Sie bog in die Einfahrt zum Haus. Nur im Wohnzimmer brannte noch Licht. Die beiden schliefen längst. Meredith stieg steifbeinig aus dem Wagen. Einen Augenblick lang stockte ihr der Atem angesichts der wunderschönen Sternennacht. Sie brachte so viel Zeit dafür auf, sich die winzigsten Elemente des Menschseins anzuschauen, dass sie manchmal vergaß, wie einfach die Welt doch sein konnte.
Meredith trat ins Haus und sah, dass Lucy auf der Treppe saß, komplett angezogen. Sie starrte geradeaus auf einen Koffer zu ihren Füßen. »Luce?«, sagte sie, doch ihre Tochter reagierte nicht.
»Sie kann dich nicht hören.«
Ruby kam die Treppe herunter. Ihr langes, weißes Haar wie eine Wolke, die Hände Halt suchend um das Geländer gelegt. »Sie schlafwandelt.«
Sie schlafwandelt? Lucys Augen waren offen. »Bist du sicher?«, fragte Meredith ihre Großmutter. »Bist du schon mal schlafgewandelt?«
Ruby beugte sich zu Lucy hinab und half ihr hoch. »Ich kannte mal jemanden, der das oft getan hat.«
Lucy folgte Ruby nach oben, fügsam wie ein Lamm. Meredith wollte ihnen nach und stolperte über den Koffer. Er klappte auf, und der Inhalt ergoss sich zu ihren Füßen: ein Berg von Puppen. Es waren Puppen, mit denen Lucy seit Jahren nicht mehr gespielt hatte, und sie starrten zu Meredith hoch, mit glasigen Augen.
Wenn man zu einem Haus kommt, in dem Menschen wohnen, die man liebt, und man einen Streifenwagen davor stehen sieht, hat man das Gefühl, als würde einem das Herz unter Strom gesetzt. Ross sprang aus seinem Wagen, rannte die Einfahrt hoch und rief, schon während er die Tür aufriss, Shelbys Namen.
Sie stand sofort auf. »Ross!« Er musterte sie und Ethan, der mit seinem Skateboard hinter Ross hereingekommen war, und blickte dann den Cop an, der im Wohnzimmer stand.
Etwas verspätet merkte er, dass Shelby seine verdreckte Kleidung und sein nasses Haar registrierte. Bestimmt hatte sie die Polizei verständigt, weil sie sich seinetwegen Sorgen machte – das traute er seiner Schwester ohne Weiteres zu. »Es sieht schlimmer aus, als es ist«, sagte Ross. »Aber mir geht’s gut. Ihr könnt die Suchtrupps zurückpfeifen.«
Da trat Eli Rochert vor. »Eigentlich«, sagte er, »bin ich hier, um Sie zu bitten, bei uns mitzumachen.«
Ross wollte in seinem Zimmer in Shelbys Haus sein, bei ausgeschaltetem Licht und mit einer Flasche Jameson’s neben sich, während er mit der Spitze eines Messers Lias Namen in seinen Arm ritzte. Vielleicht würde es bluten, vielleicht würde es wehtun – nein, weder noch, darauf würde er wetten. Er wusste, was anscheinend sonst niemand ahnte – er war schon tot, sein Körper hinkte nur noch ein wenig hinterher.
Im Verhörraum des Polizeireviers von Comtosook zu sitzen, mit Eli und dessen Ungetüm von Hund, stellte eine ganze andere Form von Folter dar, wie er fand. Auf dem Tisch lagen Beweisfotos von der toten Lia, von den Schuhen, die sie getragen hatte, sogar von dem Kleid, das sie angehabt hatte, als sie ihm erschienen war. Der Anblick der Fotos war ein tieferer Schnitt, als Ross ihn sich hätte selbst zufügen können.
»Sie, äh, haben bei unserem letzten Gespräch gesagt, Sie hätten angefangen, die Hintergründe von Cecelia Pikes Tod zu erkunden«, sagte Eli.
»Lia«, murmelte Ross. »Sie möchte Lia genannt werden.«
»Dann … haben Sie sie gesehen?«, fragte Eli.
»Sie werden mir sowieso nicht glauben, also, warum fragen Sie überhaupt?«
Eli zögerte, dann antwortete er. »Mr. Wakeman, vor einer Woche haben Sie mich gebeten, einen siebzig Jahre alten Fall wieder aufzunehmen. Obwohl ich Bedenken hatte, habe ich es getan. Und mein Interesse ist so groß, dass ich der Sache weiter nachgehen möchte, obwohl ich dafür meine Freizeit opfern muss.« Er legte die Hände flach auf den Tisch. »Sie haben angedeutet, dass Spencer Pike vielleicht mit dem Mord zu tun haben könnte. Wie kommen Sie darauf?«
»Die Abenaki erheben Anspruch auf das Land. Pike reagierte aufgebracht, als ich die Sache ansprach. Und Geister kommen nur dann zurück, wenn sie einen guten Grund haben. Ich dachte, wenn es auf dem Grundstück einen Geist gibt, dann ist es ein Indianer – vielleicht sogar der, dem der Mord angelastet wurde. Aber der Geist, den ich dann gefunden habe, war Lia.« Er wandte den Blick ab. »Tut mir leid, dass Sie Ihre Zeit verschwendet haben.«
»Vielleicht war es ja keine Zeitverschwendung«, sagte Eli. »Falls Sie recht haben, wäre es doch denkbar, dass an dem Tod von Lia Pike tatsächlich etwas nicht stimmt.«
Plötzlich stand Ross ihr Gesicht vor Augen, und er sprang auf, um zu gehen, ehe er vor diesem Cop die Fassung verlor. »Wenn man mit achtzehn Jahren ermordet wird, dann stimmt weiß Gott was nicht. Aber ich möchte jetzt wirklich gehen, Officer Rochert …«
»Darf ich Ihnen nur noch rasch etwas zeigen?« Eli reichte Ross den siebzig Jahre alten Tatortbericht. »Pike sagt, Gray Wolf hat sie erhängt. Die Beamten vor Ort haben Anzeichen für einen Kampf festgestellt. Es gibt jede Menge Fotos, von dem Vordach, an dem die Tote gehangen hat, von Fußspuren, von einer zerschlagenen Fensterscheibe im Schlafzimmer. Ich habe DNA, die mit dem Blut des Opfers übereinstimmt, plus DNA von zwei verschiedenen Männern, die nachweislich am Tatort waren.«
Ross schluckte. »Hört sich an, als könnten Sie bald beweisen, dass Pike recht hat.«
Eli fuhr fort, als ob Ross nichts gesagt hätte. »Es gibt aber auch Beweise, die keinen Reim ergeben. Deshalb frage ich mich, ob Sie nicht richtig damit liegen, dass Spencer Pike Gray Wolf loswerden wollte. Und möglicherweise auch seine Frau.«
»Hören Sie.« Der Raum drehte sich vor Ross’ Augen. »Ich kann jetzt nicht darüber reden.«
»Sie sollen auch nicht reden. Sie sollen mir helfen.«
Ross blickte auf. »Ich bin kein Polizist.«
»Nein«, sagte Eli ruhig. »Aber Sie können anscheinend Dinge finden, die wir anderen nicht sehen können.«
LISTE DER BEI DER HAUSDURCHSUCHUNG GEFUNDENEN GEGENSTÄNDE: Mordfall Pike, 19. Sept. 1932
GEGENSTÄNDE VOM VORDACH DES EISHAUSES:
Abgeschnittene Schlinge, Lederbeutel, Pfeife
Fotografien: Sägemehl mit Fußspuren, abgeschnittener Leichnam
GEGENSTÄNDE VOM LEICHNAM:
Schuhe, Kleid, Unterwäsche/ Damenbinde
Fotos: Obduktion
GEGENSTÄNDE AUS SCHLAFZIMMER:
Fotografien: zerbrochene Fensterscheibe
Fotografien: Räume des Hauses – durchwühlt
Namensliste für geplante Dinnerparty in der folgenden Woche
Bettlaken, Kopfkissen, Tagesdecke, Nachthemd – befleckt
Windeln, Waschschüssel
Als Ross nach Hause kam, wurde es Tag. Er ging ins Haus, dankte einem Gott, an den er nicht mehr glaubte, dass Shelby anscheinend nicht auf war. Er eilte in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich, kroch vollständig angezogen ins Bett und verzweifelte. Er sehnte sich nach einer Frau, die genauso empfand wie er – als hätte ihr etwas gefehlt, bis sie sich kennenlernten, einer Frau, die bereit war, alles aufzugeben, um ihm von einer Welt in die andere zu folgen, überzeugt, dass jede Sekunde, die sie unglücklich allein gewesen war, nur zu der Begegnung mit ihm geführt hatte.
Er wollte eine Frau, die es nicht gab.
Es klopfte an der Tür. Ross ignorierte es.
»He.« Shelby setzte sich auf die Bettkante, legte eine Hand sachte auf die Stelle der Decke, wo seine Schulter war. »Ich weiß, dass du nicht schläfst.«
Er zog die Decke ein Stück herunter. »Woher?«