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„Ich — ich kann ein wenig mit manchen Geistern umgehen, Lord. Ich hatte geglaubt…“

Rod schüttelte den Kopf. War es auf diesem verrückten

Planeten vielleicht üblich, mit Geistern zu verkehren? Er schloß die Lider und drückte seine Wange an ihr Haar. Er spürte ihren warmen, geschmeidigen Körper gegen seinen. Es war schön, sie zu halten, fast so schön wie Gwendylon… Er riß die Augen auf und starrte sie an. Er stellte sich die Gesichter der beiden Mädchen nebeneinander vor. Gwendylon mit dunkel gefärbtem Haar, die Augen ein wenig schräg gezogen, die Nase verlängert und gerade gezogen… Sie spürte seine Anspannung. „Was habt Ihr plötzlich, Lord?“ Ihre Stimme war ein wenig höher, hatte jedoch den gleichen Klang. Er schaute zu ihr hinunter. Ihr Teint war makellos, keine einzige Sommersprosse. Aber für ein Make-up brauchte man nicht unbedingt eine Technologie. Er deutete mit dem Zeigefinger zwischen ihre Augen. „Du“, sagte er, „hast mich beschwindelt!“

Einen flüchtigen Moment wirkte sie enttäuscht, doch dann schaute sie wieder völlig unschuldig drein. „Euch beschwindelt, mein Lord. Ich wüßte nicht…“ Rod tupfte auf ihre Nasenspitze und drehte den Finger ein wenig. Die Nasenspitze löste sich. Er lächelte grimmig. „Stärkemehl und Wasser! Das hättest du nicht zu tun brauchen, dein Himmelfahrtsnäschen gefällt mir viel besser.“ Er rieb mit der Fingerkuppe über die Augenwinkel, und schon waren die Augen nicht, mehr schräg, dafür war sein Finger schwarz. Kopfschüttelnd brummte er: „Na, hoffentlich bekommst du die Farbe auch so leicht aus deinem Haar! Ich verstehe nur nicht, warum du das gemacht hast! So wie die Natur es dir gegeben hat, ist dein Gesicht doch viel hübscher!“ Sie errötete. „Ich — ich konnte nicht ohne Euch sein, Herr.“ Er schloß die Augen und preßte die Zähne zusammen. Es kostete ihn alle Willenskraft, sie nicht an sich zu drücken. „Aber…“ Er mußte erst Luft holen. „Wie bist du mir gefolgt?“ Mit großen unschuldigen Augen schaute sie zu ihm hoch. „In der Tarnung eines Fischadlers, Lord.“

Er sperrte den Mund auf. „Du? Eine Hexe? Aber…“

„Ihr werdet mich doch deshalb nicht verachten, Lord?“ fragte sie ängstlich. „Ihr, der Ihr ein Zauberer seid.“

„Was? Ich? Nein, natürlich nicht. Ich meine — uh — einige meiner besten Freunde sind — uh…“

„Mein Lord?“ fragte sie besorgt. „Fühlt Ihr Euch nicht wohl?“

„Ich? Natürlich nicht? Nein, warte…“ Wieder mußte er erst Luft holen. „Du bist also eine Hexe? Und wenn schon. Ich bin viel mehr an deiner Schönheit als an deinen Fähigkeiten interessiert.“ Schnell holte er erneut Luft. „Aber wir müssen eines klarstellen.“

Sie schmiegte sich fest an ihn. „Ja, mein Lord?“

„Nein, nein! Das meinte ich nicht.“ Hastig wich er ein paar Schritte zurück und streckte die Hände aus, um sie abzuwehren. „Also, der einzige Grund, daß du mir folgtest, war deine Angst um mich, richtig? Weil du glaubtest, ich könnte mir selbst nicht helfen?“

Der Glanz ihrer Augen erlosch. „Ja, Mylord.“

„Doch jetzt weißt du, daß ich ein Zauberer bin und du keine Angst mehr um mich haben mußt. Also besteht kein Grund, mir weiter zu folgen, richtig?“

„Nein, mein Lord.“ Stolz hob sie das Kinn, und ihre Augen blitzten ihn trotzig an. „Ich werde Euch auch weiterhin folgen, Rod Gallowglass. Es gibt Magie in dieser Welt, von der Ihr nichts ahnt!“

Das Schlimmste war, dachte er, daß sie so verdammt recht hatte. Auf dieser verrückten Welt gab es bestimmt noch eine Menge Zauberei und sonstiges, das er sich nicht einmal vorzustellen vermochte. Aber andererseits gab es auch einiges, von dem sie nichts wußte. Als Amateurhexe, vermutlich, und zu alt, der Gewerkschaft beizutreten — sie war bestimmt schon fast so alt wie er! — , kannte sie vermutlich nur ein paar Tricks, beispielsweise, wie man sich zurechtmachte, und verfügte über die Fähigkeit, durch die Luft zu fliegen (aber er verstand immer noch nicht, wie sie die Täuschung, ein Vogel zu sein, so lange hatte aufrechterhalten können), und dann hatte sie Mut, wie man ihn bei einer Frau nicht erwartete. Aber wenn sie recht hatte, daß sie um ihn fürchten mußte, weil er immer noch in Gefahr war, so schien ihr nicht bewußt zu sein, daß sie sich in nicht weniger Gefahr befand. Nein, es hätte bestimmt keinen Sinn, ihr zu verbieten, ihm zu folgen — sie würde es trotzdem tun. Und er würde lebend seine Abenteuer überstehen, wie er es immer getan hatte, während sie irgendwo unterwegs den Tod fand. Oder vielleicht behinderte sie ihn auch so sehr, daß sie beide daran glauben mußten. Er schüttelte ganz leicht den Kopf. Nein, er durfte nicht zulassen, daß sie getötet wurde, also mußte er sie irgendwie loswerden — und er wußte auch schon, wie.

Er verzog das Gesicht zu einem säuerlichen Lächeln.,Es stimmt schon, was man von Bauernmädchen sagt. Wenn man auch nur ein bißchen nett zu ihnen ist, wird man sie nicht mehr los. Meine Teure, du bist schlimmer als eine Klette!“ Sie holte fast schluchzend Atem und preßte die Hand auf die Lippen. Tränen quollen aus ihren Augen. Sie biß sich in die Finger, wirbelte herum und rannte davon. Er starrte auf den Boden, bis ihre Schritte sich verloren und er ihr Schluchzen nicht mehr hörte. Er fühlte sich so elend wie selten zuvor. Eine schwere Faust hämmerte an die Eichentür. Rod kämpfte sich aus tiefem Schlaf und richtete sich im Heu auf. Tom und sein Mädchen starrten stumm auf die Tür. „Keine Angst“, brummte Rod. „Geister klopfen nicht.“

„He, Minnesänger!“ donnerte eine tiefe Stimme. „Komm sofort zu meinem Herrn!“

Rod schlüpfte in sein Wams und griff nach der Harfe. Er riß die Tür auf und versuchte, ganz wach zu werden, nach dem kärglichen Schlaf, der ihm vergönnt gewesen war. „Ihr brauchtet zu dieser frühen Stunde nicht ganz so stürmisch zu sein“, brummte er. „Wer, zum Teufel, ist überhaupt Euer Herr?“

Eine schwere Faust traf Rod unter dem Ohr und warf ihn an die Wand. Er kämpfte gegen das Verlangen, dem Burschen den Hals umzudrehen. Durch dichte Nebelschleier hörte er ein sadistisches Kichern. „Überleg dir deine Worte, wenn du zu Höheren sprichst, Harfenzupfer!“

Rod richtete sich an der Wand auf und schätzte seinen Peiniger ab. Er war ein gewöhnlicher Fußsoldat in schmutzigem Lederwams und nicht weniger schmutzigern Kettenhemd, mit abstoßendem Körpergeruch und dazu noch fauligem Atem von den verrottenden Zähnen, die er in einem selbstzufriedenen Grinsen fletschte.

Rod seufzte. Es war besser, seine Rolle zu spielen. Den Schlag hatte er verdient, weil er aus dieser Rolle gefallen war. Der Minnesänger diente hier auch zur Abreagierung aggressiver Gefühle. „Na gut“, murmelte er. „Ich werde mir meine Worte überlegen.“

Diesmal traf die Faust ihn unter dem Kinn. Während er zurücktaumelte, hörte er: „Du hast wohl vergessen, daß man seinen Höheren mit Herr anspricht!“

Rods Handkante schlug dreimal blitzschnell zu. Das war ihm doch zuviel gewesen. „Ich würde mich erst mal vergewissern, wer der Höhere ist. Und jetzt führ mich zu deinem Herrn!“ Der Herr war, wie sich herausstellte, Lord Loguire. Er saß am Kopfende eines riesigen ovalen Tisches in der Mitte eines mit prächtigen Wandteppichen behangenen Gemachs. Zu seiner Rechten hatte sein ältester Sohn Platz genommen, zu seiner Linken Durer. Die anderen Stühle waren von acht Männern belegt, die Rod bekannt vorkamen. Seine Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, daß es vier der Hohen Lords — Herzog di Medici, Graf Romanoff, Herzog Bourbon und Prinz Habsburg — mit ihren Ratgebern waren. Nach Loguire waren sie die mächtigsten der Hohen Lords. Und wenn diese fünf sich hier versammelt hatten, mochten die restlichen sieben da nicht ebenfalls in der Nähe sein?

Der Tisch war zum Frühstück gedeckt, aber keiner von den Anwesenden aß mit Genuß. Anselm, beispielsweise, Loguires Sohn, schluckte die Bissen mechanisch, und sein Gesicht war von kalter Wut verzerrt.

Rod schloß daraus, daß es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Vater und Sohn gegeben hatte, aus der der alte Loguire natürlich als Sieger hervorgegangen war — aber nur, indem er seinem Sohn den Mund verboten hatte. Und ihn, Rod, hatte man gerufen, damit er wieder für Stimmung sorgte. Was von einem Minnesänger nicht alles erwartet wurde!