Выбрать главу

»Sie werden uns nicht töten?« fragte Nimbo.

Grego begriff, daß Nimbo in diesen letzten Minuten erwartet hatte, er müsse sterben. Dann kam ihm in den Sinn, daß auch er damit gerechnet hatte – daß er erst jetzt, mit Miros Erklärung, sicher war, daß sie nicht gekommen waren, um ihn und Nimbo für das zu bestrafen, was sie heute abend in Bewegung gesetzt hatten. Oder eher, was Grego in Bewegung gesetzt hatte, bereit für den kleinen Anstoß, den Nimbo in aller Unschuld gegeben hatte.

Langsam kniete Grego nieder und setzte den Jungen ab. Seine Arme gehorchten kaum noch seinem Willen, und der Schmerz in seiner Schulter war unerträglich. Er begann zu weinen, doch nicht vor Schmerz.

Die Krabbler bewegten sich nun sehr schnell. Die meisten blieben auf dem Boden und eilten davon, um Beobachtungsposten um die Stadt zu beziehen. Einige kehrten zu den Flugplattformen zurück, einer zu jeder Maschine, und zogen sie wieder hoch, flogen über den brennenden Wald und versprühten etwas, das das Feuer bedeckte und langsam erstickte.

Bischof Peregrino stand auf der niedrigen Grundmauer, die erst an diesem Morgen gezogen worden war. Die Bürger Lusitanias hatten sich allesamt versammelt und saßen im Gras. Er benutzte einen kleinen Verstärker, damit niemand seine Worte überhören konnte. Doch er hätte ihn wahrscheinlich nicht gebraucht – alle schwiegen, selbst die kleinen Kinder, die die ernste Stimmung mitzubekommen schienen.

Hinter dem Bischof lag der Wald, geschwärzt, aber nicht völlig leblos – ein paar Bäume grünten schon wieder. Vor ihm lagen die mit Planen bedeckten Leichen, eine jede neben ihrem Grab. Die erste war die Quims – Vater Estevãos. Die anderen waren die der Menschen, die vor zwei Abenden unter den Bäumen und im Feuer gestorben waren.

»Diese Gräber werden der Boden der Kapelle sein, so daß wir immer, wenn wir sie betreten, auf die Körper der Toten treten werden. Die Leichen jener, die starben, während sie Mord und Zerstörung zu unseren Brüdern, den Pequeninos, brachten. Über allen die Leiche Vater Estevãos, der bei dem Versuch starb, einem Wald von Ketzern das Wort Jesu Christi zu bringen. Er starb als Märtyrer. Die anderen starben mit Mord in ihren Herzen und Blut an ihren Händen.

Ich spreche offen, so daß dieser Sprecher für die Toten nichts hinzufügen muß. Ich spreche offen, wie Moses zu den Kindern Israels sprach, nachdem sie das goldene Kalb angebetet und ihren Vertrag mit Gott bereut hatten. Von uns allen haben nur eine Handvoll keinen Teil an der Schuld für dieses Verbrechen. Vater Estevão, der rein starb und dessen Namen doch auf den blasphemischen Lippen jener Mörder war. Der Sprecher für die Toten, und die, die mit ihm fuhren, um die Leiche dieses Märtyrers nach Hause zu holen. Und Valentine, die Schwester des Sprechers, die den Bürgermeister und mich davor gewarnt hat, was passieren würde. Valentine kennt die Geschichte, sie kennt die Menschheit, doch der Bürgermeister und ich glaubten, euch zu kennen und zu wissen, daß ihr stärker seid als die Geschichte. Zu unserem Leidwesen seid ihr so unwürdig wie alle anderen Menschen auch, und das gilt auch für mich. Die Sünde liegt auf jedem von uns, der versucht haben könnte, dies aufzuhalten, und es nicht tat! Auf den Frauen, die nicht versucht haben, ihre Männer zu Hause zu halten. Auf den Männern, die zugesehen, aber nichts gesagt haben. Und auf allen, die die Fackeln in den Händen gehalten und einen verbrüderten Christenstamm für ein Verbrechen getötet haben, das dessen weitläufige Vettern einen halben Kontinent entfernt verübt haben.

Das Gesetz tut seinen kleinen Teil zur Gerechtigkeit dazu. Gerao Gregorio Ribeira von Hesse ist im Gefängnis, aber wegen eines anderen Verbrechens – des Verbrechens, unser Vertrauen verletzt und Geheimnisse verraten zu haben, die er nicht verraten durfte. Er ist nicht im Gefängnis wegen des Massakers an den Pequeninos, denn er hat keinen größeren Anteil an der Schuld als die anderen von euch, die ihm gefolgt sind. Versteht ihr mich? Die Schuld liegt auf uns allen, und wir alle müssen gemeinsam bereuen und gemeinsam Buße tun und beten, daß Jesus uns allen gemeinsam für die schreckliche Tat vergeben wird, die wir mit seinem Namen auf den Lippen begangen haben!

Ich stehe auf der Grundmauer dieser neuen Kapelle, die nach Vater Estevão benannt werden wird, dem Apostel der Pequeninos. Die Steine dieser Grundmauer wurden aus den Mauern unserer Kathedrale gebrochen – dort gibt es jetzt klaffende Löcher, durch die der Wind blasen und der Regen auf uns fallen kann, während wir beten. Und so wird die Kathedrale bleiben, beschädigt und aufgebrochen, bis diese Kapelle fertiggestellt ist.

Und wie werden wir sie fertigstellen? Ihr werdet nach Hause gehen und werdet die Mauern eurer eigenen Häuser aufbrechen und die herausfallenden Steine hierher bringen. Und auch ihr werdet eure Mauern aufgebrochen lassen, bis diese Kapelle fertiggestellt ist.

Dann werden wir Löcher in die Mauern jeder Fabrik reißen, in jedes Gebäudes unserer Kolonie, bis es keins mehr gibt, das nicht die Wunde unserer Sünde zeigt. Und all diese Wunden werden bleiben, bis die Mauern hoch genug sind, daß wir das Dach daraufsetzen können, was aus den versengten Stämmen bestehen wird, die im Wald fielen, als sie versuchten, ihr Volk vor unseren mörderischen Händen zu bewahren.

Und dann werden wir alle zu dieser Kapelle gehen und sie auf unseren Knien betreten, einer nach dem anderen, bis jeder von uns über die Gräber unserer Toten gekrochen ist, und unter den Leichen dieser uralten Brüder, die als Bäume im dritten Leben lebten, das unser gnädiger Gott ihnen gegeben hatte, bis wir es beendeten. Dort werden wir alle um Vergebung beten. Wir werden beten, daß unser verehrter Vater Estevão für uns spricht. Wir werden beten, daß Jesus unsere schreckliche Sünde in seine Buße einschließt, damit wir nicht die Ewigkeit in der Hölle verbringen müssen. Wir werden beten, daß Gott uns läutert.

Erst dann werden wir unsere beschädigten Mauern reparieren und unsere Häuser wiederherstellen. Das ist unsere Buße, meine Kinder. Laßt uns beten, daß sie ausreicht.«

In der Mitte einer mit Asche bestreuten Lichtung standen Ender, Valentine, Miro, Ela, Quara, Ouanda und Olhado und sahen zu, wie die geehrteste aller Gattinnen lebendig gehäutet und in den Boden gepflanzt wurde, damit aus dem Leichnam ihres zweiten Lebens ein neuer Mutterbaum wuchs. Als sie starb, griffen die überlebenden Gattinnen in einen Spalt im alten Mutterbaum und holten die Leichen der toten Kinder und kleinen Mütter heraus, die dort gelebt hatten, und legten sie auf den blutenden Körper, bis sie einen Hügel bildeten. Innerhalb von ein paar Stunden würde sich ihr Schößling durch die Leichen erheben und nach dem Sonnenlicht greifen.

Sie würde rasch wachsen, bis sie dick und hoch genug war, um eine Öffnung in ihren Stamm zu bilden. Wenn sie sich schnell genug öffnete, konnten die wenigen überlebenden Babys, die sich in der klaffenden Öffnung des alten, toten Mutterbaums festklammerten, in den kleinen neuen Hafen übersiedelt werden, den der neue Mutterbaum ihnen anbieten würde. Sollte es sich bei einigen der überlebenden Babys um kleine Mütter handeln, würde man sie zur Paarung zu den überlebenden Vaterbäumen Mensch und Wühler tragen. Sollten in ihren winzigen Körpern neue Babys empfangen werden, würde der Wald, der das Beste und Schlechteste erfahren hatte, was Menschen ihm antun konnten, überleben.

Falls nicht – falls die Babys alle männlich waren, falls die weiblichen unter ihnen unfruchtbar waren oder falls alle zu stark von den Hitze des Feuers verletzt worden waren oder falls die Tage des Hungers, die sie überstehen mußten, bis der neue Mutterbaum für sie bereit war, sie zu sehr schwächten –, würde der Wald mit diesen Brüdern und Gattinnen sterben, und Mensch und Wühler würden etwa ein Jahrtausend als stammlose Vaterbäume weiterleben. Vielleicht würden andere Stämme sie ehren und kleine Mütter zur Paarung zu ihnen bringen. Aber sie würden keine Väter ihres eigenen Stammes sein, umgeben von ihren Söhnen. Sie würden einsame Stämme ohne einen eigenen Wald sein, die einsamen Monumente der Arbeit, für die sie gelebt hatten: Menschen und Pequeninos zusammenzubringen.