Gekab schwieg. Rod runzelte die Stirn. „Na?“
Es dauerte eine Weile, ehe der Roboter endlich antwortete. „Ich habe mich getäuscht, Rod. Sie sind nicht verliebt — Sie lieben!“
„Aber weshalb bin ich dann nicht verliebt?“
Etwas wie ein Seufzen erklang hinter Rods Ohr. „Nennen Sie mir den Unterschied zwischen den beiden Frauen, Rod.“
„Nun…“ Rod kaute an seiner Wange. „Gwendylon ist menschlich. Ich meine, sie ist eine ganz normale, alltägliche Frau, so wie ich ein ganz normaler, alltäglicher Mann bin.“
„Und Catherine ist mehr?“
„Oh, sie ist eine Art von Frau, die ich auf ein Piedestal hebe -
eine, die man anbetet, nicht hofiert…“
„Und nicht liebt?“ fragte der Roboter. „Rod, welche von den beiden Frauen ist menschlich wertvoller?“
„Uh-Gwendylon.“
„Damit ist das Verhör beendet“, erklärte das Robotpferd.
Die Domäne der Loguires war eine gewaltige Ebene zwischen den Bergen und dem Meer. Die Hügelkette befand sich im Norden und Osten, sanfter Strand in einem Halbkreis im Süden, und Steilküste im Nordwesten, von ihr rauschte auf der anderen Seite ein Wasserfall ins Tal. Ein Fluß schlängelte sich durch die Ebene dem Meer entgegen. Die Ebene selbst wirkte von den Bergen oben wie zusammengenähte Flicken mit ihren Feldern und hier und da einer Ansammlung von Bauernkaten — Loguires Leibeigene.
Rod und Tom ritten am Rand eines der Bergwälder, wo die Straße aus dem Norden sich ins Tal hinabwand. Rod blickte sich um. „Wo ist denn die Burg?“ fragte er.
„Hinter dem Wasserfall, Herr.“
Rod blinzelte ungläubig, dann folgte er Toms Blick. Wo die Klippen zur Ebene abfielen, war ein gewaltiges Tor mit Fallgitter in den Fels gehauen und davor führte eine Zugbrücke über einen natürlichen Burggraben, den ein Bogen des Flusses bildete. Die Loguires hatten den Fels zu ihrer Behausung ausgehöhlt.
Rod zog die Brauen zusammen. „Ist das wirklich ein Damm zu beiden Seiten der Zugbrücke, Tom?“
„Ja, Meister, und man sagt, er sei mit Schießpulverladungen gespickt.“
Rod blickte nachdenklich. „Und das Land vor dem Fallgattertor fällt ab. Nähern sich unliebsame Besucher, wird der Damm in die Luft gejagt, und die Haustür steht zehn Meter unter Wasser. Sehr schlau! So kann man eine Belagerung schon aushalten. Der Wasserfall bietet mehr als genügend frisches Wasser, bleibt nur noch das Nahrungsproblem.“
„Es soll innerhalb des Burgkomplexes Gärten geben.“
Rod nickte in stummem Respekt. „Wurde die Burg je eingenommen, Tom?“
Der Riese schüttelte den Kopf. „Nie Herr“ Er grinste.
„Glaubst du, man hat darin Platz für zwei müde Wanderer?“
Tom zuckte eine Schulter. „Bestimmt, wenn wir Edelleute wären, Herr. Die Gastfreundschaft der Loguires ist sprichwörtlich. Aber für meinesgleichen, und selbst für Euch, den man höchstens als Junker anerkennen wird, liegt die Gastfreundschaft in den Katen.“
Rod blinzelte in den Himmel. „Da ist dieser verdammte Vogel schon wieder! Sieht er denn nicht allmählich ein, daß wir viel zu groß für eine Mahlzeit für ihn sind?“ Er griff nach seiner Armbrust und legte einen Bolzen ein.
„Nein, Herr.“ Tom hielt ihn zurück. „Ihr habt schon vier Bolzen vergeblich auf ihn abgeschossen.“
„Ich habe es gar nicht gern, wenn etwas mich in der Luft verfolgt, Tom. Diese fliegenden Dinger sind nicht immer, was sie zu sein scheinen.“ Toms Brauen zogen sich bei dieser rätselhaften Bemerkung zusammen. „Außerdem habe ich jeden Tag, während der letzten vier, jeweils nur einmal auf ihn geschossen.“ Die Armbrust summte, und das Geschoß pfiff durch die Luft, doch dann segelte der Vogel um gut fünfzehn Meter höher und schaute dem Bolzen nach, als er wieder zur
Erde zurückfiel.
„Ihr werdet ihn nie treffen, Herr. Er kennt sich mit Armbrüsten aus.“
„Das sieht ganz so aus!“ Rod schlang sich die Armbrust wieder über den Rücken. „Was ist das für ein Land, wo man unter jedem Baum Elfen findet, und einen die Habichte am Himmel verfolgen?“
„Es ist kein Habicht, Meister, es ist ein Fischadler.“ Rod schüttelte den Kopf. „Er verfolgt uns schon seit dem zweiten Tag unserer Reise. Was hätte ein Fischadler so weit landeinwärts zu suchen?“ „Das müßtet Ihr wohl ihn selbst fragen, Meister.“ „Und es würde mich absolut nicht wundern, wenn er antwortete“, brummte Rod. „Aber er tut uns ja nichts, und im Augenblick haben wir größere Probleme. Wir sind hier, um in die Burg zu gelangen. Kannst du singen, Tom?“
Der Riese sperrte verwirrt den Mund auf. „Singen, Herr?“
„Ja, oder Dudelsack blasen, oder sonst was?“
Tom zupfte an der Lippe. „Ich kann einer Hirtenflöte ein paar Töne entlocken, die die Halbtauben mit gutem Willen vielleicht für eine Melodie halten würden. Aber wozu das, Meister?“
Rod holte eine irische Harfe aus einer Satteltasche. „Wir sind jetzt Minnesänger“, erklärte er. „Das Volk hier ist sicher an ein bißchen Musik und Neuigkeiten aus der Hauptstadt interessiert.
Hier, versuch mal das, es ähnelt in etwa einer Flöte.“ Er brachte einen stabförmigen Recorder zum Vorschein.
„Wißt Ihr Neues aus dem Norden zu berichten?“ erkundigte sich der Wachtposten eifrig, und natürlich antwortete Rod, der wußte, daß die Minnesänger des Mittelalters wandelnde Zeitungen gewesen waren, mit einem Ja. Und nun standen er und Tom vor einer Versammlung, bestehend aus achtundzwanzig Edlen mit ihren Frauen, dem Gefolge und Gesinde. Alle starrten die beiden Minnesänger erwartungsvoll an, dabei wußte Rod absolut nichts Neues aus der Hauptstadt.
Aber es würde ihm schon etwas einfallen. Der knorrige alte Herzog Loguire saß in einem Eichensessel. Er schien Rod nicht zu erkennen, ganz im Gegenteil zu Durer, der jedoch den Mund hielt, denn Loguire liebte seine Nichte immer noch, und hätte Rod geehrt, weil er ihr das Leben gerettet hatte. Der Herzog stellte die erste Frage, und zwar erkundigte er sich, ob es Neues aus dem Hause Clovis gab. Rod versicherte ihm, daß es sich in letzter Zeit nicht unangenehm bemerkbar gemacht hatte, was allerdings nicht so bleiben mußte.
Und dann spielten und sangen er und Tom, während sie gleichzeitig im Takt mit den Füßen stampften, ein etwas freches altes Volkslied, das sie kurz zuvor einstudiert hatten. Einen Augenblick lauschten die Anwesenden erstaunt, dann begannen einige zu grinsen, und Hände klatschten im Rhythmus. Der alte Loguire versuchte streng und mißbilligend dreinzuschauen, aber es gelang ihm nicht so recht. Ein hochgewachsener junger Mann stand hinter des Herzogs rechter Schulter. Seine Augen leuchteten auf, während er zuhörte, und ein Grinsen, das Unzufriedenheit, Selbstmitleid und Bitterkeit ablöste, breitete sich über das Gesicht. Der ältere Sohn, schloß Rod.
Es fiel nicht schwer, Loguires Vasallen in der Menge zu erkennen, denn sie alle waren prächtig gekleidet, und jeder von ihnen war in der Begleitung eines noch prunkvoller gewandeten drahtigen Männleins: ihre Ratgeber — Durers Kumpane.
Rod war ziemlich sicher, daß alles, was Durer vorschlug, einstimmigen Rückhalt bei den Lords des Südens fände, und Loguire der einzige wäre, der sich dagegenstellte — und Loguire hatte natürlich mehr zu sagen als alle seine Lehnsmänner zusammen. Rod entsann sich Loguires Versprechen an Catherine: Solange ich lebe, habt Ihr die Soldaten Loguires nicht zu fürchten!
Die Vorstellung war zu einem großen Erfolg geworden. Rod hatte sie weniger politisch als humorvoll, gerade noch an der Grenze zum Schlüpfrigen gehalten. Die Zuhörer waren begeistert gewesen. Doch hin und wieder hatten die Ratgeber Fragen gestellt, die er nicht unerwidert lassen konnte, und als er mit den Gerüchten antwortete, daß das Haus Clovis sich wohl gegen die Krone erheben würde, hatte er häßliche Freude in ihren Augen glitzern sehen. Das hatte er verstanden. Wichtig an einer Revolution ist, daß sie überhaupt erst einmal ausbricht, später kann man sie sich immer noch zu Nutzen machen. Was er nicht verstand, waren die Blicke, die das jüngere weibliche Gesinde Tom und ihm zuwarfen. Das heißt, bei Tom war es ihm klar, doch bei ihm konnte es gewiß nicht das gleiche bedeuten — oder waren die Minnesänger hier dafür bekannt, daß sie… Jedenfalls war er nicht mehr allzu überrascht, als ihm eine Magd auf dem Weg zur Dachkammer, die ihm und Tom zugeteilt worden war, einen Becher Wein entgegenstreckte und sich erbot, ihm auch das Bett zu wärmen. Er starrte sie an. Sie sah Gwendylon sehr ähnlich, aber ihre Haare waren dunkelbraun statt rot, die Augen ein wenig schräg, und ihre Nase lang und schmal. Und auch sie war verführerisch schön.