Eli folgte Wesley hinunter in den Keller zu einem Untersuchungstisch aus Chrom und einer Arbeitsplatte voller Instrumente und Mikroskope. »Ich erinnere mich an den Fall«, sagte er. »Als ich 1943 nach Comtosook zog, sprachen die Leute noch darüber. Ja, die Jungs damals haben sich am Halloween-Abend im Wald auf dem Pike-Grundstück versteckt, damit sie am nächsten Tag in der Schule damit prahlen konnten.«
»Tatsächlich? Was haben sie denn so erzählt?«
»Eigentlich nicht viel. Das war eine Mutprobe für sie, und wenn sie wiederkamen, waren sie alle ziemlich kleinlaut. Einer von ihnen, ein richtiges Football-Ass, war mein Patient, weil er den ganzen November lang kein Wort mehr rauskriegte. Ich hab ihn nach Boston schicken müssen, zur Kehlkopfuntersuchung bei einem teuren Spezialisten.«
»Und was fehlte ihm?«
»Nicht das Geringste, körperlich. Irgendwann hat er wieder sprechen können, als wäre nie was gewesen.«
»Glaubst du, dem ist auf dem Pike-Grundstück irgendwas passiert?«
Wesley zuckte die Achseln. »Einem Körper kann so manches passieren, das nie in irgendwelchen Medizinbüchern auftaucht. Zum Beispiel, dass man an Trauer sterben kann, oder das Schwindelgefühl, wenn man verliebt ist. Ich hab keine Sekunde lang geglaubt, dass der Junge irgendwas an den Stimmbändern hatte, egal, was für neumodische Tests die Ärzte in der Stadt mit ihm anstellten. Und ich hab recht behalten.« Er schob den Objektträger unter das Mikroskop und spähte hinein. »Aha.«
»Was ist?«
»Fibrinablagerung innerhalb der periportalen Sinusoide und mikrosokopische Einblutungen. Und koagulative Nekrose in den periportalen Hepatozyten.«
»Meine Güte, Wesley. Was heißt das?«
Wesley nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. »Präeklampsie ist eine ernste Komplikation während der Schwangerschaft. Noch ernster wird sie, wenn sie das HELLP-Syndrom verursacht – das ist die Kurzform für Hämolyse, erhöhte Leberwerte, niedrige Thrombozytenzahl. Es ist erst seit gut zwanzig Jahren diagnostizierbar – und es ist heilbar, jetzt, wo man weiß, was es ist. Aber früher sah die Sache anders aus … der Zustand konnte sich rasch verschlimmern. Ich habe den Eindruck, dass das Leberhämatom eine Folge des HELLP-Syndroms ist und nichts mit irgendwelchen Schlägen zu tun hat, wie dein alter Mediziner offenbar meinte.«
»Wirkt sich das irgendwie auf meine Ermittlungen aus?«
Der Doktor schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Es bedeutet bloß, dass Cissy Pike, wenn sie nicht erhängt worden wäre, wahrscheinlich innerhalb von ein paar Tagen eines natürlichen Todes gestorben wäre.«
Spencer Pikes Haut hatte eine stumpfe, gelbe Färbung angenommen, wie faulendes Pergament. Schläuche leiteten Sauerstoff in seine Nase. In dem Blick, mit dem er zusah, wie Eli sein Tonbandgerät einschaltete, lag die Enttäuschung eines Mannes, der wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit auf dieser Erde blieb, und der nicht bereit war, sie mit einem Fremden zu teilen. »Wenn ich mich nicht irre, ist es kein Verbrechen, ein Stück Land zu verkaufen, das einem gehört.«
»Stimmt«, erwiderte Eli. Er sah kurz zu den anderen Heimbewohnern hinüber, die hier in der Cafeteria saßen und ein breiiges Mittagessen zu sich nahmen. »Ich frage mich nur, warum Sie es verkaufen wollten.«
Pike lachte. »Ich will nun mal das Luxusleben fortführen können, an das ich mich hier gewöhnt habe. Sagen Sie den Zigeunern, dass es mir gehört, Detective. Wenn ich dort eine Kirmes veranstalten will, dann ist das mein gutes Recht. Wenn ich es an weiße Rassisten verschenken will, dann ist das meine Sache. Und wenn ich es lieber an einen trotteligen Bauunternehmer verhökere, statt zu warten, bis der Staat Vermont es nach meinem Tod einsackt, dann ist auch das einzig und allein meine Entscheidung.«
Eli wurde zweierlei klar: Spencer Pike dachte, er wäre gekommen, um den Streit mit den Abenaki zu schlichten, und Spencer Pike hatte keine Ahnung, dass in Elis Adern indianisches Blut floss. Das machte er sich zunutze. »Hört sich an, als hätten Sie schon mal Ärger mit den Abenaki gehabt.«
»Das kann mal wohl sagen! Einer von denen hat meine Frau umgebracht.«
»Ja, das steht im Polizeibericht. Das muss hart für Sie gewesen sein.«
»Sie war meine große Liebe. Niemand sollte seine Frau und sein Baby am selben Tag beerdigen müssen.«
»Die Gräber sind auf Ihrem Grund und Boden, nicht wahr?«
»Ja.«
Eli neigte den Kopf. »Warum eigentlich nicht auf dem Friedhof der Kirche? Sie waren doch ein aktives Gemeindemitglied.«
»Meine Tochter wurde tot geboren«, sagte Pike. »Und meine Frau war tot. Ich … wollte sie beide nicht gehen lassen. Sie sollten an einem Ort sein, an dem sie mich finden konnten – und an dem ich sie finden konnte.« Er wandte sich ab, aber Eli sah, dass er weinte.
In dem ursprünglichen Polizeibericht war der Leichnam des Kindes mit keinem Wort erwähnt worden. Eli hatte das gemerkt und auf schlampige Arbeit zurückgeführt – jeder Gerichtsmediziner, der etwas auf sich hielt, hätte eine Obduktion an dem Kind vorgenommen. Andererseits, wenn ein einflussreicher, wohlhabender Mann anrief und den Mord an seiner Frau meldete, würde die Polizei es ihm bestimmt nicht noch schwerer machen wollen. Wenn Pike gesagt hatte, dass das Baby tot zur Welt gekommen war, dann hätten sie das nicht in Zweifel gezogen.
Die Leute sehen, was sie sehen wollen, das wusste Eli, und Polizisten waren da nicht anders. »Sie haben sie gefunden«, sagte er.
»Ich habe sie selbst abgeschnitten. Natürlich wusste ich, dass ihr von der Polizei immer genau sehen wollt … wie alles gewesen ist. Aber ich konnte ihren Anblick nicht ertragen. Sie sah aus …« Seine Stimme verlor sich. »Sie sah aus, als hätte sie Schmerzen.«
»Was war mit ihrem Vater?«
»Harry? Der war in Boston auf einem Kongress und ist auf der Stelle zurückgekommen. Er war nie mehr der Alte nach dem Mord an Cissy … hat sich zwei Jahre später zu Tode getrunken.«
Boston. Damit war er als Verdächtiger auszuschließen. »Haben Sie damals irgendwo einen Stuhl oder Hocker gesehen?«, fragte Eli. »Irgendwas, auf das Ihre Frau geklettert sein könnte?«
»Meine Frau wurde ermordet«, stellte Pike klar, die Stimme trocken wie Feuerstein. »Wenn sie Selbstmord begangen hätte, dann hätte sie zu dem Dachbalken hochfliegen müssen – der war drei Meter über dem Boden, und es war nichts da, auf das sie sich hätte stellen können.«
Eli blickte dem alten Mann unverwandt in die Augen. »Mr. Pike, ich möchte nur verstehen, was passiert ist. Durch den ganzen Wirbel, den der Verkauf Ihres Besitzes ausgelöst hat, sind wir auf ein paar Spuren bezüglich Gray Wolf gestoßen. In meinen Augen wurde der Fall damals nicht befriedigend abgeschlossen.«
»Seh ich auch so.«
Eli wartete, wusste er doch, dass Schweigen den größten Druck ausüben konnte, aber Pike gestand nichts. Eine Krankenschwester kam und sagte mit einem Lächeln: »Zeit für Ihre Physiotherapie.«
Eli legte eine Hand auf den Rollstuhl. »Haben Sie eine Ahnung, wohin Gray Wolf nach der Nacht gegangen sein könnte?«
Pike schüttelte den Kopf. »Aber wenn Sie ihn unbedingt finden wollen, Detective, dann sollten Sie als Erstes in der Hölle nach ihm suchen.«
Eli sah dem alten Mann nach, den die Krankenschwester in seinem Rollstuhl davonschob. Er wartete, bis er um die Ecke gebogen war. Dann zog er ein Paar Gummihandschuhe aus der Tasche, öffnete einen Plastikbeutel und nahm das Wasserglas des alten Mannes vom Tablett.
In Comtosook kehrte allmählich alles wieder zur Normalität zurück. Die Uhren, die vor einigen Wochen um Punkt Mitternacht stehen geblieben waren, tickten wieder. Schmetterlinge, die grau geworden waren, schimmerten in frischen Farben. Die Leuchtkäfer, die die Birken vor der Stadtverwaltung befallen hatten, waren verschwunden.