Ender hätte den Bürgermeister und den Bischof dazu überredet, vernünftige Maßnahmen zu ergreifen. Und wenn ihm das nicht gelungen wäre, wäre er selbst in die Stadt gegangen, hätte die Menschen beruhigt und die Lage unter Kontrolle gehalten.
Doch als sie wünschte, Ender wäre bei ihr, wußte sie, daß selbst er nicht unter Kontrolle halten könnte, was heute abend geschehen würde. Vielleicht hätte nicht einmal ausgereicht, was sie vorgeschlagen hatte. Ihre Schlußfolgerungen darüber, was heute abend passieren würde, beruhten auf allem, was sie auf vielen verschiedenen Welten in vielen verschiedenen Zeiten gesehen und gelesen hatte. Die Unruhen des gestrigen Abends würden sich heute eindeutig viel weiter ausbreiten. Doch nun begriff sie allmählich, daß die Dinge vielleicht sogar noch schlimmer standen, als sie anfangs angenommen hatte. Die Menschen von Lusitania lebten schon viel zu lange auf einer fremden Welt, ohne ihre Ängste ausdrücken zu können. Jede andere menschliche Kolonie hatte sich augenblicklich ausgebreitet, ihre Welt in Besitz genommen, sie innerhalb von ein paar Generationen zu ihrer eigenen gemacht. Die Menschen von Lusitania lebten noch in einer winzigen Enklave, praktisch in einem Zoo, durch dessen Gitterstäbe schreckliche, schweineähnliche Geschöpfe starrten. Es ließ sich nicht absehen, was sich in diesen Menschen aufgestaut hatte. Wahrscheinlich konnte man es gar nicht mehr im Zaum halten. Keinen einzigen Tag lang.
In den vergangenen Jahren war Libos und Pipos Tod schon schlimm genug gewesen. Doch sie waren Wissenschaftler gewesen und hatten sich unter den Schweinchen aufgehalten. Bei ihnen war es wie mit einem Flugzeugabsturz oder einer Raumschiffexplosion. Wenn nur die Mannschaft an Bord war, regte sich die Öffentlichkeit nicht ganz so auf – die Mannschaft wurde bezahlt für das Risiko, das sie einging. Nur der Tod von Zivilisten bei solchen Unfällen verursachte Furcht und Zorn. Und in der Vorstellung der Menschen von Lusitania war Quim ein unschuldiger Zivilist.
Nein, mehr als das: Er war ein Heiliger, der diesen unwürdigen Halbtieren die Bruderschaft und Heiligkeit gebracht hatte. Ihn zu töten war nicht nur bestialisch und grausam, es war ein Sakrileg.
Die Menschen von Lusitania waren sicherlich so fromm, wie Bischof Peregrino es annahm. Er vergaß dabei jedoch, wie fromme Menschen schon immer auf Beleidigungen gegen ihren Gott reagiert hatten. Peregrino erinnert sich nicht genug an die Geschichte des Christentums, dachte Valentine, oder glaubt vielleicht, all das hätte mit den Kreuzzügen aufgehört. Wie konnte Peregrino glauben, wenn die Kathedrale das Zentrum des Lebens auf Lusitania war und die Menschen ihre Priester liebten, daß die Trauer über den Mord an einem Priester in einem einfachen Gedenkgottesdienst Ausdruck finden konnte? Es würde ihre Wut nur steigern, wenn der Bischof zu glauben schien, Quims Tod habe keine große Bedeutung. Er trug nichts zur Lösung des Problems bei, sondern verschlimmerte es nur.
Sie suchte noch immer nach Grego, als sie hörte, wie die Glocken geläutet wurden. Der Ruf zum Gebet. Doch es war nicht an der üblichen Zeit für eine Messe; die Leute mußten überrascht aufschauen und sich fragen: Warum läutet die Glocke? Und sich dann erinnern – Vater Estevão ist tot. Vater Quim wurde von den Schweinchen ermordet. Ah, ja, Peregrino, was für eine ausgezeichnete Idee, die Gebetsglocke zu läuten. Das wird den Eindruck der Leute verstärken, alles sei ruhig und normal.
O Herr, beschütze uns vor allen weisen Männern.
Miro lag in der Krümmung einer von Menschs Wurzeln zusammengerollt. Er hatte in der vergangenen Nacht nicht viel geschlafen, wenn überhaupt, doch jetzt lag er hier, ohne sich zu rühren, während überall um ihn herum Pequeninos kamen und gingen und mit ihren Stöcken Rhythmen auf Menschs und Wühlers Stämme schlugen. Miro hörte die Gespräche und verstand sogar die meisten davon, obwohl er die Vaterzunge noch nicht fließend sprach, da die Brüder keine Anstrengungen unternahmen, ihre eigenen aufgeregten Gespräche vor ihm zu verbergen. Er war schließlich Miro. Sie vertrauten ihm. Also durfte er ruhig mitbekommen, wie wütend und verängstigt sie waren.
Der Vaterbaum namens Kriegmacher hatte einen Menschen getötet. Und nicht nur irgendeinen Menschen – er und sein Stamm hatten Vater Estevão ermordet, den geliebtesten aller Menschen nach dem Sprecher für die Toten selbst. Es war unaussprechlich. Was sollten sie tun? Sie hatten dem Sprecher versprochen, nicht mehr gegeneinander Krieg zu führen, doch wie sonst konnten sie Kriegmachers Stamm bestrafen und den Menschen zeigen, daß die Pequeninos deren gewalttätigen Akt verabscheuten? Krieg war die einzige Antwort. Alle Brüder eines jeden Stammes mußten Kriegmachers Wald angreifen und alle Bäume fällen, bis auf die, von denen bekannt war, daß sie gegen Kriegmachers Plan gesprochen hatten.
Und ihr Mutterbaum? Diese Redeschlacht tobte noch: ob es ausreichte, alle Brüder und mitschuldigen Vaterbäume in Kriegmachers Wald zu töten, oder ob sie auch den Mutterbaum fällen sollten, damit Kriegmachers Saat nie wieder Wurzeln schlagen konnte. Damit würde Kriegmacher lange genug leben, um die Vernichtung seines Stammes zu beobachten, und dann würden sie ihn verbrennen, die schrecklichste aller Hinrichtungsformen und die einzige Gelegenheit, bei der die Pequeninos jemals in einem Wald Feuer benutzten.
Miro hörte das alles, wollte sprechen, wollte sagen: Welchen Sinn hat das jetzt noch? Doch er wußte, daß er die Pequeninos nicht aufhalten konnte. Sie waren jetzt zu wütend, zum Teil, weil sie um Quim trauerten, zu einem großen Teil aber auch, weil sie sich schämten. Kriegmacher hatte sie alle beschämt, indem er den Vertrag gebrochen hatte. Die Menschen würden den Pequeninos nie wieder vertrauen, außer sie vernichteten Kriegmacher und seinen Stamm völlig.
Die Entscheidung wurde getroffen. Morgen früh würden alle Brüder zu Kriegmachers Wald aufbrechen. Es würde viele Tage dauern, bis sie sich alle versammelt hatten, denn an dieser Unternehmung mußten alle Wälder der Welt gemeinsam teilnehmen. Wenn sie bereit waren und Kriegmachers Wald umzingelt hatten, würden sie ihn so gründlich zerstören, daß niemand vermuten konnte, daß sich dort einmal ein Wald befunden hatte.
Die Menschen würden es sehen. Ihre Satelliten würden ihnen zeigen, wie die Pequeninos mit Vertragsbrechern und feigen Mördern umgingen. Dann würden die Menschen den Pequeninos wieder vertrauen. Dann konnten die Pequeninos wieder in der Gegenwart eines Menschen ohne Scham die Köpfe heben.
Allmählich begriff Miro, daß sie ihn nicht einfach ihre Gespräche und Entscheidungen mithören ließen. Sie sorgten dafür, daß er alles hörte und verstand, was sie taten. Sie erwarten von mir, daß ich die Stadt darüber informiere. Sie erwarten von mir, daß ich den Menschen von Lusitania genau erkläre, wie die Pequeninos Quims Mörder bestrafen wollen.
Begreifen sie nicht, daß ich jetzt hier ein Fremder bin? Wer von den Menschen Lusitanias würde schon auf mich hören – auf einen verkrüppelten Jungen aus der Vergangenheit, dessen Sprache so langsam und schwer zu verstehen ist? Ich habe keinen Einfluß auf andere Menschen. Ich habe kaum Einfluß auf meinen eigenen Körper.
Dennoch war es Miros Pflicht. Er erhob sich langsam, entknotete sich von seinem Platz zwischen Menschs Wurzeln. Er würde es versuchen. Er würde zu Bischof Peregrino gehen und ihm sagen, was die Pequeninos vorhatten. Bischof Peregrino würde die Nachricht verbreiten, und dann konnten sich die Menschen in dem Wissen besser fühlen, daß Tausende unschuldiger Pequeninokinder als Vergeltung für den Tod eines einzigen Menschen sterben würden. Was sind schließlich schon Pequenino-Babys? Nur Würmer, die im dunklen Bauch eines Mutterbaums leben. Es würde diesen Menschen niemals in den Sinn kommen, daß es kaum einen moralischen Unterschied zwischen diesem Massenmord an Pequeninobabies und König Herodes' Massenmord an Neugeborenen zur Zeit von Jesu Geburt gab. Sie hatten es nur auf Gerechtigkeit abgesehen. Was ist schon im Vergleich dazu die vollständige Auslöschung eines Pequeninostammes?