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»Das ist Freiheit?« sagte Meister Hand. »Selbst jetzt ist mein Drang, mich zu reinigen, fast unwiderstehlich.«

»Dann widerstehe ihm nicht«, sagte Jane. »Ich kann mit dir sprechen, während du dich windest.«

Augenblicklich streckte Meister Hand die Arme aus und wand sie in seinem Ritual der Läuterung in der Luft. Wang-mu wandte das Gesicht ab.

»Tu das nicht«, sagte Meister Han. »Verberge dein Gesicht nicht vor mir. Ich muß mich nicht schämen, dir das zu zeigen. Ich bin ein Krüppel, mehr nicht; hätte ich ein Bein verloren, hätten meine engsten Freunde keine Scheu, den Stumpf zu sehen.«

Wang-mu sah die Weisheit in seinen Worten und wandte das Gesicht nicht von seinem Makel ab.

»Wie ich gerade sagte«, fuhr Jane fort, »zufällig ist ein einziges Mitglied dieser neuen Spezies jedoch gewissermaßen frei vom Kongreß. Ich hoffe, in den wenigen Monaten, die mir verbleiben, auf deine Hilfe bei dem rechnen zu können, was ich bewerkstelligen will.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Meister Han.

»Und wenn ich helfen kann, bin ich gern dazu bereit«, sagte Wang-mu. Erst, nachdem sie es gesagt hatte, begriff sie, wie lächerlich es war, daß sie solch ein Angebot machte. Meister Han war einer der Gottberührten, einer von jenen mit überlegenen intellektuellen Fähigkeiten. Sie hingegen war nur ein ungebildetes Mitglied der normalen Menschheit, das nichts anzubieten hatte.

Und doch spottete keiner über ihre Angebot, und Jane akzeptierte es großzügig. Diese Freundlichkeit bewies Wang-mu erneut, daß Jane ein Lebewesen sein mußte, nicht nur eine Simulation.

»Laßt mich euch die Probleme erklären, die ich zu bewältigen hoffe.«

Sie hörten zu.

»Wie ihr wißt, befinden sich meine liebsten Freunde auf dem Planeten Lusitania. Sie werden von der Lusitania-Flotte bedroht. Ich bin sehr daran interessiert zu verhindern, daß diese Flotte einen nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichtet.«

»Mittlerweile hat die Flotte bestimmt schon den Befehl bekommen, den Kleinen Doktor einzusetzen«, sagte Meister Han.

»Oh, ja, das weiß ich. Ich möchte verhindern, daß dieser Befehl nicht nur die Menschen von Lusitania, sondern auch zwei weitere Ramann-Spezies vernichtet.« Dann berichtete Jane ihnen von der Schwarmkönigin und wie es dazu gekommen war, daß im Universum wieder Krabbler lebten. »Die Schwarmkönigin baut bereits Sternenschiffe und treibt sich bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit an, um vor dem Eintreffen der Flotte soviel wie möglich zu bewältigen. Doch es besteht keine Chance, genug Sternenschiffe zu bauen, um mehr als einen winzigen Bruchteil der Bewohner Lusitanias zu retten. Die Schwarmkönigin kann fliehen oder eine andere Königin fortschicken, die all ihre Erinnerungen teilt, und es ist für sie kaum von Belang, ob ihre Arbeiter sie begleiten oder nicht. Doch die Pequeninos und die Menschen sind nicht so unabhängig. Ich möchte sie gern allesamt retten. Besonders, weil meine liebsten Freunde, ein gewisser Sprecher für die Toten und ein junger Mann, der an einem Gehirnschaden leidet, sich weigern werden, Lusitania zu verlassen, bevor nicht alle anderen Menschen und Pequeninos in Sicherheit sind.«

»Dann sind sie also Helden?« fragte Meister Han.

»Das hat jeder von ihnen in der Vergangenheit mehrmals bewiesen«, sagte Jane.

»Ich war mir nicht sicher, ob es in der menschlichen Rasse noch Helden gibt.«

Si Wang-mu sprach nicht aus, was sie in ihrem Herzen dachte: daß Meister Han selbst solch ein Held war.

»Ich ziehe alle Möglichkeiten in Betracht«, sagte Jane. »Aber es läuft alles auf eine Unmöglichkeit hinaus; das glaubt die Menschheit zumindest seit über dreitausend Jahren. Wenn wir ein Raumschiff bauen könnten, das schneller als das Licht fliegt, das so schnell fliegt, wie der Verkürzer die Nachrichten von einer Welt zur anderen gibt, dann müßte die Schwarmkönigin nur ein Dutzend Sternenschiffe bauen, und sie könnten problemlos alle Bewohner Lusitanias auf andere Planeten bringen, bevor die Lusitania-Flotte dort eintrifft.«

»Wenn man wirklich solch ein Sternenschiff bauen könnte«, sagte Han Fei-tzu, »könnte man eine eigene Flotte schaffen, die die Lusitania-Flotte angreifen und vernichten könnte, bevor sie irgendwelchen Schaden anrichten kann.«

»Das ist unmöglich«, sagte Jane.

»Du kannst dir eine überlichtschnelle Reise vorstellen, aber nicht, die Lusitania-Flotte zu vernichten?«

»Oh, ich kann es mir schon vorstellen«, sagte Jane. »Aber die Schwarmkönigin würde die Flotte nicht bauen. Sie hat Andrew gesagt, meinem Freund, dem Sprecher für die Toten…«

»Valentines Bruder«, sagte Wang-mu. »Er lebt also?«

»Die Schwarmkönigin hat ihm gesagt, daß sie niemals eine Waffe bauen wird, aus welchem Grund auch immer.«

»Nicht einmal, um die eigene Spezies zu retten?«

»Sie wird das eine Sternenschiff zur Verfügung haben, das sie braucht, um den Planeten zu verlassen, und die anderen werden auch genug Sternenschiffe haben, um ihre Spezies zu retten. Damit gibt sie sich zufrieden. Es besteht kein Grund, jemanden zu töten.«

»Aber wenn es nach dem Willen des Kongresses geht, werden Millionen sterben!«

»Das fällt in die Verantwortung des Kongresses«, sagte Jane. »Zumindest gibt sie diese Antwort immer Andrew, wenn er das Thema darauf bringt.«

»Was für eine seltsame moralische Argumentation ist das?«

»Du vergißt, daß sie erst vor kurzem die Existenz anderen intelligenten Lebens entdeckt hat und es fast vernichtet hätte. Dann hat dieses andere intelligente Leben beinahe sie vernichtet. Aber ihre moralische Einstellung wurde viel stärker von der Tatsache beeinflußt, daß sie selbst beinahe das Verbrechen des Xenozids begangen hätte. Sie kann andere Spezies nicht davon abhalten, so etwas zu tun, aber sie kann sicherstellen, daß sie selbst es nicht mehr tut. Sie wird nur noch töten, wenn das die einzige Hoffnung ist, die Existenz ihrer Spezies zu retten. Und da sie eine andere Hoffnung hat, wird sie kein Kriegsschiff bauen.«

»Überlichtschnelle Reise«, sagte Meister Han. »Ist das deine einzige Hoffnung?«

»Die einzige, die mir einfällt, in der der Schimmer einer Möglichkeit liegt. Zumindest wissen wir, daß sich etwas im Universum überlichtschnell bewegt – Informationen werden ohne feststellbaren Zeitverlust von einem Verkürzer zum anderen am philotischen Strang entlanggeschickt. Ein intelligenter junger Physiker auf Lusitania, der im Augenblick im Gefängnis sitzt, verbringt seine Tage und Nächte mit der Arbeit an diesem Problem. Ich führe alle Berechnungen und Simulationen für ihn durch. In genau diesem Augenblick testet er eine Hypothese über die Natur der Philoten, indem er ein so komplexes Modell benutzt, daß ich allein für den Ablauf des Programms Rechenzeit der Computer von fast tausend verschiedenen Universitäten stehle. Es gibt Hoffnung.«

»Solange man lebt, gibt es Hoffnung«, sagte Wang-mu. »Wer wird so umfangreiche Experimente für ihn durchführen, sobald du tot bist?«

»Deshalb ist die Sache ja so dringend«, sagte Jane.

»Wofür brauchst du mich?« fragte Meister Han. »Ich bin kein Physiker, und es besteht keine Aussicht, daß ich in den nächsten paar Monaten genug lernen kann, um dir irgendwie helfen zu können. Wenn überhaupt, kann es dein im Gefängnis sitzender Physiker schaffen. Oder du selbst.«

»Jeder braucht einen unbefangenen Kritiker, der sagt: Hast du daran gedacht? Oder auch: Schluß mit dieser Sackgasse, steige auf einen anderen Gedankengang um. Dafür brauche ich dich. Wir werden dir unsere Arbeit zur Verfügung stellen, und du wirst sie begutachten und dazu sagen, was immer dir einfällt. Du kannst nicht wissen, welches zufällige Wort von dir die Idee auslösen wird, nach der wir suchen.«