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Jane unterbrach ihn. »Han Fei-tzu, sei klug. Wang-mu ist als Dienerin unsichtbar. Du als Herr des Hauses bist so unauffällig wie ein Tiger auf einem Spielplatz. Nichts, was du tust, bleibt unbemerkt. Laß Wang-mu tun, was sie am besten kann.«

Kluge Worte, dachte Wang-mu. Doch warum bittest du mich, die Arbeit von Wissenschaftlern zu tun, wenn jede Person das tun sollte, was sie am besten kann? Aber sie schwieg. Jane ließ sie anfangen, indem sie sich selbst Gewebeproben entnahmen; danach schickte sich Wang-mu an, Gewebeproben vom Rest des Haushalts zu sammeln. Das meiste, was sie brauchte, fand sie an Kämmen und schmutziger Kleidung. Innerhalb von ein paar Tagen hatte sie Proben von einem Dutzend gottberührter Besucher gesammelt, die meisten ebenfalls von deren Kleidung. Niemand mußte Stuhlproben sammeln. Doch sie wäre dazu bereit gewesen.

Qing-jao bemerkte sie natürlich, ignorierte sie jedoch. Es schmerzte Wang-mu, daß Qing-jao sie so kalt behandelte, denn sie waren einmal Freundinnen gewesen, und Wang-mu hatte sie noch immer gern, zumindest die junge Frau, die Qing-jao vor der Krise gewesen war. Doch Wang-mu konnte nichts sagen oder tun, um ihre Freundschaft wiederherzustellen. Sie hatte einen anderen Weg gewählt.

Wang-mu hielt alle Gewebeproben sorgfältig voneinander getrennt und beschriftet. Doch anstatt sie zu einem medizinischen Labor zu bringen, fand sie eine viel einfachere Möglichkeit, sie untersuchen zu lassen. Sie zog alte Gewänder von Qing-jao an, so daß sie wie eine gottberührte Studentin und nicht wie ein Dienstmädchen aussah, ging sie zur nächsten Universität, sagte dort, sie arbeite an einem Projekt, dessen Natur sie nicht enthüllen könne, und bat bescheiden um eine Untersuchung der Gewebeproben. Wie erwartet, stellte man einer Gottberührten keine Fragen, nicht einmal einer völlig Fremden. Sie führten die Molekularuntersuchungen durch, und Wang-mu konnte nur davon ausgehen, daß Jane wie versprochen die Kontrolle über den Computer übernommen und alle Untersuchungen durchgeführt hatte, die Ela benötigte.

Auf dem Rückweg von der Universität verbrannte Wang-mu alle Proben und den Bericht, den sie bekommen hatte. Jane hatte, was sie brauchte, und Wang-mu wollte das Risiko vermeiden, daß Qing-jao oder vielleicht ein Diener im Haus, der für den Kongreß spionierte, herausfand, daß Han Fei-tzu ein biologisches Experiment durchführte. Und es war ausgeschlossen, daß jemand sie, die Dienerin Si Wang-mu, als die junge Gottberührte erkannte, die die Universität besucht hatte. Niemand, der nach einer Gottberührten suchte, würde einer Dienerin wie ihr auch nur einen Blick widmen.

»Also hast du deine Frau verloren, und ich meine«, sagte Miro.

Ender seufzte. Gelegentlich wurde Miro redselig, und da die Verbitterung immer in seinen Worten lauerte, pflegten seine Plaudereien stets zur Sache zu kommen. Ender konnte ihm seine Gesprächigkeit nicht übelnehmen – er und Valentine waren fast die einzigen Menschen, die Miros langsamer Sprache zuhören konnten, ohne ihm anzudeuten, er solle sich beeilen. Miro verbrachte so viel Zeit mit seinen angehäuften, nicht zum Ausdruck gebrachten Gedanken, daß es grausam wäre, ihn zum Schweigen zu bringen.

Ender war nicht angetan, daran erinnert zu werden, daß Novinha ihn verlassen hatte. Er versuchte, diesen Gedanken zu verdrängen, während er sich anderen Problemen widmete – hauptsächlich der Frage, wie Jane überleben konnte. Doch bei Miros Worten kehrte dieses schmerzhafte, der Panik verwandte Gefühl zurück. Sie ist nicht hier. Ich kann nicht einfach etwas sagen, und sie antwortet. Ich kann nicht einfach eine Frage stellen, und sie erinnert sich. Ich kann nicht einfach nach ihrer Hand greifen. Und am schrecklichsten war der Gedanke: Vielleicht werde ich das nie wieder können.

»Ich glaube schon«, sagte Ender.

»Du wirst sie wahrscheinlich nicht vergleichen wollen«, sagte Miro. »Schließlich war sie dreißig Jahre lang deine Ehefrau, und Ouanda war vielleicht fünf Jahre lang meine Freundin. Aber das ist nur von der Pubertät an gerechnet. Sie war meine Freundin, meine engste Freundin, von Ela vielleicht einmal abgesehen, seit ich klein war. Wenn du also darüber nachdenkst, war ich die größte Zeit meines Lebens mit Ouanda zusammen, während du nur dein halbes Leben mit Mutter zusammenwarst.«

»Jetzt fühle ich mich besser«, sagte Ender.

»Sei nicht sauer auf mich«, sagte Miro.

»Mach mich nicht sauer«, sagte Ender.

Miro lachte. »Warum so verdrossen, Andrew?« krächzte er. »Bist du etwas daneben?«

Das war zuviel. Ender fuhr mit seinem Stuhl herum, wandte sich von dem Terminal ab, auf dem er ein vereinfachtes Modell des Verkürzer-Netzwerks betrachtet und herauszufinden versucht hatte, wo sich in diesem zufälligen Durcheinander vielleicht Janes Seele befinden mochte. Er sah Miro ununterbrochen an, bis der Krüppel zu lachen aufhörte.

»Tue ich das dir an?« fragte Ender.

Miro wirkte eher wütend als bestürzt. »Vielleicht solltest du das«, sagte er. »Hast du je darüber nachgedacht? Ihr seid so respektvoll, ihr alle. Laß Miro ja seine Würde. Laßt ihn seinen Gedanken nachhängen, bis er verrückt wird. Sprecht einfach nicht mit ihm darüber, was ihm passiert ist. Bist du nie darauf gekommen, daß ich vielleicht jemanden brauche, der mich aus dieser Ecke holt?«

»Bist du nicht darauf gekommen, daß ich vielleicht so jemanden nicht brauche?«

Miro lachte erneut. »Touché«, sagte er. »Du behandelst mich, wie du behandelt werden willst, wenn du trauerst, und nun behandele ich dich, wie ich behandelt werden wir. Wir verschreiben einander unsere eigene Medizin.«

»Deine Mutter und ich sind noch immer verheiratet«, sagte Ender.

»Ich will dir was sagen«, entgegnete Miro, »aus der Weisheit meiner vielleicht zwanzig Lebensjahre. Es ist leichter, wenn du dir endlich eingestehst, daß du sie nicht mehr zurückbekommst.«

»Ouanda ist unerreichbar. Novinha nicht.«

»Sie ist bei den Kindern des Geistes Christi. Das ist ein Nonnenkloster, Andrew.«

»Keineswegs«, sagte Ender. »Es ist ein Klosterorden, dem nur Ehepaare beitreten können. Ohne mich kann sie ihm nicht angehören.«

»Ha«, sagte Miro. »Du kannst sie zurückbekommen, wenn du den Filhos beitrittst. Ich sehe dich schon als Dom Cristao.«

Ender konnte nicht umhin, über diese Vorstellung zu kichern. »In getrennten Betten schlafen. Die ganze Zeit über beten. Sich nie berühren.«

»Wenn das eine Ehe ist, Andrew, dann sind Ouanda und ich verheiratet.«

»Es ist eine Ehe, Miro. Weil die Ehepaare der Filhos da Mente de Cristo zusammenarbeiten, etwas gemeinsam tun.«

»Dann sind wir verheiratet«, sagte Miro. »Du und ich. Weil wir versuchen, Jane gemeinsam zu retten.«

»Nur Freunde«, sagte Ender. »Wir sind nur Freunde.«

»Rivalen ist wohl der bessere Ausdruck. Jane hält uns wie Liebhaber in den Startlöchern.«

Miro klang zu sehr wie Novinha, als sie Ender Vorwürfe über Jane gemacht hatte. »Wir sind wohl kaum Liebhaber«, sagte er. »Jane ist kein Mensch. Sie hat nicht einmal einen Körper.«

»Überaus logisch von dir«, entgegnete Miro. »Hast du nicht gerade gesagt, du und Mutter, ihr könntet verheiratet sein, ohne euch jemals zu berühren?«

Diese Analogie gefiel Ender nicht, denn es schien eine gewisse Wahrheit in ihr zu sein. Hatte Novinha recht gehabt, auf Jane eifersüchtig zu sein, wie sie es so viele Jahre lang gewesen war?

»Sie lebt praktisch in unseren Köpfen«, sagte Miro. »Das ist ein Ort, an den keine Ehefrau jemals gelangen kann.«

»Ich hatte immer angenommen«, sagte Ender, »daß deine Mutter auf Jane eifersüchtig war, weil sie gern jemanden gehabt hätte, der ihr so nahe stand.«

»Bobagem«, sagte Miro. »Lixo.« Blödsinn. Mist. »Mutter war eifersüchtig auf Jane, weil sie unbedingt dir so nahe sein wollte und es nie sein konnte.«