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Was die Wut gegen Kriegmacher betraf, so war sie verebbt. Die Vaterbäume Lusitanias waren übereingekommen, daß jegliche moralische Schuld, die sie durch den Tod Vater Estevãos auf sich geladen hatten, durch das Gemetzel an den Wäldern Wühlers und Menschs mehr als beglichen worden war. In der Tat hatte Kriegmacher viel neue Gefolgschaft für seine Ketzerei gewonnen – denn hatten die Menschen nicht bewiesen, daß sie des Wortes Christi unwürdig waren? Die Pequeninos, so sagte Kriegmacher, waren auserwählt als Gefäße des Heiligen Geistes, während die Menschen eindeutig keinen Teil Gottes in sich trugen. Wir müssen keine weiteren Menschen mehr töten, sagte er. Wir müssen nur warten, und der Heilige Geist wird sie alle töten. Bis dahin hat Gott uns die Schwarmkönigin geschickt, um uns Sternenschiffe zu bauen. Wir werden den Heiligen Geist mit uns tragen, damit er über jede Welt urteilt, die wir besuchen. Wir werden der Racheengel sein. Wir werden Josua und die Israeliten sein, die Kanaan säubern, um Platz für Gottes auserwähltes Volk zu schaffen.

Viele Pequeninos glaubten ihm nun. Kriegmacher kam ihnen nicht mehr verrückt vor: Sie waren Zeugen der ersten Anzeichen der Apokalypse gesehen, als ein unschuldiger Wald in Flammen aufging. Viele Pequeninos hatten von der Menschheit nichts mehr zu lernen. Gott hatte keine weitere Verwendung für die Menschen.

Hier jedoch, in dieser von Asche übersäten Lichtung im Wald, glaubten die Brüder und Gattinnen, die über ihren neuen Mutterbaum Wache hielten, nicht an Kriegmachers Lehren. Sie, die die Menschen am besten von allen kannten, hatten sogar gewünscht, daß bei ihrem Versuch der Wiedergeburt Menschen als Zeugen und Helfer anwesend waren.

»Weil wir wissen«, sagte Pflanzer, der nun der Sprecher der überlebenden Brüder war, »daß nicht alle Menschen gleich sind, genau wie nicht alle Pequeninos gleich sind. In einigen von euch lebt Jesus, in anderen nicht. Wir sind nicht alle wie Kriegmachers Wald, und ihr seid nicht alle Mörder.«

So kam es, daß Pflanzer an dem Morgen, als es dem neuen Mutterbaum gelang, in ihrem schlanken Stamm eine Öffnung zu bilden und die Gattinnen vorsichtig die schwachen und hungrigen Kinder in ihr neues Heim trugen, Miros und Valentines Hände hielt. Es war noch zu früh, um es mit Sicherheit zu sagen, doch es bestand Grund zur Hoffnung: Der neue Mutterbaum hatte sich in nur anderthalb Tagen vorbereitet, und über drei Dutzend Kinder überlebten die Umsiedlung. Vielleicht war ein volles Dutzend davon weiblich und fruchtbar, und wenn nur ein Viertel davon so lange lebte, daß sie Junge bekamen, mochte der Wald wieder gedeihen.

Pflanzer zitterte. »Brüder haben so etwas noch nie gesehen, noch nie in der Geschichte der Welt.«

Mehrere Brüder knieten nieder und bekreuzigten sich. Viele hatten die gesamte Wache über gebetet. Das erinnerte Valentine an etwas, was Quara ihr erzählt hatte. Sie trat zu Miro und flüsterte: »Ela hat auch gebetet.«

»Ela?«

»Vor dem Feuer. Quara war am Schrein der Venerados. Sie hat zu Gott gebetet, uns einen Weg zur Lösung all unserer Probleme zu öffnen.«

»Dafür betet doch jeder.«

Valentine dachte daran, was in den Tagen seit Elas Gebet geschehen war. »Ich kann mir vorstellen, daß Gottes Antwort sie ganz schön enttäuscht hat.«

»Das ist meistens so.«

»Aber vielleicht ist der Umstand, daß der Mutterbaum sich so schnell geöffnet hat, der Beginn ihrer Antwort.«

Miro sah Valentine verwirrt an. »Bist du gläubig?«

»Sagen wir, ich bin argwöhnisch. Ich habe den Argwohn, daß es jemanden gibt, dem es nicht gleichgültig ist, was mit uns passiert. Das ist ein Schritt mehr als lediglich ein Wunsch. Und ein Schritt weniger als Hoffnung.«

Miro lächelte leicht, doch Valentine wußte nicht, ob es bedeutete, daß er zufrieden oder amüsiert war. »Was wird Gott dann als nächstes tun, um Elas Gebet zu beantworten?«

»Warten wir ab«, sagte Valentine. »Unsere Aufgabe ist die Entscheidung, was wir als nächstes tun. Wir müssen ja nur die tiefsten Geheimnisse des Universums lösen.«

»Tja, das sollte uns direkt auf den Weg zu Gott führen«, sagte Miro.

Dann traf Ouanda ein; als Xenologin hatte auch sie Wache gehalten, und obwohl sie jetzt keine Schicht hatte, war sie sofort losgeeilt, als man ihr die Nachricht von der Öffnung des Mutterbaums gebracht hatte. Ihre Ankunft hätte eigentlich Miros raschen Aufbruch bedeutet. Aber diesmal nicht. Valentine stellte zufrieden fest, daß Miros Blick weder auf Ouanda ruhte noch ihrem auswich; sie war einfach da und arbeitete genau wie er mit den Pequeninos. Zweifellos bemühte er sich, den Eindruck von Normalität vorzutäuschen, doch nach Valentines Erfahrung war Normalität immer eine Vortäuschung; die Menschen benahmen sich so, wie man es ihrer Meinung zufolge von ihnen erwartete. Miro hatte einfach einen Punkt erreicht, an dem er bereit war, sich Ouanda gegenüber normal zu benehmen, auch wenn es nicht seinen wirklichen Gefühlen entsprach. Und vielleicht war das auch gar nicht so falsch. Sie war jetzt doppelt so alt wie er und nicht mehr das Mädchen, das er geliebt hatte.

Sie hatten einander geliebt, aber nie miteinander geschlafen. Valentine war froh gewesen, als Miro ihr dies sagte, wenn auch mit wütendem Bedauern. Valentine hatte schon vor langem beobachtet, daß in einer Gesellschaft wie auf Lusitania, die Keuschheit und Treue erwartete, die Heranwachsenden, die ihre jugendliche Leidenschaft beherrschten und in die richtigen Kanäle leiteten, zu starken und zivilisierten Erwachsenen heranwuchsen. Heranwachsende in solch einer Gemeinschaft, die entweder zu schwach waren, um sich zu beherrschen, oder zu große Verachtung für die Normen der Gesellschaft empfanden, endeten normalerweise als Schafe oder Wölfe – entweder als geistlose Mitglieder der Herde oder als Raubtiere, die nahmen, was sie konnten, und nichts gaben.

Als sie Miro kennengelernt hatte, hatte sie befürchtet, er sei ein Schwächling voller Selbstmitleid oder ein ichbezogenes Raubtier, das seine Beschränkungen bedauerte. Dem war jedoch nicht so. Er mochte nun seine Keuschheit als Heranwachsender bedauern – es war ganz natürlich, daß er sich wünschte, mit Ouanda geschlafen zu haben –, doch Valentine bedauerte es nicht. Es zeigte, daß Miro innere Stärke und ein Gefühl der Verantwortung für seine Gemeinde hatte. Valentine hatte voraussagen können, daß Miro den Mob in jenem kritischen Augenblick, der Wühler und Mensch schließlich retten sollte, ganz allein zurückhalten würde.

Genauso voraussagbar war, daß Miro und Ouanda nun die große Anstrengung unternehmen würden, so zu tun, als wären sie einfach zwei Menschen, die ihre Arbeit machten – daß alles ganz normal zwischen ihnen war. Innere Stärke und Respekt nach außen. Das sind die Menschen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten, die führen. Im Gegensatz zu den Schafen und Wölfen spielen sie eine viel bessere Rolle, als das Drehbuch ihrer inneren Ängste und Begehren eigentlich für sie vorsah. Sie führten ein Drehbuch des Anstands, der Selbstopferung, der öffentlichen Ehre aus – der Zivilisation. Und so wird aus dem Vortäuschen Wirklichkeit. Es gibt wirklich Zivilisation in der menschlichen Geschichte, dachte Valentine, aber nur wegen solchen Leuten. Den Schäfern.

Novinha traf ihn auf der Schwelle der Schule. Sie stützte sich auf den Arm Dona Cristas, der vierten Prinzipalin der Kinder des Geistes Christi, seit Ender nach Lusitania gekommen war.

»Ich habe dir nichts zu sagen«, sagte Novinha. »Dem Gesetz nach sind wir noch verheiratet, aber das ist auch alles.«

»Ich habe deinen Sohn nicht getötet«, sagte er.

»Aber du hast ihn auch nicht gerettet.«