»Ich liebe dich«, sagte Ender.
»Soweit du überhaupt lieben kannst«, erwiderte sie. »Und dann auch nur, wenn du etwas Zeit hast, weil du gerade nicht auf alle anderen aufpassen mußt. Du hältst dich für eine Art Schutzengel, der für das ganze Universum verantwortlich ist. Ich habe dich nur gebeten, die Verantwortung für meine Familie zu übernehmen. Du bist gut darin, Billiarden Menschen zu lieben, aber nicht so gut bei einem Dutzend, und bei einem einzigen bist du ein völliger Versager.«
Es war ein hartes Urteil, und er wußte, daß es nicht stimmte, doch er wollte nicht streiten. »Bitte, komm nach Hause«, sagte er. »Du liebst mich und brauchst mich so sehr, wie ich dich brauche.«
»Das ist jetzt mein Heim. Ich habe aufgehört, dich oder sonstwen zu brauchen. Und wenn das alles ist, was du mir sagen willst, verschwendest du nur meine und deine Zeit.«
»Nein, das ist nicht alles.«
Sie wartete.
»Die Unterlagen im Labor. Du hast sie alle versiegelt. Wir müssen eine Lösung des Descolada-Problems finden, bevor es uns alle vernichtet.«
Sie bedachte ihn mit ihrem verbitterten Lächeln. »Warum belästigst du mich damit? Jane kommt doch an meinem Paßwort vorbei, oder nicht?«
»Sie hat es noch nicht versucht«, sagte er.
»Zweifellos, um Rücksicht auf meine Gefühle zu nehmen. Aber sie kann es, nicht wahr?«
»Wahrscheinlich.«
»Dann soll sie es tun. Sie ist alles, was du jetzt brauchst. Du hast mich eigentlich nie gebraucht, nicht, solange du sie hattest.«
»Ich habe versucht, dir ein guter Mann zu sein«, sagte Ender. »Ich habe nie gesagt, ich könne dich vor allem beschützen, aber ich habe getan, was ich konnte.«
»Wenn du alles getan hättest, würde mein Estevão noch leben.«
Sie wandte sich ab, und Dona Crista begleitete sie in die Schule zurück. Ender sah ihr nach, bis sie um eine Ecke bog. Dann drehte er sich um und verließ die Schule. Er war sich nicht sicher, wohin er ging, nur, daß er dorthin mußte.
»Es tut mir leid«, sagte Jane leise.
»Ja.«
»Wenn ich tot bin«, sagte sie, »wird Novinha vielleicht zu dir zurückkommen.«
»Wenn ich es verhindern kann, wirst du nicht sterben.«
»Aber du kannst es nicht. Sie werden mich in ein paar Monaten abschalten.«
»Halt den Mund«, sagte er.
»Es ist nur die Wahrheit.«
»Halt den Mund und laß mich nachdenken.«
»Was ist, willst du mich retten? Du hast in letzter Zeit nicht viel Erfolg damit, den Retter zu spielen.«
Er antwortete nicht, und sie schwieg den Rest des Nachmittags über. Er ging durch das Tor, wanderte aber nicht in den Wald. Statt dessen verbrachte er den Nachmittag im Grasland, allein, unter der heißen Sonne.
Manchmal dachte er nach, versuchte, sich mit den Problemen zu befassen, die noch über ihnen schwebten: die Flotte, die gegen sie zu Felde zog, der Tag, an dem man Jane abschalten würde, die ständigen Versuche der Descolada, die Menschen von Lusitania zu vernichten, Kriegmachers Plan, die Descolada in der gesamten Galaxis zu verbreiten, die heikle Lage in der Stadt, nun, da die Schwarmkönigin ständig Wache über den Zaun hielt, und ihre bittere Buße, die sie an den Mauern ihrer eigenen Häuser reißen ließ.
Und manchmal war sein Geist fast bar aller Gedanken, während er im Gras saß oder lag, zu betäubt, um zu weinen, während ihr Gesicht durch sein Gedächtnis glitt, seine Lippen, die Zunge und die Zähne ihren Namen bildeten, er stumme Bitten an sie richtete und doch wußte, daß sie ihm, selbst wenn er rief, selbst wenn sie seine Stimme hören sollte, nicht antworten würde.
Novinha.
Kapitel 13
Freier Wille
›Einige von uns glauben, man sollte die Menschen daran hindern, über die Descolada zu forschen. Die Descolada ist das Herz unseres Lebenszyklus. Wir befürchten, daß sie eine Möglichkeit finden werden, die Descolada auf der ganzen Welt zu töten, und das würde uns in einer Generation vernichten.‹
›Und wenn es euch gelänge, die Menschen an der Forschung über die Descolada zu hindern, wären sie mit Sicherheit innerhalb von ein paar Jahren ausgemerzt.‹
›Ist die Descolada so gefährlich? Warum können sie sie nicht weiterhin so im Zaum halten, wie es jetzt der Fall ist?‹
›Weil die Descolada nicht nur zufällig mutiert. Sie ist intelligent und paßt sich an, um uns zu vernichten.‹
›Uns? Dich?‹
›Wir kämpfen schon die ganze Zeit über gegen die Descolada. Nicht in Laboratorien, wie die Menschen, aber in uns selbst. Bevor ich Eier lege, durchlaufe ich eine Phase, in der ich ihre Körper darauf vorbereite, alle Antikörper herzustellen, die sie im Lauf ihres Lebens brauchen werden. Wir erkennen, wenn die Descolada anfängt, sich zu verändern, weil dann auch die Arbeiter zu sterben anfangen. Dann bildet ein Organ in der Nähe meiner Eierstöcke neue Antikörper, und wir legen Eier für neue Arbeiter, die der veränderten Descolada widerstehen können.‹
›Also versuchst auch du, sie zu vernichten.‹
›Nein. Unser Prozeß läuft völlig unbewußt ab. Er findet ohne bewußte Einmischung im Körper der Schwarmkönigin statt. Wir können nicht mehr tun, als der derzeitigen Gefahr zu begegnen. Unser Immunitätsorgan ist viel wirksamer und anpassungsfähiger als irgend etwas im menschlichen Körper, doch auf lange Sicht werden wir dasselbe Schicksal wie die Menschen erleiden, wenn die Descolada nicht vernichtet wird. Der Unterschied ist, falls wir von der Descolada ausgemerzt werden, gibt es keine andere Schwarmkönigin im Universum mehr, die das Bestehen unserer Rasse gewährleisten könnte. Wir sind die letzte.‹
›Dann ist dein Fall noch verzweifelter als ihrer.‹
›Und wir sind sogar noch hilfloser dagegen. Wir haben keine Wissenschaft der Biologie, die über Begriffe der simplen Landwirtschaft hinausgeht. Unsere natürlichen Methoden waren bei der Krankheitsbekämpfung so effektiv, daß wir niemals den gleichen Drang wie die Menschen hatten, das Leben zu verstehen und beherrschen.‹
›Dann gibt es also keine andere Möglichkeit? Entweder wir werden vernichtet, oder ihr und die Menschen werdet vernichtet. Wenn die Descolada bestehen bleibt, tötet sie euch. Wenn sie aufgehalten wird, sterben wir.‹
›Das ist eure Welt. Die Descolada ist in euren Körpern. Wenn die Zeit kommt, zwischen euch und uns eine Wahl zu treffen, werdet ihr es sein, die überleben.‹
›Du sprichst für dich, mein Freund. Doch was werden die Menschen tun?‹
›Wenn sie die Macht haben, die Descolada auf eine Art und Weise zu vernichten, die auch euch vernichten würde, werden wir ihnen verbieten, diese Macht einzusetzen.‹
›Verbieten? Wann haben die Menschen je gehorcht?‹
›Wir verbieten niemals, wenn wir nicht auch die Macht haben, das Verbot durchzusetzen.‹
›Ah.‹
›Das ist eure Welt. Ender weiß dies. Und sollten die anderen Menschen es je vergessen, wird er sie daran erinnern.‹
›Ich habe noch eine Frage.‹
›Stelle sie.‹
›Was ist mit denen wie Kriegmacher, die die Descolada im Universum verbreiten wollen? Wirst du es ihnen auch verbieten?‹
›Sie dürfen die Descolada nicht zu Welten tragen, auf denen es bereits mehrzelliges Leben gibt.‹
›Aber genau das haben sie vor.‹
›Sie dürfen es nicht.‹
›Aber du baust Sternenschiffe für uns. Sobald sie die Kontrolle über ein Sternenschiff haben, können sie fliegen, wohin sie wollen.‹
›Sie dürfen es nicht.‹
›Also verbietest du es ihnen?‹
›Wir verbieten niemals, wenn wir nicht auch die Macht haben, das Verbot durchzusetzen.‹