›Genau.‹
›Warum haben wir nur einen Schwarm, wenn sie so dumm und wir so intelligent sind, der auch noch hier gedeiht, weil ein Mensch uns hierhergebracht hat? Und warum seid ihr bei allen technischen und wissenschaftlichen Fortschritten, die ihr macht, völlig von ihnen abhängig?‹
›Vielleicht ist Intelligenz nicht alles, worauf es ankommt.‹
›Vielleicht sind wir die Narren, weil wir glauben, etwas zu wissen. Vielleicht sind die Menschen die einzigen, die sich mit der Tatsache befassen können, daß man niemals etwas wissen kann.‹
Quara traf als letzte in Mutters Haus ein. Pflanzer holte sie, der Pequenino, der als Enders Assistent auf den Feldern arbeitete. Das erwartungsvolle Schweigen im Raum machte klar, daß Miro keinem etwas verraten hatte. Doch sie alle wußten, so sicher, wie Quara es wußte, weshalb sie zusammengerufen worden waren. Es mußte sich um Quim handeln. Ender konnte mittlerweile zu Quim vorgestoßen sein; und er konnte sich über die Empfänger, die sie in den Ohren trugen, mit Miro unterhalten.
Wenn Quim wohlauf wäre, hätte man sie nicht zusammengerufen. Man hätte es ihnen einfach gesagt.
Also wußten sie es alle. Quara musterte ihre Gesichter, als sie auf der Schwelle standen. Ela sah betroffen aus. Grego mit wütendem Gesicht – immer wütend, der ungehaltene Narr. Olhado ausdruckslos, mit leuchtenden Augen. Und Mutter. Wer konnte die schreckliche Maske deuten, die sie trug? Sicherlich Trauer wie bei Ela und Zorn, so heiß wie bei Grego und auch die kalte, unmenschliche Zurückhaltung von Olhados Miene. Wir alle tragen so oder so Mutters Gesicht. Welcher Teil von ihr ist in mir? Was würde ich in Mutters verdrehter Haltung auf dem Stuhl erkennen, wenn ich mich selbst verstehen könnte?
»Er starb an der Descolada«, sagte Miro. »Heute morgen. Andrew ist gerade dort eingetroffen.«
»Sprich diesen Namen nicht aus«, sagte Mutter. Ihre Stimme war heiser vor Trauer, die sie kaum unter Kontrolle hatte.
»Er starb als Märtyrer«, sagte Miro. »Er starb genau so, wie er es gewollt hätte.«
Mutter erhob sich unbeholfen von ihrem Stuhl. Zum ersten Mal erkannte Quara, daß Mutter alt wurde. Sie schritt unsicher aus, bis sie sich direkt vor dem breitbeinig dastehenden Miro befand. Dann schlug sie ihn mit aller Kraft ins Gesicht.
»Was soll das?« rief Ela. »Daß du Miro schlägst, wird Quim nicht zurückbringen!«
»Er und dieses Juwel in seinem Ohr!« schrie Mutter. Sie holte erneut aus, und die anderen konnten sie trotz ihrer scheinbaren Kraftlosigkeit kaum zurückhalten. »Was weißt du schon darüber, wie jemand sterben will!«
Quara mußte unwillkürlich bewundern, wie Miro ihr standhielt, wenngleich seine Wange von ihrem Schlag gerötet war. »Ich weiß, daß der Tod nicht das Schlimmste auf dieser Welt ist«, sagte Miro.
»Verschwinde aus meinem Haus«, sagte Mutter.
Miro erhob sich. »Du trauerst nicht um ihn«, sagte er. »Du weißt nicht einmal, wer er war.«
»Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen!«
»Wenn du ihn geliebt hättest, hättest du nicht versucht, ihn von seiner Mission abzuhalten«, sagte Miro. Seine Stimme war nicht laut, und er sprach so undeutlich, daß er kaum zu verstehen war. Alle anderen hörten ihm schweigend zu, voller Zorn, denn seine Worte waren schrecklich. »Aber du hast ihn nicht geliebt. Du weißt nicht, wie man Menschen liebt. Du weißt nur, wie man sie besitzt. Und da die Menschen sich niemals verhalten, wie du es von ihnen verlangst, Mutter, wirst du immer glauben, verraten worden zu sein. Und weil schließlich jeder einmal stirbt, wirst du dir immer betrogen vorkommen. Aber du bist die Betrügerin, Mutter. Du bist diejenige, die unsere Liebe ausnutzt, um uns beherrschen zu können.«