Der Mob hatte sich hier versammelt. Viele trugen Fackeln, doch aus irgendeinem Grund hielten sie einen gewissen Abstand von den beiden Bäumen, die hier Wache hielten: Mensch und Wühler. Grego drängte sich mit Nimbo durch die Menge; sein Herz raste, und er war von Furcht und Schmerz und doch auch einem Funken Hoffnung erfüllt, denn er wußte, warum die Männer mit den Fackeln stehengeblieben waren. Und als er den Mob erreichte, sah er, daß er recht hatte.
Um diese letzten beiden Vaterbäume hatten sich vielleicht zweihundert Pequeninobrüder und -gattinnen geschart. Sie würden an dieser Stelle eher bis zum Tod kämpfen, als zuzulassen, daß diese Bäume niedergebrannt wurden.
Zwischen den Schweinchen und den Menschen stand Miro, verglichen mit den Pequeninos ein Riese. Er hatte keine Waffe, und doch hatte er die Arme ausgebreitet, als wolle er die Pequeninos beschützen oder vielleicht zurückhalten. Und mit seiner schwerfälligen, kaum verständlichen Sprache trotzte er dem Mob.
»Tötet mich zuerst!« sagte er. »Wenn ihr morden wollt, tötet mich zuerst! Genau, wie sie Quim getötet haben! Tötet mich zuerst!«
»Nicht dich!« sagte einer der Männer, die Fackeln trugen. »Aber diese Bäume werden sterben. Und die Schweinchen auch, wenn sie nicht genug Grips haben, um zu fliehen.«
»Mich zuerst«, sagte Miro. »Das sind meine Brüder! Tötet mich zuerst!«
Er sprach laut und langsam, so daß man seine schleppenden Worte verstehen konnte. Der Mob war noch immer wütend, doch es befanden sich auch etliche darunter, die sich bereits schämten, bereits im Herzen wußten, welch schreckliche Dinge sie an diesem Abend angerichtet hatten. Grego fühlte noch immer diese Verbundenheit mit den anderen, und er wußte, daß es so oder so ausgehen konnte – vielleicht entzündeten die, die noch heiß vor Wut waren, das letzte Feuer dieses Abends; oder es würden die obsiegen, deren einzige innere Hitze ein Anflug von Scham war.
Grego hatte diese eine letzte Chance zur Wiedergutmachung. Und so trat er vor; noch immer hatte er Nimbo im Arm.
»Mich auch«, sagte er. »Tötet auch mich, bevor ihr eine Hand gegen diese Brüder und diese Bäume hebt!«
»Aus dem Weg, Grego, sowohl du wie auch der Krüppel!«
»Wie unterscheidet ihr euch von Kriegmacher, wenn ihr diese Kleinen tötet?«
Nun stand Grego neben Miro.
»Aus dem Weg! Wir werden die letzten niederbrennen und erledigen!« Doch die Stimme klang nicht mehr so sicher.
»Hinter euch tobt ein Feuer«, sagte Grego, »und zu viele sind bereits gestorben, Menschen wie auch Pequeninos.« Seine Stimme war heiser, doch er konnte sich noch Gehör verschaffen. »Der Wald, der Quim getötet hat, ist weit entfernt, und Kriegmacher ist noch unverletzt. Wir haben hier keine Gerechtigkeit getan. Wir haben gemordet und ein Massaker angerichtet.«
»Schweinchen sind Schweinchen!«
»Ach ja? Würde euch das andersherum auch gefallen?« Grego machte ein paar Schritte auf einen Mann zu, der müde und unwillig aussah, die Sache fortzusetzen, und wandte sich direkt an ihn, während er auf den Sprecher des Mobs zeigte. »Du! Würdest du gern bestraft werden für etwas, das er tat?«
»Nein«, murmelte der Mann.
»Wenn er jemanden umgebracht hätte, hältst du es dann für richtig, daß jemand in dein Haus kommt und dafür deine Frau und Kinder erschlägt?«
»Nein.«
»Warum nicht? Menschen sind Menschen, oder nicht?«
»Ich habe keine Kinder getötet«, sagte der Mann.
»Wir haben den Mutterbaum niedergebrannt«, sagte Grego.
Hinter ihm erklang ein scharfes Geräusch, dann ein weiches, hohes Winseln. Für die Brüder und überlebenden Gattinnen war es die Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen. Der Mutterbaum hatte gebrannt.
»Dieser riesige Baum in der Mitte des Waldes – darin waren all ihre Kinder. Alle. Der Wald hat uns nichts getan, und wir sind hingegangen und haben ihre Kinder getötet.«
Miro trat vor und legte die Hand auf Gregos Schulter. Stützte sich Miro auf ihn? Oder half er ihm stehen?
Dann sprach Miro, nicht zu Grego, sondern zu der Menge. »Ihr alle. Geht nach Hause.«
»Vielleicht sollten wir zuerst versuchen, das Feuer zu löschen«, sagte Grego. Doch der gesamte Wald stand bereits in Flammen.
Es war noch immer etwas Zorn übrig. »Willst du uns sagen, was wir tun sollen?«
»Bleibt in der Umzäunung«, sagte Miro. »Es kommt jemand, um die Pequeninos zu beschützen.«
»Wer? Die Polizei?« Mehrere Männer lachten verbittert auf, da so viele von ihnen zur Polizei gehörten oder Polizisten unter der Menge gesehen hatten.
»Hier sind sie«, sagte Miro.
Ein tiefes Summen war zu vernehmen, zuerst leise, doch dann immer lauter, bis fünf Flugplattformen in Sicht kamen. Sie glitten über die Spitzen der Gräser, während sie den Mob umkreisten, hoben sich manchmal als schwarze Silhouetten vor dem brennenden Wald ab, leuchteten manchmal auf, wenn sie auf der anderen Seite das Feuer reflektierten. Schließlich kamen sie zur Ruhe, und alle fünf sanken auf das hohe Gras hinab. Erst dann, als von jeder Plattform sechs Passagiere stiegen, konnten die Menschen eine schwarze Gestalt von der anderen unterscheiden. Was sie für schimmernde Maschinenteile auf den Geräten gehalten hatten, waren gar keine Maschinen, sondern Lebewesen, nicht so groß wie Menschen, aber auch nicht so klein wie Pequeninos, mit großen Köpfen und Facettenaugen. Sie machten keine bedrohenden Gesten, bildeten einfach Linien vor jeder Flutplattform; doch Gesten waren auch überflüssig. Ihr Anblick reichte aus, um Erinnerungen aus uralten Alpträumen und Schauergeschichten zu wecken.
»Deus nos perdoe!« riefen mehrere Menschen. Gott vergib uns. Sie schlossen mit ihrem Leben ab.
»Geht nach Hause«, sagte Miro. »Bleibt in der Umzäunung.«
»Was ist das?« Nimbos kindliche Stimme sprach für alle.
Die Antwort kam als Flüstern. »Teufel.«
»Racheengel.«
»Der Tod.«
Und dann sagte Grego die Wahrheit, denn er wußte, was sie sein mußten, obwohl es unvorstellbar war. »Krabbler«, sagte er. »Krabbler, hier auf Lusitania.«
Sie flohen nicht von dem Ort, sondern wichen langsam vor den Geschöpfen zurück, deren Existenz niemand von ihnen vermutet hatte, deren Macht sie sich nur vorstellen konnten. Sie erinnerten sich an uralte Videos, die sie in der Schule gesehen hatten. Die Krabbler, die einst beinahe die gesamte Menschheit vernichtet hätten, bis sie ihrerseits von Ender dem Xenoziden vernichtet worden waren. Das Buch mit dem Titel Schwarmkönigin behauptete, sie seien eigentlich wunderschön gewesen und hätten nicht zu sterben brauchen. Doch als sie sie nun sahen, schwarze, schimmernde Exoskelette, tausend Linsen in ihren funkelnden grünen Augen, nahmen sie keine Schönheit wahr, sondern Entsetzen. Und als sie nach Hause gingen, gingen sie im Bewußtsein, daß nun diese Wesen und nicht die zwergenhaften, primitiven Schweinchen direkt außerhalb des Zauns auf sie warteten. Wenn sie zuvor in einem Gefängnis eingekerkert gewesen waren, waren sie nun mit Sicherheit in einem der Kreise der Hölle gefangen.
Schließlich befanden sich von allen Menschen nur noch Miro, Grego und Nimbo dort. Um sie herum beobachteten auch die Schweinchen die Neuankömmlinge voller Ehrfurcht – doch nicht voller Entsetzen, denn in ihren limbischen Knoten lauerten keine insektoiden Alpträume wie bei den Menschen. Außerdem waren die Krabbler als Retter und Beschützer zu ihnen gekommen. Sie beschäftigte weniger die Neugier auf diese Fremden als die Trauer um das, was sie verloren hatten.
»Mensch bat die Schwarmkönigin, ihnen zu helfen, doch sie hat gesagt, sie könne keine Menschen töten«, erklärte Miro. »Dann sah Jane über die Satelliten im Himmel das Feuer und unterrichtete Andrew Wiggin. Er sprach mit der Schwarmkönigin und sagte ihr, was zu tun sei. Daß sie niemanden töten muß.«