»Weil du nie schläfst.«
Er sah zu, wie Shelby den Rand der Decke zu einem Fächer faltete, den sie sofort wieder auseinanderfallenließ. »Was wollte der Polizist von dir?«
»Nichts.«
»Er kommt extra den weiten Weg hierher und nimmt dich mit aufs Revier wegen nichts?«
»Lass mich in Ruhe, Shelby. Wenn du jemanden bemuttern willst, geh zu deinem Sohn.«
»Mein Sohn weint aber nicht.«
Ross berührte seine Wangen – verdammt, er hatte es nicht mal gemerkt. »Ich kann jetzt nicht.«
»Ross, red mit mir …«
Er drehte sich auf den Rücken, legte den Arm über die Augen. »Shel, hör mal. Ich habe nicht erfahren, dass ich nur noch sechs Wochen zu leben habe, leider. Ich habe auch nichts verbrochen. Ich hatte bloß eine richtig beschissene Nacht, die mich daran erinnert hat, warum es nichts bringt, sich zu verlieben. Also geh wieder in dein Zimmer oder in die Stadtbücherei oder egal wohin und lass mich allein, ja?«
»Wer ist sie?«, fragte Shelby.
Ross stützte sich auf einen Ellbogen. »Sie«, sagte er, »ist der Geist einer Frau, die vor siebzig Jahren ermordet wurde.«
Shelbys Mund klappte auf, und Ross sank wieder aufs Kissen. »Voilà.«
»Du hast einen Geist gesehen?«
»Ich hab einen Geist gesehen. Ich hab einen Geist berührt. Ich hab einen Geist geküsst.«
»Du hast einen Geist geküsst?«
»Ich hab mich so heftig in einen Geist verliebt, dass ich innerlich noch ganz wund bin.«
»Ross, bitte …«
»Nicht, Shelby. Sag nichts. Ich weiß hundertprozentig, was da draußen mit mir passiert ist und was nicht.«
Seine Stimme klang jetzt schrill, seine Augen blickten wild. »Ross«, sagte sie sanft, »es gibt keine Geister.«
Er sah sie an. »Woher willst du das wissen?«
Shelby wollte etwas entgegnen, aber dann begriff sie, dass sie dieses Gefühl, das ihn quälte, nur zu gut kannte: Sie hoffte auf das Unmögliche, darauf, dass die Forschung in absehbarer Zukunft vielleicht doch noch ein Mittel gegen XP fand. Plötzlich verstand sie, dass Ross, ob sein Geist nun real war oder nicht, im Augenblick einfach fest daran glauben musste. Und es war wichtig für ihn, dass auch sie daran glaubte.
Ross presste sich die Handballen gegen die Augen. »Gott, vielleicht bin ich ja tatsächlich verrückt.«
»Du bist nicht verrückter als alle anderen.« Shelby strich ihm durchs Haar. »Verliebtheit ist bloß ein anderes Wort für nicht klar sehen können. Wenn man einen Menschen liebt – erst dann wird er real.«
»Sie ist fort«, sagte Ross mit erstickter Stimme. »Sie hat mich verlassen.«
Shelby beugte sich hinab und gab ihm einen Kuss oben auf den Kopf. »Dann such sie.«
»Verdammt«, sagte Eli, als er den Krach hörte. Er lief aus dem Badezimmer nach unten, das Gesicht noch halb mit Rasierschaum bedeckt, und stellte Watson unter dem Couchtisch, unter den er sich verkrochen hatte. Ein kurzer Rundblick durchs Wohnzimmer verriet ihm, dass entweder bei ihm eingebrochen worden war oder dass ein schwerer Hund irgendetwas gejagt hatte. Der Fernseher war heruntergefallen, die Sofakissen lagen auf dem Boden verteilt, und ein Stuhl war gegen das Fenster gekippt und hatte die Scheibe zerschlagen. Eli ging vor dem Hund in die Hocke. »Gib sie mir.« Er hielt ihm eine Hand hin, und Watson öffnete verlegen den Mund, um die Maus herausfallen zu lassen.
Eli warf sie durch das kaputte Fenster nach draußen. »Na prima, Watson.« Der Hund winselte und drückte die Nase in den Teppich. Eli ging seufzend zum Fenster und stellte den Stuhl gerade. Da die Scheibe von innen zerschlagen worden war, lagen die meisten Scherben irgendwo zwischen den Azaleensträuchern.
Plötzlich fuhr Eli herum und lief ins Schlafzimmer, um den Umschlag mit den Tatortfotos von dem Pike-Fall herauszusuchen. Die Bilder waren siebzig Jahre alt, aber er sah, was ihn interessierte: Cissy Pikes Schlafzimmer. In der Mitte des Fotos war das Bett, aber direkt dahinter befand sich das Fenster. Und außen auf der Fensterbank lag etwas Glänzendes. Was war mit dem Fußboden?
Eli kratzte sich die Wange, bemerkte, dass er noch immer Rasierschaum im Gesicht hatte. »Wenn ich fertig bin, Watson«, sagte er, »machen wir eine kleine Spritztour.«
Rod van Vleet schob sein Gesicht bis fast an Ross’ Nasenspitze. »Hab ich richtig gehört?«, sagte er. »Sie haben tatsächlich einen Geist gefunden?«
Ross nickte. »Das sollte ich doch, oder?«
»Nein!« Rod warf die Hände in die Luft. »Sie sollten Haus und Grundstück überprüfen. Ich hab doch nicht damit gerechnet, dass Sie was finden.« Er setzte sich in dem engen Baucontainer Ross gegenüber. »Was soll ich denn jetzt machen? Weihwasser verspritzen?«
»Es geht nicht um einen Dämon. Bloß um einen Geist.«
»Ach so, hervorragend«, sagte Rod. »Und was mache ich, bitte schön, wenn der Geist meinen Mitarbeitern auf die Pelle rückt?«
»Das ist unwahrscheinlich. Curtis Warburton hat immer gesagt, dass Geister sich meistens nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.«
»Dann wird es ihm ja bestimmt nichts ausmachen, woanders rumzuspuken.«
Ross schüttelte den Kopf. »Menschliche Geister gehen nur dann woandershin, wenn sie es wollen. Wenn sie einem Ort emotional verbunden sind, dann bleiben sie, wo sie sind.«
Rod schwieg eine Weile. »Wenn ein Richter diesen Schwachsinn glaubt und denkt, dass hier ein Geist sein Unwesen treibt, verliere ich meine Baugenehmigung«, sagte er schließlich. »Das heißt, einer von uns muss hier verschwinden … und ich bin sicher, für ein entsprechendes Honorar können Sie den Pike-Besitz zur geistfreien Zone machen.«
Die Farbe wich aus Ross’ Gesicht. »Ich kann sie nicht dazu bringen zu gehen.«
»Dann such ich mir eben jemanden, der das kann.«
Sie starrten einander an, bis Ross ohne ein weiteres Wort aus dem Baucontainer stürmte. Rod sah ihm nach. Die Arbeiter, an denen er vorbeiging, verzogen keine Miene. Aber schließlich wurden sie auch dafür bezahlt, ihre Arbeit zu machen – und kleinere Erschwernisse wie gefrorener Boden im August wurden zumindest mit gut bezahlten Überstunden entschädigt. Er hatte es auf seiner Baustelle also mit einem Geist zu tun. Na und? Vielleicht konnte er sogar Profit daraus schlagen. Ein Restaurant »Spuknapf« aufmachen oder ein Café »Geist-Reich«.
Oder vielleicht sollte er hier gar kein Einkaufszentrum bauen, sondern eine gruselige alte Pension, wenn er schon einen Geist hier hatte.
Das forensische Labor in Montpelier behandelte Fälle in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit. Es konnte also durchaus passieren, dass Beweismittel in einem Mordfall binnen eines einzigen Tages untersucht wurden, bei einem einfachen Einbruch dagegen erst nach Wochen. Eli wusste das natürlich, und genau das war der Grund, warum er jetzt mit Tuck Boorhies, einem Labortechniker, mit dem er bereits früher zusammengearbeitet hatte, sprach. »Ein Mord?«, sagte Tuck. »In Comtosook?«
»Richtig«, sagte Eli. Er erwähnte nicht, dass die Tat siebzig Jahre zurücklag.
Tuck nahm das Foto, das Eli dabeihatte. »Du liebe Güte. Wieso denn schwarz-weiß?«
»Wie lange brauchst du?«
»Wie lange willst du mir hier noch auf die Finger gucken?«, erwiderte Tuck, während er bereits den Ausdruck in den Computer einscannte. »Also, welchen Teil soll ich vergrößern?«
Eli zeigte es ihm auf dem Bildschirm, und der Computer zoomte das Schlafzimmerfenster mit dem Holzboden davor heran. Der Techniker drückte Knöpfe, manipulierte den Kontrast. »Was siehst du?«, fragte Eli.
»Einen Fußboden.«
»Was siehst du auf dem Fußboden?«
»Nichts«, sagte Tuck.
Eli grinste. »Genau.«
Zehn Minuten später hatte er einen Ausdruck von dieser und einigen anderen Vergrößerungen, darunter eine von einer Zoomaufnahme, die draußen vor dem Haus unter dem Fenster von Cecelia Pike gemacht worden war. Dort lagen neben dem Fuß der Leiter, die noch immer am Haus lehnte, kleine blinkende Stückchen im Gras, die aussahen wie Glasscherben. »Im Zimmer ist kein Glas«, sagte Eli eine halbe Stunde später auf der Heimfahrt zu Watson, der hechelnd neben ihm im Pick-up saß. »Aber draußen ist Glas. Das bedeutet, dass niemand sie rausgeholt hat. Sie ist ausgebrochen. Aber wenn sie entführt wurde, warum hätte sie dann ausbrechen sollen?«