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Nicht wenige Bewohner des Ortes fragten sich, warum sie sich so leer fühlten. Es fehlte ihnen etwas, das sie nie beim Namen hätten nennen können.

Shelby schaffte es mit knapper Not aus der Anwaltskanzlei ins Freie, wo sie sich übergab. Anschließend ließ sie sich auf den Bordstein sinken und begann, mit sich zu hadern. Schließlich war es ganz normal, zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben ein Testament aufzusetzen, erst recht, wenn man einen Sohn hatte.

Doch Shelby wusste nun einmal mit Sicherheit, dass ihr Hab und Gut, das sie soeben an Ethan vermacht hatte, nie ihm gehören würde.

Shelbys Wehen hatten während eines Gewitters eingesetzt. Thomas hatte sie in ihr altes Cabrio verfrachtet, dessen Dach immerzu klemmte, wenn man es schließen wollte. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde sie vom Regen klatschnass. Als man ihr den Kleinen auf die Brust legte, weich und klebrig wie ein Frosch, konnte Shelby den Blick nicht von ihm reißen. »Sieh doch«, hatte sie immer wieder zu Thomas gesagt, »hast du schon mal so was Schönes gesehen?«

Ethan war kräftig, mit dunklen Haaren, entschlossenen Fäustchen und blass-türkisblauen Augen. Alle waren ganz vernarrt in ihn, und auf der Straße sprachen die Menschen sie an und sagten: »Was für ein süßes Baby.« Ethans Schwächen waren, wie sich herausstellte, nicht sichtbar.

Den ersten schlimmen Sonnenbrand bekam er mit sechs Wochen. Thomas und Shelby lebten zu der Zeit in New Hampshire, an der Küste, und im Oktober, wenn die Strände leer waren, fuhren sie ins Vogelschutzgebiet auf Plum Island. Dort, an dem langen, einsamen Strand, wo ihnen die Möwen die Kräcker stibitzten, legten sie den schlafenden Ethan in den Sand und küssten sich, streichelten sich gegenseitig unter dem Pullover, die Haare ganz steif vom Salz in der Luft. »Wir führen uns auf wie die Teenager«, sagte Shelby, als Thomas den Reißverschluss ihrer Jeans öffnete. Und Thomas hatte lachend erwidert: »Teenager haben aber keine Kindersitze.«

Sie vergaßen alles um sich herum und bemerkten nicht, wie sich die Haut ihres Babys beunruhigend rot verfärbte. Ihnen war nicht klar, dass das, was sie für Ausschlag hielten, in Wirklichkeit Brandblasen sein könnten.

Die Ärzte hatten ihr nicht sagen können, ob ihre oder Thomas’ DNA den fatalen Defekt in sich trug, aber für Shelby hätte es ohnehin keine Rolle gespielt. Sie gab sich die Schuld für Ethans Zustand, sie würde ihr Leben lang versuchen, ihren Fehler wiedergutzumachen.

Niemand konnte vorhersagen, wie viel Zeit Ethan noch blieb. Der Dermatologe meinte, das hänge davon ab, wie stark Ethans Haut vor der Diagnose bereits geschädigt worden war – jede Minute, die er als Baby ungeschützt der Sonne ausgesetzt gewesen war, könnte ihn Tage seines Lebens kosten. Shelby fragte sich, wie um Himmels willen man den Körper seines Kindes in die Erde hinablassen und dann weiterleben konnte.

Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Trotz dieses frisch aufgesetzten Testaments würde nicht Ethan ihr Porzellan, ihre Fotos, ihre alten Liebesbriefe durchgehen. Nein, Shelby selbst würde kleine Hemden zusammenfalten und für karitative Zwecke einpacken, die Fenster seines Zimmer öffnen und seinen Geruch freilassen, bis es irgendwem gehört haben könnte – und nicht ihrem wunderbaren Jungen.

Sie hörte ein Fahrzeug näher kommen, schaute aber nicht auf. Es ging niemanden etwas an, wie schlecht sie sich fühlte. Die Fenster des Wagens waren offen. Sie hörte den Klang einer Gitarre aus dem Radio.

»Ms. Wakeman?« Die Räder kamen vor ihr zum Stehen. Shelby hob erst den Kopf, als sie ein Hecheln hörte. Sie sah einen riesigen Hund, der den Kopf aus dem Fenster eines schwarzen Pick-up hängen ließ. Eine Hand schob den Schädel zur Seite, und der Polizist, der gestern Abend bei ihr gewesen war, kam zum Vorschein.

Eli. Genau. So hieß er.

Sie wischte sich über die Wangen. »Äh, hallo.«

Sie spürte, wie er sie anstarrte. Hatte Ethan diese Empfindung, wenn er in der Sonne war – spürte er diese unglaubliche Hitze an die Oberfläche seiner Haut strömen? Zu ihrer Überraschung sagte der Polizist: »Watson möchte einen Kaffee trinken gehen.«

»Watson?«

Eli tippte dem Hund auf den Kopf. »Watson.«

Shelby musste unwillkürlich lächeln, als sie sich erhob. »Der Hund trinkt Kaffee?«

Eli hielt dem Hund scherzhaft die Schlappohren zu und sagte verschwörerisch: »Er will nur nicht mehr weiterwachsen.«

Shelby lachte und war selbst erstaunt, dass sie so einen Laut noch hervorbringen konnte.

»Watson würde sich geehrt fühlen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten würden.«

Shelby trat auf das geöffnete Fenster zu. »Watson sollte lernen, für sich selbst zu sprechen.«

Eli griff an dem Hund vorbei, und die Tür schwang vor Shelby auf. »Da haben Sie recht«, lächelte Eli. »Aber er ist einfach zu schüchtern.«

Ross nahm einen langen Zug von seiner Zigarette und warf die Kippe in die Büsche am Rand der Veranda. Er hatte festgestellt, dass es die Sache kein bisschen leichter machte, in dem Augenblick dabei zu sein, wenn man jemanden verlor, den man liebte. Dass man, auch wenn man äußerlich wie betäubt war, innerlich verbluten konnte.

Ross wusste nicht mehr, was er glauben sollte. Konnte er Lia lieben und trotzdem noch Aimee lieben? Hätte Aimee zurückkommen können, so wie Lia, und hatte es nicht gewollt? Und wenn dem so war … war dann die Bindung zwischen ihnen doch nicht so stark gewesen, wie er gedacht hatte?

Wenn er diesen Gedanken zuließ, machte der all seine Bemühungen der letzten zehn Jahre zunichte. Ross hatte versucht, seiner Verlobten zu folgen – erst indem er mit dem eigenen Tod geliebäugelt hatte, dann durch die Erforschung des Übersinnlichen. Aber vielleicht war ja ihre Beziehung, die er dem Schicksal zugeschrieben hatte, bloß reiner Zufall gewesen. Vielleicht hatte er Aimee kennengelernt, sie geliebt, sie verloren – nur damit er irgendwann später auf Geisterjagd gehen und Lia kennenlernen würde.

Wenn Ross schon mehrere Jahre gebraucht hatte, um überhaupt einen Geist zu finden, dann würde er bestimmt mehrere Leben brauchen, um einen ganz bestimmten zu finden, der nicht gefunden werden wollte.

Warum also nicht mit dem jetzigen Leben aufhören und mit dem nächsten anfangen?

Er blickte auf die Stelle auf seinem Arm, auf der er sich vor Wochen eine Zigarette gedrückt hatte. Nur wenige Zentimeter darunter war die Narbe, die ihn daran erinnerte, wie nahe er einmal dem Tod gewesen war. Es wäre nicht schwer, es noch einmal zu tun. In Shelbys Badezimmer waren jede Menge bunter Tabletten. In Ethans Nachttischschublade lag ein Schweizer Messer. Er hatte das Haus vor Wochen genau inspiziert, ein Reisender, der sich für den Notfall den schnellsten Fluchtweg überlegte.

Bloß: Ross wusste, dass er nicht so ohne Weiteres auf die andere Seite wechseln würde. Er würde ein Geist werden, der in dieser Welt festsaß, gehalten durch den Schmerz, den er seiner Schwester bereitet hatte, durch das, was er nicht für Lia getan hatte.

Vielleicht würde er Eli Rochert ja doch helfen. Vielleicht würde Lia, wenn sie irgendwo war, wo sie ihn sehen konnte, dann einen Grund haben zu bleiben … egal, was van Vleet auch unternehmen würde, um sie zu vertreiben.

Frustriert schob er die Hände in die Hosentaschen, und seine Fingerspitzen stießen gegen etwas Metallisches. Aus beiden Taschen zog er je einen glänzenden Kupferpenny aus dem Jahre 1932.

»Wo hast du die denn her?«

Ross schrak zusammen. »Wieso bist du auf?«

Ethan war von Kopf bis Fuß in Kleidung gehüllt, obwohl die Veranda vor der Sonne geschützt war. »Ich weiß nicht. Du schläfst doch auch nicht, oder?« Ethan kam näher und schaute auf die Pennys. »Wenn du noch einen Dollar drauflegst, kriegst du gerade mal eine Tasse Kaffee.«

»Die Kinder von heute sind richtige Zyniker geworden.«

»Sonst kann man die Welt ja auch nicht ertragen«, erwiderte Ethan. »Wir sind die Generation Z.«