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»Nicht deine Mutter. Sie war immer unabhängig. Es gab Zeiten, in denen wir uns sehr nahe standen, doch sie kehrte immer wieder zu ihrer Arbeit zurück.«

»Wie du immer wieder zu Jane zurückgekehrt bist.«

»Hat sie dir das gesagt?«

»Nicht mit so vielen Worten. Doch du hast mit ihr gesprochen, und dann verstummtest du plötzlich, und obwohl du sehr gut subvokalisieren kannst, bewegst du die Kiefer dabei immer ganz leicht, und deine Augen und Lippen reagieren ein wenig auf das, was Jane zu dir sagt. Sie hat es gesehen. Du warst ganz nahe bei Mutter, und dann warst du plötzlich ganz woanders.«

»Nicht das hat uns getrennt«, sagte Ender. »Es war Quims Tod.«

»Quims Tod war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Wäre Jane nicht gewesen, hätte Mutter wirklich geglaubt, daß du mit Herz und Seele zu ihr gehörst, hätte sie sich an dich gewandt, als Quim starb, und nicht von dir weg.«

Miro hatte das ausgesprochen, was Ender die ganze Zeit über befürchtet hatte. Daß es seine eigene Schuld war. Daß er nicht der perfekte Ehemann gewesen war. Daß er sie fortgetrieben hatte. Und am schlimmsten war, als Miro es sagte, wußte Ender, daß es stimmte. Das Gefühl des Verlustes, das ihm schon unerträglich vorgekommen war, verdoppelte sich plötzlich, potenzierte sich, wurde unendlich in ihm.

Er fühlte Miros Hand schwer und unbeholfen auf seiner Schulter.

»Gott ist mein Zeuge, Andrew, ich wollte dich nicht zum Weinen bringen.«

»Das kann passieren«, sagte Ender.

»Es ist nicht ausschließlich deine Schuld«, sagte Miro. »Oder Janes. Du darfst nicht vergessen, daß Mutter ziemlich plemplem ist. Das war sie schon immer.«

»Sie hatte als Kind sehr viel zu ertragen.«

»Sie hat jeden verloren, den sie je geliebt hat, einen nach dem anderen.«

»Und ich ließ sie glauben, daß sie auch mich verloren hat.«

»Was hättest du tun können, Jane abschalten? Das hast du einmal versucht, weißt du noch?«

»Der Unterschied ist, daß sie jetzt dich hat. Die ganze Zeit über, die du fort warst, hätte ich Jane aufgeben können, denn sie hatte dich. Ich hätte weniger mit ihr sprechen, sie bitten können, den Kontakt einzuschränken. Sie hätte mir verziehen.«

»Vielleicht«, sagte Miro. »Aber du hast es nicht getan.«

»Weil ich es nicht wollte«, sagte Ender. »Weil ich sie nicht aufgeben wollte. Weil ich glaubte, diese alte Freundschaft bewahren und gleichzeitig meiner Frau ein guter Ehemann sein zu können.«

»Es war nicht nur Jane«, sagte Miro. »Es war auch Valentine.«

»Wahrscheinlich. Was soll ich jetzt also tun? Den Filhos beitreten und warten, bis die Flotte eintrifft und uns alle in die Hölle schickt?«

»Du tust, was ich tue.«

»Und das wäre?«

»Du atmest tief durch. Du läßt es heraus. Dann atmest du wieder tief ein.«

Ender dachte einen Augenblick lang darüber nach. »Das kann ich nicht. Das habe ich getan, seit ich klein war.«

Miros Hand blieb noch einen Moment auf seiner Schulter. Deshalb hätte ich selbst einen Sohn haben sollen, dachte Ender. Damit er sich auf mich stützen kann, solange er noch klein ist, und damit ich mich auf ihn stützen kann, wenn ich alt bin. Aber ich hatte nie ein eigenes Kind. Ich bin wie der alte Marcao, Novinhas erster Mann. Umgeben von diesem Kindern und zu wissen, daß es nicht meine eigenen sind. Der Unterschied ist, daß Miro ein Freund ist, nicht mein Feind. Und das ist schon etwas. Ich war ein schlechter Ehemann, doch ich kann noch Freundschaften schließen und bewahren.

»Höre auf, dich selbst zu bemitleiden, und mache dich wieder an die Arbeit.« Es war Jane, die in sein Ohr sprach, und sie hatte fast so lange gewartet, bevor sie sprach, daß er bereit war, sich von ihr aufziehen zu lassen. Fast, aber nicht ganz, und so verabscheute er ihre Einmischung. Verabscheute das Wissen, daß sie die ganze Zeit über zugehört und ihn beobachtet hatte.

»Jetzt bist du böse«, sagte sie.

Du weißt nicht, was ich fühle, dachte Ender. Du kannst es nicht wissen. Weil du kein Mensch bist.

»Du glaubst, ich wüßte nicht, was du fühlst«, sagte Jane.

Er verspürte einen kurzen Schwindel, weil es einen Augenblick lang den Anschein hatte, daß sie auf einer viel tieferen Ebene als der des Gesprächs mitgehört hatte.

»Aber auch ich habe dich einmal verloren.«

»Ich bin zurückgekommen«, subvokalisierte Ender.

»Niemals ganz«, sagte Jane. »Es war nie wie vorher. Also reibe dir ein paar dieser kleinen Tränen des Selbstmitleids von den Wangen und zähle sie, als wären es meine. Um einen kleinen Ausgleich zu schaffen.«

»Ich weiß nicht, warum ich mir die Mühe mache, dein Leben zu retten«, sagte Ender stumm.

»Ich auch nicht«, erwiderte Jane. »Ich sage dir immer wieder, daß es reine Zeitverschwendung ist.«

Ender wandte sich wieder dem Terminal zu. Miro stand neben ihm und betrachtete das Display, welches das Verkürzer-Netzwerk simulierte. Ender hatte keine Ahnung, was Jane zu Miro sagte – obwohl er sicher war, daß sie irgend etwas sagte, denn er hatte schon vor langem herausgefunden, daß Jane mehrere Gespräche gleichzeitig führen konnte. Er kam nicht dagegen an – es störte ihn ein wenig, daß Jane eine genauso enge Beziehung zu Miro hatte wie zu ihm.

Ist es nicht möglich, fragte er sich, daß ein Mensch einen anderen liebt, ohne zu versuchen, ihn zu besitzen? Oder ist das so tief in unseren Genen vergraben, daß wir ganz einfach nicht anders können? Das Revier abstecken. Meine Frau. Mein Freund. Meine Geliebte. Meine ungeheuerliche und lästige Computerpersönlichkeit, die wegen eines halbverrückten, genialen Mädchens mit UZV auf einem Planeten, von dem ich noch nie gehört habe, abgeschaltet wird. Wie soll ich ohne Jane leben, wenn sie nicht mehr ist?

Ender zoomte immer wieder Ausschnitte des Displays, bis es nur noch ein paar Parsecs in jeder Dimension darstellte. Nun zeigte die Simulation einen kleinen Teil des Netzwerks, nur ein halbes Dutzend philotische Stränge, die sich im All kreuzten. Die philotischen Strahlen sahen jetzt nicht mehr aus wie ein kompliziertes, eng gewobenes Muster, sondern wie zufällige Linien, die in einer Entfernung von Millionen von Kilometern aneinander vorbeiliefen.

»Sie berühren sich niemals«, sagte Miro.

Nein, sie berührten sich nicht. Das hatte Ender noch nie zuvor begriffen. In seiner Vorstellung war die Galaxis flach, wie die Sternenkarten sie immer zeigten, ein Blick von oben auf jenen Teil des Spiralarms der Galaxis, in dem die Menschen sich von der Erde ausgebreitet hatten. Aber sie war nicht flach. Keine zwei Sterne standen genau auf derselben Ebene wie zwei andere. Die philotischen Stränge, die Sternenschiffe und Planeten und Satelliten mit völlig geraden Linien zu verbinden schienen, Verkürzer mit Verkürzer – wenn man sie auf einer zweidimensionalen Karte sah, schienen sie sich zu kreuzen, doch diese dreidimensionale Nahaufnahme des Computerdisplays zeigte deutlich, daß sie sich überhaupt nicht berührten.

»Wie kann sie darin leben?« fragte Ender. »Wie kann sie nur darin existieren, wenn es keine Verbindungen zwischen den Linien gibt, von den Endpunkten einmal abgesehen?«

»Vielleicht lebt sie gar nicht darin. Vielleicht lebt sie in der Summe der Computerprogramme aller Terminals.«

»In diesem Fall könnte sie ein Backup von sich herstellen und dann…«

»Und dann nichts. Sie könnte sich niemals wieder zusammensetzen, weil die Verkürzer nur von völlig sauberen Computern gesteuert werden.«

»Das können sie nicht auf ewig durchhalten«, sagte Ender. »Es ist zu wichtig, daß die Computer auf verschiedenen Planeten miteinander kommunizieren können. Der Kongreß wird ziemlich schnell herausfinden, daß es nicht genug Menschen gibt, um in einem Jahr manuell die Informationen in einen Computer einzugeben, die die Computer Stunde für Stunde über die Verkürzer miteinander austauschen.«