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Spencer will ihr folgen, das Baby im Arm.

»Nein«, rufe ich. »Spencer, ich will sie halten.«

Er starrt mich so lange an, als wiederholte sich unsere ganze gemeinsame Geschichte vor seinem inneren Auge. Tränen glänzen in seinen Augen. Doch dann zieht er einen Stuhl ans Bett und setzt sich. Er hält Lily so, dass ich ihr Gesicht sehen kann. Er lächelt schwach, und für einen kurzen Augenblick gebe ich mich der Hoffnung hin, dass Spencer verstehen könnte, dass nicht Blut eine Familie zusammenhält, sondern die Liebe. »Ruh dich aus, Cissy«, sagt er zu mir. »Ich kümmere mich um sie.«

Ich sehe mich rennen. Der Regen strömt mir übers Gesicht, meine Füße sind schlammverklebt, und doch weiß ich, dass ich vor meinem Verfolger fliehen muss, wer immer er ist. Als ich einen Blick über die Schulter werfe, sehe ich ihn – den Mann, der schon mehrmals in meinen Träumen aufgetaucht ist, der Mann mit dem langen braunen Haar und den stillen Augen. Er ruft meinen Namen, und ich drehe mich erneut um, und kurz darauf stolpert er und stürzt. Ich bleibe stehen, um mich zu vergewissern, dass er sich nicht verletzt hat, und da sehe ich ihn – den Grabstein mit meinem Namen darauf, den Grabstein, durch den ich hindurchgelaufen bin.

Als ich mit einem Ruck erwache, spüre ich ein Gewicht auf meiner Hüfte. Spencer liegt quer über meinem Schoß. Zuerst denke ich, er schläft, und dann merke ich, dass er schluchzt. Seine Augen sind so blutunterlaufen, dass es mir Angst macht, und seine Haut dünstet Alkohol aus.

»Cissy«, sagt er. »Du bist wach.«

Mein Körper fühlt sich an, als wäre ich tagelang geprügelt worden. Meine Beine sind so schwach, dass ich sie nicht bewegen kann. Irgendwer – Spencer? – hat mit kalte Kompressen zwischen die Schenkel gepresst, um die Blutung zu stillen. »Wo ist Lily?«, frage ich.

Spencer nimmt meine Hand und führt sie an seine Lippen. »Cissy.«

»Wo ist mein Baby?« Ich stütze mich im Bett auf.

»Cissy, das Baby – es war zu jung. Seine Lunge …«

Ich erstarre.

»Das Baby ist gestorben, Cissy.«

»Lily!«, schreie ich. Ich will aus dem Bett springen, doch Spencer hält mich fest.

»Du hättest nichts tun können. Niemand.«

»Dr. DuBois …«

»Der hat eine Operation in Vergennes. Ruby hat ihm eine Nachricht hinterlassen, dass er kommen soll, sobald er kann. Aber als sie zurückkam, war das Baby schon …«

»Sprich es nicht aus«, sage ich drohend. »Sprich es nicht aus.«

Auch er weint. »Sie ist in meinen Armen gestorben.«

Ich will nur mein Baby. »Ich muss sie sehen.«

»Das geht nicht.«

»Ich muss sie sehen!«

»Cissy, ich habe sie schon beerdigt.«

Ich stürze mich auf ihn und schlage ihn auf die Brust, die Arme, den Kopf. »Das hast du nicht. Das hast du nicht!«

Er hält meine Handgelenke fest, schüttelt mich. »Wir hätten sie nicht taufen lassen können. Wir hätten sie nicht in geweihter Erde bestatten lassen können.« Ein Schluchzen steigt aus seiner Kehle. »Ich hatte Angst, wenn du sie siehst, wirst du versuchen, ihr zu folgen. Ich kann dich nicht auch noch verlieren. Himmel, Cissy, was sollte ich denn machen?«

Ich brauche einen Augenblick, bis ich seine Worte richtig begreife. Wir hätten sie nicht taufen, sie nicht auf dem Friedhof bestatten lassen können, weil sie unehelich war, wie Spencer glaubt. Er schließt mich in die Arme, während ich ganz steif vor Entsetzen bin. »Liebling«, flüstert er, »kein Mensch muss es erfahren.«

Mir brennen die Augen, die Kehle schmerzt. »Meine Mutter hat sich in einen Indianer verliebt. Gib ihr dafür die Schuld, nicht mir. Mein einziger Fehler war, dass ich mich in dich verliebt habe.«

Was ist das für ein Gefühl, möchte ich fragen, auf einmal selbst unten auf einer von deinen Stammbaumkarten zu stehen? Doch stattdessen nehme ich die Wickeldecke vom Fußende des Bettes. »Führ mich zu dem Grab.«

»Du bist zu aufgewühlt. Du musst dich …«

»Ich muss das Grab meiner Tochter sehen. Sofort.«

Spencer steht auf. Von einem Tablett neben dem Bett nimmt er die Schere, mit der Ruby die Nabelschnur durchtrennt hat, und ein Messer, das sie abgekocht hatte, nur für alle Fälle. Beides schiebt er in seine Brusttasche, zur Sicherheit. »Morgen«, verspricht er und küsst mich dann auf die Stirn. »Cissy. Lass uns noch einmal von vorn anfangen.«

Ich starre ihn so lange an, bis alles in mir zu Stein wird. »Also gut, Spencer«, antworte ich mit einer Stimme, die fast so klingt wie die Frau, die ich einmal war. Mir zittern die Hände im Schoß, aber ich kann das Spiel mitspielen.

Lily ist nicht tot. Wieso würde Spencer sich sonst weigern, mir die Leiche zu zeigen, den Sarg, das Grab? Vielleicht hat er sie versteckt, bis er die Gelegenheit hat, sie vor einer Kirche abzulegen. Oder er wartet auf Dr. DuBois, damit der sie mitnimmt. Noch ein Grund, warum ich bei der Geburt nicht gestorben bin: Es ist meine Pflicht, mein Baby zu finden.

Ich warte, bis ich ganz sicher bin, dass Spencer sich wieder in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hat, und dann ziehe ich mich an. Es geht nur langsam – mein Kopf ist schwer von Fieber, und mir zittern die Beine. Ich schiebe Gray Wolfs Pfeife in die Tasche des Kleides, und ich mache einen doppelten Knoten in meine Schnürsenkel – für den Fall, dass ich schnell laufen muss. Vorsichtig wie eine Spionin öffne ich die Tür und schleiche auf den Flur.

Als Erstes durchsuche ich das Badezimmer. Als ich sie dort nicht finde, durchwühle ich Rubys Zimmer. Nichts.

Denk nach, beschwöre ich mich. Denk wie Spencer.

Im Erdgeschoss gehe ich auf Zehenspitzen von einem möglichen Versteck zum nächsten, spähe in Nischen, in die nur etwas so Kleines wie ein schlafendes Neugeborenes hineinpassen könnte. Vorsichtig schleiche ich an Spencers Arbeitszimmer vorbei, wo das Klimpern von Glas mir verrät, dass er an der Anrichte steht. Als ich die Küche erreiche, bin ich den Tränen nahe. Sie muss doch inzwischen Hunger haben, sie wird frieren. Weine nur, und ich finde dich.

Ich werde sie an meine Brust drücken, ich werde sie wärmen. Auf dem Weg nach Kanada werde ich ihr erzählen, was es alles zu sehen gibt – die Kühe auf den Weiden, die violetten Waldweidenröschen am Wegesrand, die geschwungenen Bergkämme. Wir werden neben Gray Wolf stehen, wenn man ihn in Odonak fragt: »Wer bist du?«, und er wird auf uns beide zeigen.

Ich bleibe in der dunklen Küche stehen und denke an den Weinschrank, die Mehlkisten, den Kartoffelkeller. Es gibt viele mögliche Verstecke. Gerade habe ich einen Schritt in die kühle, pechfinstere Vorratskammer gemacht, als jemand von hinten gegen mich stößt. Ich unterdrücke einen Aufschrei, ziehe hastig an der Kordel, die von der Decke hängt, und das Licht geht an. »Ruby, was machst du denn hier?«

Sie zittert wie Espenlaub. »Ich wollte mir … manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann mache ich mir eine Tasse von Ihrem guten Kakao. Es tut mir leid, Miz Pike. Ich weiß, es ist unrecht.«

Ich kneife die Augen zusammen. »Wo ist sie?« Meine Hände gleiten über die Regale, unter Handtuchstapel, schieben Dosen beiseite.

»Wer?«

»Mein Baby. Du hilfst ihm, das Baby zu verstecken.«

»Ach, Miz Pike«, sagt sie mit großen, feuchten Augen. »Das Baby lebt nicht mehr.«

»Ruby, du verstehst das nicht. Es geht ihr gut, der Kleinen geht’s gut. Ich muss sie nur finden. Ich muss sie finden und von hier wegbringen.«

»Aber der Professor hat doch gesagt …«

Ich packe Ruby an den Schultern. »Hast du die Leiche gesehen? Hast du das?«

»Ich hab – ich hab …« Rubys Zähne schlagen aufeinander.

»Verdammt, Ruby, nun sag schon!« Ich schüttele sie, und sie reißt sich von mir los. Ich will ihr folgen, da ziehen mich Hände hinaus aus der Kammer in die Küche. »Lass mich los, Spencer«, sage ich, versuche mit aller Kraft, mich zu befreien.