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Grego: Ich stehe in der Mitte des Rasenvierecks, die Menge wachsam um mich herum, jeder von ihnen mit einem straffen, unsichtbaren Draht mit mir verbunden, so daß mein Wille ihr Wille ist, mein Mund ihre Worte spricht, ihre Herzen in meinem Rhythmus schlagen. Ich habe so etwas noch nie zuvor empfunden, diese Art von Leben, Teil einer solchen Gruppe zu sein, und nicht nur Teil davon, sondern auch der Geist, der Mittelpunkt, so daß mein Selbst sie alle umschließt, Hunderte von ihnen, und meine Wut ihre Wut ist, ihre Hände meine Hände sind, ihre Augen nur sehen, was ich ihnen zeige.

Diese Musik, diese Kadenz: Anrufung, Antwort, Anrufung, Antwort.

»Der Bischof sagt, daß wir um Gerechtigkeit beten werden, doch ist das genug?«

»Nein!«

»Die Pequeninos sagen, daß sie den Wald vernichten werden, der meinen Bruder ermordet hat, doch glauben wir ihnen?«

»Nein!«

Sie vervollständigen meine Rede; wenn ich innehalten muß, um einzuatmen, rufen sie für mich, so daß meine Stimme niemals verstummt, sondern sich aus den Kehlen von fünfhundert Männern und Frauen erhebt. Der Bischof kam zu mir, voller Frieden und Geduld. Der Bürgermeister kam zu mir, mit seinen Warnungen vor der Polizei und einem Aufruhr und seinen Andeutungen, mich zu verhaften. Valentine kam zu mir, ganz eiskalter Intellekt, und sprach von meiner Verantwortung. Sie alle kennen meine Macht, Macht, von der ich nie wußte, daß ich sie hatte, Macht, die erst begann, als ich ihnen nicht mehr gehorchte und schließlich die Worte, die in meinem Herzen waren, zu den Leuten selbst sprach. Wahrheit ist meine Macht. Ich hörte auf, die Leute zu täuschen, und gab ihnen die Wahrheit, und nun sehe ich, was aus mir geworden ist, was aus uns allen geworden ist.

»Wenn jemand die Schweine für den Mord an Quim bestrafen sollte, dann wir. Ein Menschenleben sollte von Menschenhand gerächt werden! Sie behaupten, die Strafe für die Mörder sei der Tod – doch nur wir haben das Recht, den Henker zu ernennen! Wir müssen sicherstellen, daß die Strafe vollzogen wird!«

»Ja! Ja!«

»Sie ließen meinen Bruder in den Qualen der Descolada sterben! Sie sahen zu, wie sein Körper von innen verbrannte! Nun werden wir diesen Wald niederbrennen!«

»Verbrannt sie! Feuer! Feuer!«

Sieh, wie sie Streichhölzer anzünden, wie sie Grasbüschel ausreißen und sie anzünden. Die Flamme, die wir gemeinsam anzünden werden!

»Morgen werden wir zu einer Strafexpedition aufbrechen…«

»Heute abend! Heute abend! Sofort!«

»Morgen… wir können heute abend nicht gehen… wir müssen Wasser und Vorräte besorgen…«

»Jetzt! Heute abend! Verbrennt sie!«

»Ich sage euch, wir kommen in einer Nacht nicht dorthin, es ist Hunderte von Kilometern entfernt, wir brauchen Tage für diese Strecke…!«

»Die Schweinchen sind direkt hinter dem Zaun…«

»Nicht die, die Quim getötet haben…«

»Alle Schweinchen sind mörderische kleine Mistkerle!«

»Das sind doch die, die Libo getötet haben, oder?«

»Sie haben Pipo und Libo getötet!«

»Verbrennt sie heute abend!«

»Verbrennt sie alle!«

»Lusitania für uns, nicht für Tiere!«

Sind sie verrückt? Wie können sie glauben, er würde sie diese Schweinchen töten lassen – sie hatten nichts getan. »Es ist Kriegmacher! Kriegmacher und seinen Wald müssen wir bestrafen!«

»Bestraft sie!«

»Tötet die Schweinchen!«

»Verbrennt sie!«

»Feuer!«

Ein kurzes Schweigen. Eine Gelegenheit. Laß dir die richtigen Worte einfallen. Laß dir etwas einfallen, das sie zurückholt. Sie entgleiten dir. Sie waren Teil meines Körpers, sie waren Teil meines Selbst, doch nun entgleiten sie mir, eine Zuckung, und ich habe die Kontrolle verloren, falls ich sie jemals gehabt haben sollte. Was kann ich in diesem Sekundenbruchteil des Schweigens sagen, das sie wieder zur Vernunft bringen wird?

Zu lange. Grego fiel nichts ein, wartete zu lange. Die Stimme eines Kindes erfüllte die kurze Stille, die Stimme eines Jungen, der noch nicht im Mannesalter war, genau die Art von Stimme, die den schwelenden heiligen Zorn in den Herzen zum Ausbruch bringen, sie zu unwiderruflichen Taten anstacheln konnte. Rief das Kind: »Für Quim und Christus!«

»Quim und Christus! Quim und Christus!«

»Nein!« rief Grego. »Wartet! Das dürft ihr nicht!«

Sie rempeln ihn an, reißen ihn zu Boden. Er ist auf allen vieren, jemand tritt auf seine Hand. Wo ist der Stuhl, auf dem er stand? Hier ist er, halte dich daran fest, damit sie dich nicht niedertrampeln, sie werden mich umbringen, wenn ich nicht aufstehe, ich muß mit ihnen, aufstehen und mit ihnen gehen, mit ihnen laufen, oder sie werden mich niedertrampeln.

Und dann waren sie weg, an ihm vorbei, brüllend, schreiend. Sie hielten winzige Flammen hoch, riefen »Feuer!« und »Verbrennen!« und »Quim und Christus!« und ergossen sich wie ein Lavastrom von dem Platz zum Wald, der auf dem nicht allzu weiten Hügel auf sie wartete.

»Gott im Himmel, was tun sie?«

Es war Valentine. Grego kniete neben dem Stuhl, stützte sich darauf ab, und sie stand neben ihm und beobachtete sie, wie sie sich von diesem alten, leeren Krater entfernten, an dem das Feuer in Brand gesetzt worden war.

»Grego, du selbstgerechter Hurensohn, was hast du getan?«

Ich? »Ich wollte sie gegen Kriegmacher führen. Ich wollte sie zur Gerechtigkeit führen.«

»Du bist Physiker, du Idiot. Hast du noch nie vom Unsicherheitsprinzip gehört?«

»Partikelphysik. Philotische Physik.«

»Gruppenphysik, Grego. Du hast sie nie beherrscht. Sie haben dich beherrscht. Und jetzt haben sie dich nicht mehr nötig, und sie werden den Wald unserer besten Freunde und Ratgeber unter den Pequeninos vernichten, und wozu wird das führen? Zu einem Krieg zwischen Menschen und Pequeninos, wenn sie nicht über unmenschliche Selbstbeherrschung verfügen, und es wird unsere Schuld sein.«

»Kriegmacher hat Quim getötet.«

»Ein Verbrechen. Aber hier, Grego, hast du eine Greueltat ausgelöst.«

»Ich war es nicht!«

»Bischof Peregrino hat sich mit dir beraten. Bürgermeister Kovano hat dich gewarnt. Ich habe dich gebeten. Und du hast es trotzdem getan.«

»Du hast mich vor einem Aufruhr gewarnt, nicht davor…«

»Das ist ein Aufruhr, du Narr. Schlimmer als ein Aufruhr. Es ist ein Pogrom. Ein Massaker. Das Töten von Babys. Es ist der erste Schritt auf der langen, schrecklichen Straße zum Xenozid.«

»Du kannst mir nicht für alles die Schuld geben!«

Ihr Gesicht ist so schrecklich im Mondlicht, im Licht, das aus den Türen und Fenstern der Bars fällt. »Ich gebe dir nur die Schuld für das, was du getan hast. Du hast trotz aller Warnungen an einem heißen, trockenen, windigen Tag ein Feuer in Brand gesetzt. Dafür gebe ich dir die Schuld, und wenn du nicht die Verantwortung für alle Folgen deiner eigenen Taten auf dich nimmst, bist du der menschlichen Gesellschaft wahrhaftig unwürdig, und ich hoffe, daß du für immer deine Freiheit verlierst.«

Sie ist verschwunden. Wohin? Um was zu tun? Sie kann ihn hier nicht allein lassen. Es ist nicht richtig, ihn allein zu lassen. Vor ein paar Augenblicken war er noch so groß, mit fünfhundert Herzen und Gehirnen und Mündern, tausend Händen und Füßen, und jetzt war alles fort, als sei sein großer, neuer Körper gestorben und er als bebender Geist von Mann übriggeblieben, ein einziger schmaler Wurm von Seele, der das starke Fleisch, das er beherrscht hatte, verloren hatte. Er hatte niemals solch eine Angst empfunden. Sie hatten ihn in ihrer Eile, ihn zu verlassen, beinahe getötet, beinahe im Gras totgetrampelt.