»Das klingt sehr extrem«, sagte Bischof Peregrino. »Ein Ausgangsverbot! Was ist mit den Arbeitern, die Nachtschicht haben?«
»Stellen Sie alle Arbeit bis auf die unbedingt lebensnotwendigen Dienste ein.«
»Verzeihen Sie, Valentine«, sagte Bürgermeister Kovano, »aber blasen wir die Dinge nicht nur unnötig auf, wenn wir so überreagieren? Vielleicht verursachen wir damit genau die Panik, die wir vermeiden wollen.«
»Sie haben nie einen Aufruhr gesehen, nicht wahr?«
»Nur das, was letzte Nacht passiert ist«, sagte der Bürgermeister.
»Milagre ist eine sehr kleine Stadt«, sagte Bischof Peregrino. »Nur etwa fünfzehntausend Bewohner. Wir sind kaum groß genug, um einen echten Aufruhr zu haben – den gibt es in großen Städten, auf dicht besiedelten Welten.«
»Das ist keine Frage der Bevölkerungsgröße«, sagte Valentine, »sondern eine der Bevölkerungsdichte und des Ausmaßes der Angst. Ihre fünfzehntausend Menschen sind auf einen Raum zusammengepfercht, der kaum die Größe der Innenstadt einer großen Gemeinde hat. Die Stadt ist umzäunt, weil draußen unvorstellbar fremde Geschöpfe leben, die glauben, ihnen gehöre die ganze Welt, obwohl jeder die gewaltigen Prärien sehen kann, die den Menschen offenstehen sollten; doch die Schweinchen verweigern sie ihnen. Die Stadt wurde sozusagen von der Pest gebeutelt, und nun sind die Menschen von jeder anderen Welt abgeschnitten, und es kommt eine Flotte, die diesen Planeten in naher Zukunft besetzen und die Menschen unterdrücken und bestrafen wird. Und an allem tragen nach der Vorstellung dieser Menschen die Schweinchen Schuld. Gestern abend erfuhren sie erstmals, daß die Schweinchen wieder getötet haben, trotz ihres ernsten Eides, nie wieder einem Menschen Schaden zuzufügen. Zweifellos hat Grego ihnen eine farbige Schilderung des Verrats der Schweinchen geboten – der Junge kann mit Worten umgehen –, und die wenigen Männer, die in den Bars waren, haben gewalttätig reagiert. Ich versichere Ihnen, wenn Sie es nicht verhindern, wird es heute abend nur noch schlimmer kommen.«
»Wenn wir derartig unterdrückende Zwangsmaßnahmen anordnen, werden sie glauben, wir wären in Panik geraten«, sagte Bischof Peregrino.
»Sie werden glauben, Sie hätten alles fest unter Kontrolle. Die ausgeglichenen Menschen werden Ihnen dankbar sein. Sie werden das öffentliche Vertrauen wiederherstellen.«
»Ich weiß nicht«, sagte Bürgermeister Kovano. »Kein anderer Bürgermeister hat jemals so etwas angeordnet.«
»Es bestand auch noch nie ein Grund dazu.«
»Die Leute werden behaupten, ich hätte die geringste Ursache benutzt, um mir eine diktatorische Machtfülle anzueignen.«
»Vielleicht«, sagte Valentine.
»Sie werden nie glauben, daß es wirklich einen Aufruhr gegeben hätte.«
»Vielleicht unterliegen Sie also bei der nächsten Wahl«, sagte Valentine. »Na und?«
Peregrino lachte laut. »Sie denkt wie ein Kleriker.«
»Ich bin bereit, eine Wahl zu verlieren, wenn ich jetzt das Richtige tue«, sagte Kovano etwas zweifelnd.
»Sie wissen nur nicht, ob es das Richtige ist«, sagte Valentine.
»Nun, Sie können nicht mit Sicherheit sagen, daß es heute abend einen Aufruhr geben wird.«
»Doch, das kann ich«, entgegnete Valentine. »Ich verspreche Ihnen, das Sie viel mehr verlieren werden als nur die nächste Wahl, wenn Sie die Dinge jetzt nicht fest in die Hand nehmen und verhindern, daß sich heute abend Mobs zusammenrotten.«
Der Bischof kicherte noch immer. »Das klingt nicht nach der Frau, die uns sagte, sie würde uns an ihrer Weisheit teilhaben lassen, doch wir dürften nicht zuviel von ihr erwarten.«
»Was schlagen Sie vor, wenn Sie glauben, daß ich überreagiere?«
»Ich werde heute abend einen Gottesdienst für Quim abhalten und um Frieden und Ruhe beten.«
»Das wird genau die Leute in die Kirche locken, die sowieso nicht an einem Aufruhr teilnehmen würden.«
»Sie verstehen nicht, wie wichtig den Leuten von Lusitania der Glaube ist«, sagte Peregrino.
»Und Sie verstehen nicht, wie verheerend Furcht und Zorn sein kann und wie schnell die Religion, die Zivilisation und menschlicher Anstand vergessen werden, wenn sich Mobs bilden.«
»Ich versetze die gesamte Polizei heute abend in Alarmbereitschaft«, sagte Bürgermeister Kovano, »und lasse die Hälfte der Leute Dienst tun. Aber ich werde die Bars nicht schließen und auch keine Ausgangssperre verhängen. Ich will, daß das Leben so normal wie möglich weitergeht. Wenn wir anfangen, alles zu ändern, alles lahmzulegen, geben wir ihnen um so mehr Grund, ängstlich und wütend zu reagieren.«
»Sie würden ihnen das Gefühl geben, daß die Behörden die Lage unter Kontrolle haben«, sagte Valentine. »Sie würden Schritte ergreifen, die im richtigen Verhältnis zu den schrecklichen Gefühlen stehen, die sie haben. Sie würden wissen, daß jemand irgend etwas tut.«
»Sie sind sehr weise«, sagte Bischof Peregrino, »und Ihr Rat wäre der beste für eine große Stadt, besonders auf einem Planeten, der dem christlichen Glauben weniger treu ergeben ist. Doch wir sind nur ein Dorf, und die Leute sind fromm. Sie brauchen nicht herumgestoßen zu werden. Sie brauchen heute abend Ermutigung und Trost, keine Ausgangssperren, geschlossenen Bars, Pistolen und Patrouillen.«
»Sie müssen die Entscheidung treffen«, entgegnete Valentine. »Wie ich sagte, die Weisheit, die ich habe, teile ich gern mit Ihnen.«
»Und wir wissen das zu schätzen. Sie können sicher sein, daß ich heute abend alles genau im Auge behalten werde«, sagte Kovano.
»Danke, daß Sie mich eingeladen haben«, sagte Valentine. »Aber wie Sie sehen können, ist nicht viel dabei herausgekommen.«
Sie erhob sich. Ihr Körper schmerzte, weil sie so lange auf diesem unbequemen Stuhl gesessen hatte. Sie hatte sich nicht vorgebeugt. Noch verbeugte sie sich nun, als ihr der Bischof seine Hand zum Kuß reichte. Statt dessen schüttelte sie sie kräftig. Als Gleichberechtigte. Als Fremde.
Sie verließ den Raum. Sie hatte sie gewarnt und ihnen gesagt, was sie tun sollten. Doch wie die meisten Führer, die niemals eine echte Krise miterlebt hatten, glaubten sie nicht, daß sich der heutige Abend von den meisten anderen unterscheiden würde. Die Menschen glauben wirklich nur an das, was sie zuvor schon einmal gesehen haben. Nach dem heutigen Abend wird Kovano an Ausgangssperren und das rechtzeitige Schließen öffentlicher Straßen glauben. Doch dann wird es zu spät sein. Dann werden sie die Todesfälle zählen.
Wie viele Gräber würden neben dem Quims ausgehoben werden? Und wer würde in ihnen liegen?
Obwohl Valentine hier eine Fremde war und nur wenige Leute kannte, konnte sie einen Aufruhr einfach nicht als unvermeidbar hinnehmen. Es gab nur eine andere Hoffnung. Sie würde mit Grego sprechen. Versuchen, ihm klarzumachen, wie ernst die Lage hier war. Falls er heute abend von Bar zu Bar zog, ruhig sprach und zu Geduld riet, konnte der Aufruhr vielleicht verhindert werden. Nur ihm war das möglich. Sie kannten ihn. Er war Quims Bruder. Er war derjenige, dessen Worte sie gestern abend so aufgebracht hatten. Vielleicht hörten ihm genug Menschen zu, daß der Aufruhr im Zaum gehalten, kontrolliert und in die richtigen Kanäle geleitet werden konnte. Sie mußte Grego finden.
Wäre doch, nur Ender hier. Sie war Historikerin; er hatte schon Männer in die Schlacht geführt. Na ja, eigentlich Jungs. Er hatte Jungen geführt. Doch es war dasselbe – er würde wissen, was zu tun war. Warum ist er jetzt fort? Warum liegt diese Sache in meinen Händen? Ich bin nicht geschaffen für Gewalt und Konfrontation und war es noch nie. Deshalb war Ender überhaupt geboren worden, ein drittes Kind, empfangen auf Verlangen der Regierung in einer Zeit, in der Eltern normalerweise nicht mehr als zwei Kinder haben durften, wollten sie nicht das Risiko verheerender rechtlicher Sanktionen auf sich nehmen: weil Peter zu verdorben und sie, Valentine, zu weich gewesen war.