Eli verlangsamte das Tempo, als ein Wagen ihn überholte. »Weil sie gar nicht entführt wurde, ganz einfach. Sie ist weggelaufen. Wieso klettert jemand aus dem Fenster, statt die Tür zu benutzen? Weil er nicht gesehen werden will. Oder weil die Tür von jemand anderem abgeschlossen wurde. Und warum zerschlägt er die Scheibe? Weil das Fenster ebenfalls verriegelt wurde.«
Er sah seinen Hund an. »Nächste Frage: Warum war unten im Haus alles durchwühlt? Pike sagt im Polizeibericht aus, Gray Wolf sei durch das kaputte Schlafzimmerfenster eingestiegen. Wenn das wahr wäre, dann wäre er nicht mit dem Opfer die Treppe heruntergegangen – er hätte denselben Weg genommen, auf dem er gekommen war. Das heißt, jemand anders muss das Chaos im Haus angerichtet haben.« Er überlegte, wer etwas davon gehabt hätte, die Tat zu inszenieren. Dann setzte Eli den Blinker und nahm die Ausfahrt. »Alle Wege«, sagte er, »führen zu Spencer Pike.«
GERICHTSMEDIZINISCHER BERICHT
TODESURSACHE: ERHÄNGEN
TODESART: SELBSTMORD
Weitere Feststellungen:
Das Opfer hat nicht lange vor der Tat entbunden; Entbindung termingerecht oder ein wenig früher.
ÄUSSERLICHE UNTERSUCHUNG
Es handelt sich um den Körper einer voll entwickelten, gut genährten weißen Frau, deren Aussehen dem festgestellten Alter entspricht. Das Haar ist blond. Die Augen sind braun. Die Pupillen sind gleich groß und haben je einen Durchmesser von sechs Millimetern. Die Körperlänge beträgt 158 cm, das Körpergewicht 56 kg. Keine sichtbaren Narben. Die Totenstarre ist gering. Geringe Totenflecke an Händen, Unterarmen, Füßen und Beinen. Die Rückseite des Rumpfes weist ebenfalls eine leichte Verfärbung auf.
Die Augen stehen vor. Am Hals ist eine zwei Zentimeter breite, rote Furche erkennbar, die vorn ausgeprägter ist als hinten. Sie erstreckt sich von knapp oberhalb des Schildknorpels bis zur Höhe der Ohren. In der Haut oberhalb der Furche sind Petechien erkennbar. Aus Mund und Nasenlöchern ist blutiger Schleim ausgetreten. Die Zunge ragt heraus, und die Zungenspitze ist schwärzlich und trocken. In der Haut des Halses sind parallele Kratzspuren festzustellen.
Thorax: Die Brüste sind vergrößert. Keine Ekchymosen erkennbar.
Unterleib: Der Unterleib ist gewölbt und weist Schwangerschaftsstreifen auf. Der Uterus ist zehn Zentimeter oberhalb des Schambeins tastbar.
Extremitäten: Zahlreiche Ekchymosen an Schienbeinen und Handgelenken.
INNERE UNTERSUCHUNG
Die Öffnung des Körpers erfolgt über den üblichen Y-Schnitt. Die Thorax- und Unterleibsviszera sind normal positioniert. Es ist keine Pleural- oder Peritonealflüssigkeit nachweisbar. Die Untersuchung des Halses ergibt keinerlei Anzeichen für eine Fraktur des Schildknorpels oder des Zungenbeins. Ekchymosen befinden sich nur unterhalb der äußerlich erkennbaren Furche.
Die rechte Lunge wiegt 300 Gramm, die linke Lunge wiegt 280 Gramm. Geringe Kongestion in beiden unteren Lungenlappen im hinteren Bereich. Das Herz wiegt 350 Gramm. Keine Anomalitäten erkennbar.
Die Leber wiegt 1200 Gramm, und die Sektion ergibt einen Inhalt von 600 ccm flüssigem Blut. Die Leber hat eine leichte Muskatnussfärbung. Bauchspeicheldrüse und Gallenblase sind unauffällig. Die Milz wiegt 100 Gramm. Sie ist äußerlich und, wie die Sektion ergibt, auch innen unauffällig. Der Magen enthält eine kleine Menge teilweise verdauter Speisen. Tabletten sind nicht erkennbar. Die Gedärme weisen keinerlei Anomalitäten auf.
Nieren, Harnleiter und Blase sind normal angeordnet und abgegrenzt.
Der Uterus wiegt 450 Gramm. Die Gebärmutterwand ist zwei Zentimeter dick und hämorrhagisch. Der rechte Eierstock weist ein zwei Zentimeter großes Corpus luteum auf, der linke Eierstock ist unauffällig.
Bauchaorta und Hohlvene sind unauffällig. Es liegen geringfügige postmortale Blutungen vor. Gehirn und Rückenmark weisen keine signifikanten Anomalitäten auf.
MIKROSKOPISCHE UNTERSUCHUNG
Sektionen des blutunterlaufenen Bereichs an der rechten Körperseite zeigen eine geringe Anzahl von segmentierten Neutrophilen um die ausgetretenen roten Blutkörperchen herum. Sektionen der Lunge zeigen leichte Kongestion und Ödeme. Anzeichen für eine Lungenentzündung liegen nicht vor. Sektionen des Leberhämatoms bestätigen den Eindruck, dass keine erkennbare Blutverteilung vorliegt. Sektionen der übrigen Eingeweide ergeben keine Auffälligkeiten.
»Übersetz mir das, Wesley«, sagte Eli. Er saß auf der Veranda des alten Mannes, ein Glas Limonade in der Hand.
Wesley Sneap war der einzige Arzt des Ortes gewesen – und bis 1985 auch als Coroner eingesprungen. Jetzt lebte Wesley zwar im Ruhestand, hatte aber noch immer ein Mikroskop und ein provisorisches Labor im Keller.
»Tja«, seufzte er, »sie wurde erhängt, eindeutig. Das sieht man in ihrem Gesicht und daran, wie sie sich den Hals zerkratzt hat.«
Eli beugte sich vor, die Hände gefaltet. »Was noch?«
Der Doktor überflog den Bericht ein zweites Mal. »Einiges, was hier steht, bestätigt, dass sie kurz zuvor entbunden hat … die Dicke des Uterus, die Kolostralmilch, die Größe des Herzens. Ach, und einige Stunden vor ihrem Tod hatte sie einen Kampf mit jemandem. Sie hat Blutergüsse an Schienbeinen und Handgelenken, aber nur die Handgelenke sind als Reaktion auf die Verletzung geschwollen. Die Blutergüsse an den Schienbeinen nicht, weil sie schon tot war, bevor eine Zellreaktion erfolgen konnte. Hat wahrscheinlich wie verrückt um sich getreten, um sich zu befreien.«
»Wann ist der Tod eingetreten?«
»Mal sehen.« Wesley legte die Stirn in Falten. »Nichts im Magen, aber sie war ja schließlich mit der Geburt beschäftigt. Aber es lässt sich einigermaßen bestimmen, wie lange sie gehangen hat … sie hatte schon Totenflecke – also Hautverfärbungen durch Blutansammlungen, an Beinen und Unterarmen … sie hat mindesten vier oder fünf Stunden gehangen. Aber nicht viel länger, denn dann hätte sich nichts mehr verändert. Es hat aber eine Umverteilung des Blutes auf die Rückseite des Rumpfes gegeben, nachdem sie abgeschnitten wurde.«
»Der Ehemann hat ausgesagt, dass er die Leiche am Vormittag gegen halb elf abgeschnitten hat … aber der Mörder ist mitten in der Nacht ins Haus gekommen.«
Wesley schüttelte den Kopf. »Das haut nicht hin. Laut Obduktionsbefund muss sie gegen sechs Uhr morgens erhängt worden sein, wenn sie um halb elf abgeschnitten wurde.«
»Und wenn sie mitten in der Nacht aufgehängt wurde?«, fragte Eli.
»Dann hat man sie gegen sechs oder sieben Uhr morgens abgeschnitten. Sonst wären die Totenflecke unveränderlich gewesen und hätten sich nicht mehr auf die Rückseite des Rumpfes verteilt.«
Er nahm einen von den Objektträgern, die an den Obduktionsbericht gesteckt waren, und hielt ihn gegen das Licht. »Ha.«
»Was siehst du da?«
»Tja, mein Kollege von damals erwähnt einen Bluterguss an der rechten Körperseite, und dann spricht er von einem Leberhämatom. Offenbar ist er von einem physischen Trauma ausgegangen. Er hat gedacht, das Hämatom bestünde aus vergrößerten Blutgefäßen, als Folge eines rechtsseitigen Herzfehlers.«
»Wie bitte?«
»Man muss sich das wie ein verstopftes Rohr vorstellen: Wenn das Herz nicht gut funktioniert, staut sich alles in der Leber. Aber die Frau war auf der Stelle tot … für so eine Reaktion wäre keine Zeit gewesen.« Er blickte mit zusammengekniffenen Augen auf das Dia. »Komm mal mit nach unten. Ich will mir das genauer ansehen.«