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Er sieht Ruby an. »Ruf Dr. DuBois noch mal an. Sag ihm, er soll sofort herkommen.«

»Lass mich los! Ruby, er lügt. Lass los – Lily!«, kreische ich. »Lily!«

Nur mit Mühe gelingt es Spencer, mich aus der Küche zu zerren. Ruby steht wie angewurzelt da, sieht zu, wie er mich, die ich noch immer schreie und tobe, am Handgelenk die Treppe hinaufzieht. »Das hier geht dich nichts an, Ruby«, ruft Spencer ihr zu. »Du siehst ja, dass Mrs. Pike nicht sie selbst ist, und ich werde dafür sorgen, dass sie sich beruhigt.« Er ächzt, als einer meiner Tritte ihn mit voller Wucht am Schienbein trifft. »Ruf den Doktor. Und dann tust du, was ich dir gesagt habe.«

»Hör nicht auf ihn, Ruby!«

Sie scheint vor meinen Augen zu schrumpfen. »Los«, bellt Spencer. »Sofort.« Plötzlich sacke ich in seinen Armen zusammen. Er fängt mich auf, bevor ich zu Boden falle, und trägt mich ins Schlafzimmer. Ich halte die Augen geschlossen, auch als er verschämt die Binde zwischen meinen Beinen überprüft, ob ich nicht zu stark blute, auch als er tief seufzt, wie ein Mann, der alle Hoffnung verloren hat. Dann deckt Spencer mich zu, zieht mir die Schuhe aus, geht aus dem Zimmer und schließt sorgfältig die Tür hinter sich ab.

Ich habe nicht das Gefühl, gescheitert zu sein.

Schließlich weiß ich jetzt, dass Lily irgendwo da draußen versteckt sein muss.

Warum geben wir nicht auf? … Seit Jahren bemühen wir uns, und was haben wir erreicht?

Solange das Geld reichte, war alles gut und schön, jetzt jedoch sieht die Sache anders aus. Falls Hitler mit seiner Sterilisation im großen Stil Erfolg hat, wäre das eine Demonstration, die der Eugenik mehr Auftrieb geben würde, als das hundert Eugenikgesellschaften könnten. Falls er im großen Stil scheitert, wird das der Bewegung dermaßen schaden, dass auch hundert Eugenikgesellschaften sie nicht mehr retten könnten.

Auszug aus einem Brief vom 1. Februar 1934 von Henry H. Goddard an H. F. Perkins als Antwort auf eine Bitte um finanzielle Unterstützung, Eugenik-Erhebung-Vermont, (EEV-)Papiere, Öffentliches Archiv, Middlesex, Vermont

Die größte Schwierigkeit ist, die Scheibe einzuschlagen. Das geräuschlos zu bewerkstelligen ist nahezu unmöglich. Ich wickele die Bettdecke um den Stuhl und kann so den Lärm etwas dämpfen. Draußen neben dem Fenster lehnt noch immer die Leiter für die Dachreparatur. Im Nu bin ich unten angekommen und schleiche unter dem Lichtschein hinweg, der aus Spencers Arbeitszimmer fällt. Der helle Mond ermöglicht gute Sicht.

Das Grundstück ist riesig, und sie könnte überall sein.

Ich suche unter den Büschen entlang der Veranda, unter der Veranda selbst, am Feuerholzstapel an der Ostwand. Hinter dem Haus gehe ich in größer werdenden Kreisen Richtung Wald, bis ich mich schließlich einfach auf den Boden setze und haltlos weine.

Es ist schrecklich, wird Spencer zu Dr. DuBois sagen, wenn er eintrifft. Ich hab sie gefunden, wie sie in der Erde wühlte. Nein, es ist nicht das erste Mal, dass sie schlafgewandelt ist … aber diesmal kommt sie gar nicht mehr zu sich.

Aber ist es denn wirklich verrückt, nach etwas zu suchen, von dem man weiß, dass es irgendwo ist?

Ich blicke zum Haus zurück. In Rubys Zimmer ist kein Licht, in Spencers Arbeitszimmer keine Silhouette. Ich schließe orientierungslos die Augen, und als ich erneut blinzele, zeichnen sich die Umrisse des Eishauses vor dem Nachthimmel ab. Wieder hat jemand die Tür angelehnt gelassen. Ich stehe auf, werde von einer unsichtbaren Schnur in den eiskalten Bauch der Hütte gezogen.

Meine Schuhsohlen rutschen auf dem Sägemehl. Schimmernde Eisblöcke liegen dicht nebeneinander, eine leuchtende Reihe von Riesenzähnen. Ich sehe die Bratenstücke, die Ruby für die Dinnerparty gekauft hat, die nicht stattfinden wird. Und auf einem Eisblock steht eine alte Apfelkiste, der Deckel liegt daneben.

Drinnen ist die kleinste, regloseste Puppe, die ich je gesehen habe.

»Nein. Nein. Oh nein.« Ich umklammere den rauen Rand der Kiste, den winzigen Sarg, und betrachte das Gesicht meiner Tochter.

Ihre Wimpern sind so lang wie der Nagel meines kleinen Fingers. Ihre Wangen sind blass, milchig blau. Ihre Faust, so unglaublich klein, ist zusammengerollt wie eine Schnecke. Ich berühre ihr Grübchenkinn mit dem Finger, ihr winziges Ohr. »Lily«, flüstere ich. »Lily Delacour Pike.«

In dem eiskalten Kinderzimmer hebe ich meine Tochter aus der Wiege. Ich wickele die Decke fester um sie, damit sie es schön warm hat. Ich drücke sie an meine Brust, damit sie hört, wie mein Herz bricht.

Spencer kann sie mir nicht wegnehmen. Dazu müsste ich sie erst gehen lassen.

Awani kia, denke ich. In der anderen Welt wird man sie fragen, wer sie ist. »Erzähl ihnen von deiner Großmutter und deinem Großvater, die eine Brücke aus Liebe gebaut haben«, sage ich an ihrer Haut. »Erzähl ihnen von deinem Vater, der glaubte, das Richtige zu tun. Und erzähl ihnen von mir.« Ich küsse sie, lasse meine Lippen einen Augenblick auf ihrer Haut. »Erzähl ihnen, dass ich komme.«

Dann lege ich mein Baby zurück in das Bettchen und presse mir die Faust auf den Mund, um all den Schmerz in mir zu halten. Bis in alle Ewigkeit werde ich mich fragen, ob Spencer die Wahrheit gesagt hat. Ob Lily tatsächlich von allein in seinen Armen aufgehört hat zu atmen oder ob er nachgeholfen hat. Vielleicht wird er mir eines Tages sagen: Ich habe es nur getan, weil ich dich liebte.

»Ich auch«, sage ich laut.

Spencer wird bald aufwachen und nach mir suchen. Und er wird mir dafür bezahlen. Es gibt Möglichkeiten, der Polizei zu zeigen, was wirklich passiert ist. Ich werde alles tun, was dazu erforderlich ist, selbst wenn es mich das Leben kostet.

Es bleibt nicht viel Zeit. Ich greife erneut in die Kiste, wo das Gesichtchen meiner Kleinen in meine geöffnete Hand passt. Ihre Nase und ihr Kinn drücken sich hinein, eine Erinnerung, die ich mitnehmen werde.

Ich denke an Madame Soliat am Unabhängigkeitstag, mit ihrem Wolfshund und ihrem Zelt.

Ich brauche keine Wahrsagerin mehr. Ich weiß, was als Nächstes kommt.

TEIL DREI

2001

Die Toten sprechen weiter mit den Lebenden.

THOMAS HARDY

ACHT

Wenn Az Thompson nachts nicht im Steinbruch arbeitete, wühlte er sich stundenlang durch das Durcheinander von Fakten in seinem Kopf.

Die Ärzte nannten so etwas Schlaflosigkeit, aber Az wusste es besser. Er ging nicht schlafen, weil er dann nicht aufwachen und sich fragen musste, warum er über Nacht nicht gestorben war.

Az war körperlich erschöpft, doch er legte sich nicht auf die Pritsche. Stattdessen beobachtete er, wie die Regentropfen auf das Dach seines Zeltes trommelten. In vier Stunden würde die Sonne aufgehen, und er würde immer noch da sein.

Plötzlich hörte er einen Schrei. Er schien gleichzeitig aus dem fernen Wald und aus Az selbst zu kommen, eher ein wehes Ziehen als ein Klang.

Da – wieder der Klang.

Das war kein Donner. Der Ton war zu tief für ein Kind und zu kehlig für eine Frau. Nein, es war das Requiem eines Mannes, der so viel verloren hatte, dass er sich selbst nicht mehr finden konnte. Jemand wie … ja, er selbst.

Az seufzte. Er glaubte nicht an den ganzen mystischen Quatsch, aber er wusste auch, dass die Vergangenheit in vielerlei Verkleidungen wiederkehren konnte, als schriller Schrei einer Eule oder auch als die Augen eines Fremden, die einem auf der Straße hinterherblickten. Und wer sollte besser wissen als er, dass man, wenn man seiner eigenen Geschichte den Rücken kehrte, umso leichter von ihr überrumpelt werden konnte.