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»Also soll sie sich einfach verstecken? Abwarten? Sich hineinschmuggeln und wiederherstellen, wenn sie in fünf oder zehn Jahren eine Chance dazu sieht?«

»Falls sie nicht mehr als das ist – eine Sammlung von Programmen.«

»Sie muß mehr als nur das sein«, sagte Miro.

»Warum?«

»Wenn sie nicht mehr wäre als eine Sammlung von Programmen, müßte sie letztendlich irgendwo von einem oder mehreren Programmierern geschaffen worden sein. In diesem Fall führte sie nur das Programm aus, das man ihr von Anfang an aufgezwungen hat. Sie hätte keinen freien Willen, keine Entscheidungsfreiheit. Sie wäre eine Puppe, keine Person.«

»Nun, wenn es darauf hinausläuft, definierst du den Begriff ›freier Wille‹ vielleicht zu eng«, sagte Ender. »Sind wir Menschen nicht genauso? Werden wir nicht von unseren Genen und unserer Umgebung programmiert?«

»Nein«, sagte Miro.

»Wie denn sonst?«

»Unsere philotischen Verbindungen widerlegen es. Weil wir imstande sind, uns durch Willenskraft mit jedem anderen Menschen zu verbinden, was keine andere Lebensform auf der Erde kann. Das ist etwas, was wir haben, was wir sind, was von nichts verursacht wurde.«

»Was meinst du? Unsere Seele?«

»Nicht einmal das«, sagte Miro. »Weil die Priester behaupten, Gott habe unsere Seelen geschaffen, und das stellt uns nur unter die Herrschaft eines anderen Drahtziehers. Wenn Gott unseren Willen geschaffen hat, ist er für jede Entscheidung verantwortlich, die wir treffen. Gott, unsere Gene, unsere Umgebung oder irgendein blöder Programmierer, der an einem uralten Terminal einen Kode eingibt – wenn wir als Individuen das Produkt einer äußeren Ursache sind, kann es keinen freien Willen geben.«

»Wenn ich mich recht entsinne, lautet die offizielle philosophische Antwort darauf, daß es keinen freien Willen gibt. Nur die Illusion eines freien Willens, weil die Ursachen unseres Verhaltens so komplex sind, daß wir sie nicht zurückverfolgen können. Wenn wir eine Reihe Dominosteine haben, von denen jeder den nächsten umstößt, können wir immer sagen: Seht, dieser Stein fiel, weil der davor ihn umgestoßen hat. Aber wenn wir eine unendliche Zahl von Dominosteinen haben, die zu einer unendlichen Zahl von Richtungen zurückverfolgt werden kann, können wir niemals feststellen, wo die Kausalkette beginnt. Also denken wir: Dieser Dominostein fiel, weil er fallen wollte.«

»Bobagem«, sagte Miro.

»Ich gestehe ein, daß diese Philosophie keinen praktischen Wert hat«, sagte Ender. »Valentine hat es mir einmal so erklärt. Selbst wenn es keinen freien Willen gibt, müssen wir einander so behandeln, als könnten wir uns frei entscheiden, um in einer Gesellschaft miteinander leben zu können. Weil wir ansonsten jedesmal, wenn jemand eine schreckliche Tat begeht, ihn nicht bestrafen könnten, weil er ja nichts dafür kann, weil seine Gene oder seine Umgebung oder Gott ihn diese Tat begehen ließen, und jedesmal, wenn jemand etwas Gutes tut, können wir ihn dafür nicht ehren, denn er ist ja letztendlich eine Puppe. Wenn wir glauben, alle anderen um uns herum seien Puppen, müssen wir uns nicht mehr die Mühe machen, uns überhaupt noch mit ihnen zu befassen. Warum sollten wir noch versuchen, irgend etwas zu planen oder zu schaffen, da alles, was wir planen oder schaffen oder wünschen oder träumen, nur Teil des Drehbuchs ist, das der große Drahtzieher für uns geschrieben hat?«

»Verzweiflung«, sagte Miro.

»Also stellen wir uns uns selbst und alle um uns herum als Wesen mit freiem Willen vor. Wir behandeln jeden, als habe er etwas mit einer bestimmten Absicht getan, anstatt nur von hinten angestoßen worden zu sein. Wir bestrafen Verbrecher. Wir belohnen Altruisten. Wir planen und bauen Dinge gemeinsam. Wir machen Versprechungen und erwarten voneinander, daß wir sie halten. Es ist alles frei erfunden, doch wenn jeder glaubt, daß die alle Taten das Ergebnis eines freien Willens sind und dementsprechend verantwortungsbewußt handelt, heißt das Ergebnis Zivilisation.«

»Alles frei erfunden.«

»So hat Valentine es mir erklärt. Das heißt, falls es keinen freien Willen gibt. Ich bin mir nicht sicher, was sie selbst wirklich glaubt. Ich vermute, sie würde sagen, daß sie zivilisiert ist und daher daran glauben muß, und daher glaubt sie absolut an die Entscheidungsfreiheit und hält diese Vorstellung von einer frei erfundenen Geschichte für Unsinn – aber das würde sie auch glauben, wenn sie stimmt, und daher können wir uns einfach gar nichts sicher sein.«

Dann lachte Ender, weil Valentine gelacht hatte, als sie ihm das alles vor vielen Jahren erklärt hatte. Als sie gerade die Kindheit hinter sich gelassen hatten und er den Hegemon schrieb und zu verstehen versuchte, warum sein Bruder Peter all die großen und schrecklichen Dinge getan hatte.

»Das ist nicht komisch«, sagte Miro.

»Ich dachte, es sei komisch«, sagte Ender.

»Entweder wir sind frei, oder wir sind es nicht«, sagte Miro. »Entweder die Geschichte ist wahr, oder sie ist falsch.«

»Es kommt darauf an, daß wir glauben müssen, sie sei wahr, um als zivilisierte Menschen leben zu können.«

»Nein, darauf kommt es überhaupt nicht an«, entgegnete Miro. »Denn warum sollten wir uns überhaupt bemühen, wie zivilisierte Menschen zu leben, wenn alles eine Lüge ist?«

»Weil die Spezies dann eine bessere Überlebenschance hat«, sagte Ender. »Weil unsere Gene verlangen, daß wir die Geschichte glauben, um unsere Fähigkeit zu bewahren, diese Gene viele Generationen lang weiterzugeben. Weil jeder, der nicht daran glaubt, auf unproduktive, unkooperative Art und Weise handelt und die Gemeinschaft, die Herde, ihn schließlich ausstoßen und seine Gelegenheit zur Reproduktion dadurch vermindern wird – indem man ihn zum Beispiel ins Gefängnis steckt und die Gene, die zu seinem ungläubigen Verhalten geführt haben, dadurch letztendlich ausgelöscht werden.«

»Also verlangt der Drahtzieher von uns, wir sollen glauben, keine Puppen zu sein. Wir werden gezwungen, an den freien Willen zu glauben.«

»So hat Valentine es mir erklärt.«

»Aber sie glaubt doch nicht wirklich daran, oder?«

»Natürlich nicht. Das lassen ihre Gene nicht zu.«

Ender lachte erneut. Aber Miro nahm es nicht auf die leichte Schulter, sah es nicht als philosophische Spielerei. Er war außer sich. Er ballte die Hände zu Fäusten und schwang die Arme in einer spastischen Geste, die seine Hände mitten ins Display brachte. Sie warfen einen Schatten darüber, verursachten einen Raum, in dem keine philotischen Stränge sichtbar waren. Wahrer Leerraum. Abgesehen davon, daß Ender nun Motten sehen konnte, die in diesem Displayraum flatterten, angezogen von dem Licht, das durch das Fenster und die geöffnete Haustür fiel. Insbesondere eine große Motte, die ihn an eine kurze Haarsträhne erinnerte, eine kleine Baumwollfaser, die hell in einem Raum schwebte, in dem zuvor nur die philotischen Stränge zu sehen gewesen waren.

»Beruhige dich«, sagte Ender.

»Nein!« schrie Miro. »Mein Drahtzieher macht mich wütend!«

»Halt die Klappe«, sagte Ender. »Hör mir zu.«

»Ich bin es leid, dir zuzuhören!« Dennoch verstummte er und lauschte.

»Ich glaube, daß du recht hast«, sagte Ender. »Ich glaube, daß wir frei sind, und ich glaube nicht, daß es sich nur um eine Illusion handelt, an die wir glauben, weil sie uns zu überleben hilft. Und ich glaube, daß wir frei sind, weil wir nicht nur aus diesem Körper bestehen und ein genetisches Drehbuch ausführen. Und wir sind nicht irgendeine Seele, die Gott aus dem Nichts geschaffen hat. Wir sind frei, weil wir schon immer existiert haben. Vom Anfang der Zeit an, nur daß die Zeit keinen Anfang hat, und so haben wir schon immer existiert. Nichts hat uns hervorgerufen. Nichts hat uns gemacht. Wir sind einfach, und es hat uns schon immer gegeben.«